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Warten wir die Zukunft ab Autobiografie von König, Hartmut (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.09.2017
  • Verlag: Neues Leben
eBook (ePUB)
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Warten wir die Zukunft ab

Hartmut König, im dritten Nachkriegsherbst geboren, wächst als Schul-, Kirch- und Grenzgänger in Ostberlin auf. In den sechziger Jahren ist er mittendrin in der entstehenden Beatszene. Als Liedermacher tritt er vor der UNO-Vollversammlung auf, im eigenen Land polarisiert er mit seinen Texten. Doch nicht für die künstlerische Laufbahn entscheidet er sich, sondern für die Politik. So wie er sich einst mit seinem Lied 'Sag mir, wo du stehst' positionierte, ist auch sein Buch von politischer und menschlicher Ortung bestimmt. Er berichtet über Begegnungen mit internationalen Künstlern und Politikern und lässt gleichzeitig tief in die DDR-Kulturpolitik und in die Vorgänge hinter den Kulissen der Macht blicken. König erzählt sein Leben; verzahnt mit den politischen Ereignissen ergibt das eine kleine, hochinformative Geschichte der DDR, insbesondere aus kultureller Perspektive. Hartmut König, geboren 1947 in Berlin, war Mitbegründer der ersten deutschsprachigen DDR-Beatband 'Team 4' und des 'Oktoberklubs'; Autor und Komponist zahlreicher Lieder ('Sag mir, wo du stehst'; Songtexte für den DEFA-Film 'Heißer Sommer'); studierte Journalistik in Leipzig, 1974 Promotion; ab 1976 Sekretär des Zentralrates der FDJ; 1989 stellvertretender Kulturminister. Nach 1990 arbeitete er in einem Brandenburger Zeitungsverlag und lebt heute in der Gemeinde Panketal nahe Bernau.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 560
    Erscheinungsdatum: 11.09.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783355500432
    Verlag: Neues Leben
    Größe: 9234 kBytes
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Warten wir die Zukunft ab

Zufällig am Leben

Der 14. Oktober 1947 ist auch in der Schönhauser Allee schön. Das heißt, die Sonne wärmt ein bisschen, und das tut gut, wo doch alles kalt und öd ist im dritten Nachkriegsjahr Berlins. Not und Trauer überall. Das Land, die Stadt, die Straße in Trümmern. Aber nicht unser Haus. Nicht die Schönhauser Allee 27, die thront mit zwei Nachbarhäusern über den Ruinen. Den Grund nenn ich später. Zuerst muss ich darin geboren werden. Und zwar als ein für die Hungerzeit erstaunlicher Achtpfünder. Mein Kopf gleicht einer Spitztüte, weshalb die Großmutter aufschreit: "Der sieht ja aus wie die Heilige Inquisit io n !" Wie kann man so etwas beschreie n ? Und überhaupt: Welch lausige Begrüßung, wenn man doch nur am Leben ist, weil einiges nicht passiert e !

Der mein Vater werden sollte, ein Matrose von fröhlicher Korpulenz und notorischer Weibstollheit, starb nicht den "Heldentod". Kurz bevor sein Minensuchboot nachts auf See explodierte und sank, hatte es Alarm gegeben und im Schlaf war ihm der Smutje auf den Magen gesprungen. Der Vater in spe rettete sich über Bord und schwamm um sein Leben, zuckende Körper, die sich an ihn klammerten, zurückstoßend. Die meine Mutter werden sollte, starb, als das Kindermädchen unachtsam war, im Vorschulalter nicht unter dem Fangkorb einer Straßenbahn. Ein Feuerwehrkran befreite sie, als der Tod schon den Umhang schwenkte. Und ich endete nicht als Fehlgeburt, denn monatelang hatte meine Mutter auf Anraten des Arztes das Bett gehütet, um mich zu behalten. Und dann das Geburtshaus. Es brannte nicht wie die halbe Umgebung im letzten Kriegsjahr nieder. Mein Vater war nach Berlin kommandiert worden, und Heimweh hatte ihn zuerst in die 27 geführt, wo er und seine Kameraden alle übergreifenden Brände löschten. Man muss dem Schicksal für so viel Gefälligkeit dankbar sein.

Als ich zur Welt komme, wird unsere Familie fünfköpfig. Das Zepter schwingt meine Großmutter Katharina, fünfzig Jahre alt und immer noch eine schöne Frau. Sie stammt aus dem thüringischen Eisenberg, wo sie als Älteste von fünf Geschwistern von ihrer Mutter Martha als Aschenputtel gehalten wurde. Vielleicht wäre sie das auch geblieben, hätte die herrische Martha nicht eine Schwester Meta gehabt. Die war als Enfant terrible dafür bekannt, den geschlechtsreifen Söhnen Eisenbergs die Hosenställe zu lüften. Gelegentliche Unfälle behob ein anarchistischer Medizinalrat, bis es für Meta höchste Zeit war, im anonymen Großraum von Berlin unterzutauchen.

Schon immer hatte meine Großmutter ein Faible für ihre Tante und deren freien Geist gehabt. Sie liebte die unangepasste, aufsässige Art, mit der Meta die Karten des Lebens mischte. Nun zog es sie in ihre Nähe - nach Berlin. In einem reichen jüdischen Haushalt nahm sie die Stellung eines Kindermädchens an. Die gab sie auf, als der gutsituierte Schneidermeister Karl Sinnhöfer sie heiratete. Sie bekam zwei Kinder, meine Mutter Helga und Egon, den ein Jahr später Geborenen. Man wohnte im reichen Berliner Stadtteil Schmargendorf, überstand die Inflat io n durch Goldeinnahmen im Schneidergeschäft. Man hatte Hausangestellte und führte - sieht man von Helgas Straßenbahnunfall ab - ein sorgloses, komfortables Leben. Das änderte sich abrupt, als Karl Sinnhöfer 1929 starb. Meine Großmutter, vor Schmerz besinnungslos, musste mit Gewalt daran gehindert werden, dem in die Erde gelassenen Sarg nachzuspringen. Der Tod ihres Mannes war auch in materieller Hinsicht eine Katastrophe, denn dessen Kompagnon rückte der jungen, unerfahrenen Witwe keine Geschäftsanteile heraus. Die finanziellen Reserven waren bald aufgebraucht, und meine Großmutter hatte alle Mühe, sich selbst und die beiden Kinder mit Nähen, Waschen und Botengängen durchs Leben zu bringen. Mal waren Helga und Egon bei reicheren Klassenkameraden zum Essen eingeladen, mal spendierte

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