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Wer wir sind Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein von Hensel, Jana (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.09.2018
  • Verlag: Aufbau Verlag
eBook (ePUB)
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Wer wir sind

Den Osten verstehen. Wer sind diese Ostdeutschen?, fragt sich die Öffentlichkeit nicht zuletzt seit Pegida, NSU und den Wahlerfolgen der AfD. Antidemokraten, Fremdenfeinde, unverbesserliche Ostalgiker? Zwei herausragende Stimmen des Ostens stellen sich in diesem Streitgespräch jenseits von Vorurteilen und Klischees der Frage nach der ostdeutschen Erfahrung, die, so ihre These, 'vielleicht am besten mit Heimatlosigkeit zu beschreiben ist, mit einem Unbehaustsein, das viele Facetten kennt. Das sich nicht jeden Tag übergroß vor einem aufstellt, aber das immer spürbar ist, nie weggeht.' Ein unverzichtbarer Beitrag zur Geschichtsschreibung des Nachwendedeutschlands. Jana Hensel, geboren 1976 in Leipzig, wurde 2002 mit ihrem Porträt einer jungen ostdeutschen Generation 'Zonenkinder' schlagartig bekannt. Sie studierte Germanistik in Leipzig, Aix-en-Provence und Berlin und arbeitet als Journalistin u. a. für 'Die Zeit', 'der Freitag' und 'Süddeutsche Zeitung'. 2017 erschien ihr Roman 'Keinland' und sorgte für große Resonanz. Wolfgang Engler, geboren 1952 in Dresden, Soziologe, Lehrtätigkeit an der Schauspielschule "Ernst Busch" in Berlin, seit Oktober 2005 dort Rektor. Im Herbst 2009 Gastprofessur an der Universität St. Gallen über den Fall der Mauer 1989 und seine Folgen. Bei Aufbau erschienen "Unerhörte Freiheit. Arbeit und Bildung in Zukunft", "Lüge als Prinzip. Aufrichtigkeit im Kapitalismus", "Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land", "Die Ostdeutschen als Avantgarde" und "Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 14.09.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841216410
    Verlag: Aufbau Verlag
    Größe: 3887 kBytes
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Wer wir sind

Wolfgang Engler: Bis weit in die neunziger Jahre hinein war der Ost-West-Diskurs westdeutsch dominiert. Die Ostdeutschen waren Gegenstand von Zuschreibungen, Vermutungen, bald jovialen, bald wenig freundlichen Porträts, in denen ihre Vergangenheit oftmals als Ballast erschien, von dem sie sich nun trennen sollten, um in dem neuen Gemeinwesen handlungsfähig zu werden. Ich entsinne mich freilich auch einer ganzen Reihe von westdeutschen Historikern und Soziologen, die ich durchaus mit Gewinn gelesen habe.

Jana Hensel: Welche denn?

WE: Hermann Weber, Wolfgang Leonard, Gerhard A. Ritter, Christoph Kleßmann, Hermann Glaser, Sigrid Meuschel, um nur einige Namen zu nennen. Wirklich lesenswerte und interessante Darstellungen der DDR-Geschichte. Was darin fehlte, zwangsläufig fehlen musste, war eine Gesamtdarstellung der ostdeutschen Verhältnisse aus der Innenperspektive, der gelebten Erfahrung. Ein solches Vorhaben kann problematisch sein, weil die eigene Verwicklung in das Geschehen, das man darstellt, leicht in Konflikt zum Anspruch auf Objektivität gerät. Wenn man darum weiß und Wege findet, diesen Widerspruch zu kontrollieren, kann Teilhabe auch Gewinn bedeuten, zum Aufschluss von Erfahrungen führen, die von außen unzugänglich sind.

JH: Das ist sehr richtig, aber Innenperspektiven sind natürlich unerlässlich.

WE: Primär geht es darum, das, was man selbst erlebt hat, mittels anderer Erlebnisse, anderer Wahrnehmungen auf Abstand zu bringen. Sein eigenes Sein im Sein anderer zu spiegeln. Dann wird das Ganze eine Art Selbstversuch, und auch darum war es mir zu tun. Mich zu fragen: Was war meine eigene Position in dieser DDR-Gesellschaft? Wie hat sie sich im Lauf der Jahre verändert? Was konnte ich aus meiner Lage sehen? Zu welchen anderen Erfahrungen hatte ich Zugang, welche verschlossen sich mir, sodass es im Nachhinein einiger Mühe bedurfte, mich in sie hineinzuversetzen? Dass ich die DDR über Jahrzehnte hinweg aus recht unterschiedlichen sozialen Blickwinkeln kennenlernte, war für mein Vorhaben sicher hilfreich. Väterlicherseits wuchs ich in einem Funktionärshaushalt heran, meine Mutter war Hausfrau. 1957 zog ich mit meinen Eltern von Dresden nach Berlin.

JH: Wie alt waren Sie damals?

WE: Fünf. Und ich zog damals mitten hinein in einen Arbeiterbezirk, als Kind eines "Bonzen", wie man dort sagte.

JH: In den Prenzlauer Berg?

WE: In den Prenzlauer Berg. Dort bekamen wir eine Wohnung zugewiesen. Unter lauter Arbeitern, Handwerkern, kleinen Gewerbetreibenden, viele arbeiteten zu dieser Zeit noch in Westberlin. Und fast alle standen dem DDR-Regime ablehnend gegenüber, sahen in mir das Funktionärskind. Nicht leicht, Freunde zu gewinnen. Aber es war insofern eine heilsame Erfahrung, als mir schon früh klarzuwerden begann, dass dieses politische System zu keinem Zeitpunkt von Mehrheiten getragen wurde. Meine Schulkameraden und deren Eltern verabscheuten nicht nur Ulbricht, sondern verwarfen die DDR als solche, betrachteten sie allenfalls als Provisorium, dem sie ein baldiges Ende wünschten.

JH: Warum?

WE: Weil das sowjetische Modell, das man dem Osten Deutschlands nach 1949 übergestülpt hatte, von der weit überwiegenden Mehrheit als Zwangsjacke empfunden wurde, und zwar nicht nur politisch. Hier, wie auch in Tschechien, der Slowakei, teilweise auch in Ungarn und Polen, konnte sich die totale Verstaatlichung des Kapitals von Anfang an nicht einmal auf die relative historische Rationalität einer nachholenden Entwicklung moderner bürgerlicher Gesellschaften berufen. Dieses Stadium war hier bereits erreicht, strukturell und habituell, jedenfalls so weit, dass der Modernisierungsprozess auf seinen bereits geschaffenen Grundlagen hätte weiterlaufen könn

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