text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Umkämpfte Zone Mein Bruder, der Osten und der Hass von Geipel, Ines (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.02.2019
  • Verlag: Klett-Cotta
eBook (ePUB)
15,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Umkämpfte Zone

Fremdenfeindlichkeit und Hass auf "den Staat": Verlieren wir den Osten Deutschlands? Das Buch sucht Antworten auf das Warum der Radikalisierung, ohne die aktuell bestimmende Opfererzählung nach 1989 zu bedienen. Es erzählt von den Schweigegeboten nach dem Ende der NS-Zeit, der Geschichtsklitterung der DDR und den politischen Umschreibungen nach der deutschen Einheit. Verdrängung und Verleugnung prägen die Gesellschaft bis ins Private hinein, wie die Autorin mit der eigenen Familiengeschichte eindrucksvoll erzählt. Seit 2015 haben sich die politischen Koordinaten unseres Landes stark verändert - insbesondere im Osten Deutschlands. Was hat die breite Zustimmung zu Pegida, AfD und rechtsextremem Gedankengut möglich gemacht? Ines Geipel folgt den politischen Mythenbildungen des neu gegründeten DDR-Staates, seinen Schweigegeboten, Lügen und seinem Angstsystem, das alles ideologisch Unpassende harsch attackierte. Seriöse Vergangenheitsbewältigung konnte unter diesen Umständen nicht stattfinden. Vielmehr wurde eine gezielte Vergessenspolitik wirksam, die sich auch in den Familien spiegelte - paradigmatisch sichtbar in der Familiengeschichte der Autorin. Gemeinsam mit ihrem Bruder, den sie in seinen letzten Lebenswochen begleitete, steigt Ines Geipel in die "Krypta der Familie" hinab. Verdrängtes und Verleugnetes in der Familie korrespondiert mit dem kollektiven Gedächtnisverlust. Die Spuren führen zu unserer nationalen Krise in Deutschland. Ines Geipel, geboren 1960, ist Schriftstellerin und Professorin für Verskunst an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Die ehemalige Weltklasse-Sprinterin floh 1989 nach ihrem Germanistik-Studium aus Jena nach Westdeutschland und studierte in Darmstadt Philosophie und Soziologie. Sie lebt in Berlin und hat vielfach zu Themen der Geschichte des Ostens publiziert.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 28.02.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783608115185
    Verlag: Klett-Cotta
    Größe: 3482 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Umkämpfte Zone

Kleiner Admiral

Bilderloses. Hinter dem Körper die Idee. Nur welche? Vier Tage nach unserem Nachmittag auf der Palliativstation wird Robby ein intravenöses Portsystem gelegt. Demnächst ist nichts mehr mit Schlucken, erklärt er am Telefon. Einen Tag später kommt er nach Hause. Die Ärzte raten dringend ab, aber er besteht darauf. So oft es geht, sitze ich an seinem Bett. Es gibt nichts Unbestimmtes mehr. Die Vorboten sind deutlich. Aber er ist das Vertraute. Und er ist da. Wie beides zugleich anwesend sein kann, denke ich: Das, was immer da war, und das, was gleich für immer fort ist. mein Bruder liegt im Wohnzimmer. In seinem Blick der Weihnachtsbaum, dahinter der Balkon, der Regen am Fenster, die kahlen Bäume auf der Straße. Rechts von seinem Bett das große Bücherregal.

Meist schläft er, dämmert, fällt ins Koma. Es ist der 12. Dezember, der 14. Dezember, der 17. Dezember. Nachmittage, an denen die Stille nur dazu da ist, sich selbst zu befragen. Über Stunden kein Zeichen von ihm. Nur sein einsamer Körper, das Zimmer, der Eispickel in meinem Kopf, der ausnahmsweise mal aufgehört hat zu tackern. Irgendwann wacht Robby auf, blinzelt mich an, fragt mit trockenem Mund: Hast du Himbeeren dabei? - Fünf Schalen, handverlesen aus dem KaDeWe. Von ihm keine Reaktion. Er kann sie nicht mehr essen. Er kann gar nichts mehr essen.

Ich hab kaum noch Bilder in mir, sagt er. Sondern? - Weiß nicht. Irgendwie viel Weiß. Ein großes Nichts. Das plötzliche Bedürfnis, ihn zu bergen, ihn wegzutragen, ihn an einen Ort zu bringen, wo alles gut sein soll für ihn. Das plötzliche Bedürfnis, ein Foto zu machen, meinen Bruder festzuhalten, mich gegen die Dimension des Augenblicks zu wehren. Wie kann es sein, dass jede Pore von uns gegen etwas ist und es trotzdem geschieht? Es wird nichts mehr, sagt Robby. Der Eispickel meldet sich zurück. Darf ich?, frage ich und ziehe mein I-Phone aus der Tasche. Er sieht mich lange und bestimmt an.

Von dir hab ich noch Die helle Kammer, sagt er.

Ja.

War am Ende doch gut, dass du in den Westen bist. Hatte ich endlich deine Bücher und das, was von dir dageblieben ist. Roland Barthes und die verlorene Mutter. Diese Sachen eben.

Die helle Kammer . Das Buch, das ich am Ende des Studiums immer in meiner Parka-Tasche hatte. Heute weiß ich nichts mehr davon, nur, dass es in ihm auf arkane Weise leuchtete, dass es unentwegt um Aura, Magie, Licht und solche Dinge ging und dass Barthes keinen Trost suchte. Er wollte keinen. Die Mutter sollte der Fixstern bleiben, nichts durfte mit ihr vergleichbar sein. Barthes schaute unentwegt Fotos an. Das Imaginäre scannte jedes Detail. In seinem Inneren aber existierte keine Zeit.

Robby ist weggedämmert. Ich nehme seine Hand, versuche zu sprechen, ihn anzusprechen. Vielleicht hört er mich ja. Anfangen, mit irgendwas, leise, nur so. Mit den brennenden Laubhaufen im Kindheitsgarten, dem missglückten Eiersuchen an Ostern, dem Geruch der Esskastanien in der Pfanne. Ich gebe mir Mühe, Bilder zu finden, auf denen wir zusammen sind, die uns beide ausmachen. Es sind Bilder, bei denen es weniger um Erinnerungen geht, als vielmehr darum, Sätze zu finden, die anknüpfen, die etwas herstellen, die das angespannte Warten aufeinander aussetzen, das womöglich nur ich empfinde.

Wegmarken. Robby stirbt am 6. Januar 2018. Genau einen Monat hatten wir, um voneinander Abschied zu nehmen. Dreißig Tage. Nicht mehr und nicht weniger. Solange er in seinem Zimmer in Dresden lag, wusste ich, was zu tun war. Ich stieg ins Auto und fuhr zu ihm. Manchmal lag auf den Bäumen an der Autobahn Schnee, manchmal sah ich in den grauen Winterhimmel, manchmal regnete es, manchmal war Stau. Einmal hörte ich im Autoradio ein Feature über die Wüste und wie man sich in ihr zu orientieren habe. Man solle Beduinen fragen, hieß es, und lernen, die Z

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen