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Wofür sitzen Sie eigentlich hier? Geschichten vom DB-Service-Point von Schorsch, Andreas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.03.2015
  • Verlag: Goldmann
eBook (ePUB)
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Wofür sitzen Sie eigentlich hier?

Du bist nicht du selbst, wenn du einen Zug erwischen musst ... Das Irrenhaus Deutsche Bahn kennen wir als leidgeprüfte Zugreisende alle - doch wie ein Angestellter am Service Point die Chaoswirtschaft erlebt, darüber konnten wir bislang nur mutmaßen. Fakt ist, im Herzen des Bahnhofs treffen sie alle aufeinander: die Verrückten, die Verwöhnten, die Verzweifelten. Fußballfans, die am Wochenende die Bahnsteige zerlegen. Alte Damen, die Süßigkeiten vorbeibringen, seit ihnen 1998 der Koffer gerettet wurde. Hobbyjuristen, die ihre Fahrpreiserstattung bereits einklagen, bevor sie überhaupt in den Regional-Express steigen. In der zugigen Vorhalle ist Andreas Schorsch der Fels in der Brandung. Nur 'der kleine Prinz', sein durchsetzungsschwacher Chef, hat bei ihm niemals was zu lachen ... Andreas Schorsch, geboren 1960 in Düsseldorf, verbrachte nach der Hauptschule lässige 458 Tage beim Bund. Seine Ausbildung zum Fachverkäufer für Schuhmode fand ein abruptes Ende, als er eine Diskussion mit seinem Vorgesetzten nonverbal beendete. Es blieb bis heute sein einziger Sieg durch K.o. Seitdem setzt er sich als Mitarbeiter der Deutschen Bahn wortgewandt und hilfsbereit für die liebe Kundschaft ein.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 16.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641144968
    Verlag: Goldmann
    Größe: 537 kBytes
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Wofür sitzen Sie eigentlich hier?

Vorwort

Der Mensch ist langsam im Denken. Und von Natur aus gemütlich. Er möchte es einfach, klar und griffig, und er möchte, dass immer alles so bleibt, wie es einmal war. Wobei einmal heißt: zu der Zeit, in der er es gelernt hat.

Nehmen wir zum Beispiel mal das Filmegucken. Kein Mensch gibt sich heute noch freiwillig mit Videokassetten ab. Niemand nestelt mehr klobige Klötze aus schwarzem Kunststoff in große Schlitze und sieht gütig darüber hinweg, dass die Bildqualität des Bandes, das damals angeblich mehr als tausend Überspielungen verlustfrei aushalten sollte, schon nach zehn Aufnahmen in Richtung Hinterhof-Überwachungskamera kippt. Alle sind froh und glücklich über digitale Recorder, auf deren Festplatten ein ganzer Regalmeter voller Videokassetten passt, oder über die unendlichen Weiten des Internets, in denen man alles einfach so abrufen kann - im Prinzip ein bisschen wie Captain Picard in Star Trek , wenn er sein Quartier betritt, einen Tee aus dem Replikator zieht und dem Computer befiehlt: "Chopin, die Nocturnes", woraufhin das edle Klimpern beginnt.

Trotzdem schwärmen heute die Nostalgiker: Weißt du noch, wie das war, Andreas? Die guten, alten Videokassetten? Dieser satte Klang, wenn man sie in den Schacht schob? Und wir hatten ja nichts! Keine zweite Tonspur. Keinen Kommentar des Regisseurs! Wenn wir die englische Version gucken wollten, haben wir eine Extrakassette aus den USA importiert!

Die guten, alten Zeiten.

Telefone hatten noch Schnüre.

Das Fernsehen bestand aus drei Sendern plus RTL .

Und Twix hieß noch Raider.

Die Erinnerung daran wärmt das Herz.

Hat man sich aber irgendwann an das Neue gewöhnt oder sich selbst beigebracht, verblasst sogar sie.

Der Service Point im Foyer des Bahnhofs hieß jahrzehntelang einfach nur Information. In den Wohnzimmern standen Nierentische, und über den Eingängen kleiner Frisörsalons spannten sich süße rot-weiße Minimarkisen. Männer mit Ledertaschen schimpften über die langhaarigen Bombenleger, Franz Beckenbauer wurde Weltmeister als Spieler, und Helmut Kohl trat seine Regentschaft an, die laut Plan nicht hätte enden sollen, ehe die Befehlshaber von 642 Meter langen Raumschiffen mit der knappen Höhe des Kölner Doms ihrem Computer sagen, welche Musik sie gerne zum Tee hören möchten. Thomas Gottschalk moderierte Wetten, dass..? mit ebenfalls Kohl'schen Amtslängen-Absichten, und Franz Beckenbauer wurde Weltmeister als Trainer. Die Mauer fiel und bereicherte den Bahnverkehr um ein fein gesponnenes Streckennetz, dessen Verästelungen bis tief in die Buchten der Mecklenburgischen Seenplatte reichen. Und in all dieser Zeit, in der Imperien kamen und gingen, hieß die kleine Theke im Foyer eines Bahnhofs, an der man Informationen bekam: Information.

Nur weniges bleibt so lange dermaßen beständig und wenn, dann aus gutem Grund.

Persil.

Tempo.

4711.

Irgendeine Veranlassung, diese Namen zu ändern?

Vielleicht in:

Parsi?

Speed?

0815?

Nee.

Lass mal.

Manches brennt sich ein.

Das kriegt keiner so schnell weg.

In den Neunzigern kamen dann die Menschen, die dachten: Wir kriegen das weg! Alles weg aus den Köpfen! Marketing statt Maoismus, aber mit gleicher Absicht: Kulturrevolution! Adieu deutsche Sprache, hallo flotter Anglizismus. Wir alle kennen das Spiel. Es wurden Bücher drüber geschrieben, und noch heute erzählt man sich gerne, wie die Parfümerie Douglas an Kundschaft verlor, weil die Menschen dachten, der neue Slogan "Come in and find out" hieße: "Komm rein und mach, dass du schnell wieder rausfindest!" Den Altpatrioten schwoll angenehm der Kamm, denn sie sahen sich nun ihrerseits berechtigt, das Kind mit dem Bade auszuschütten und mit der Rücknahme des unmöglichen "Denglisch" auc

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