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'Die unfassbare Tat' von Ahrens, Jörn (eBook)

  • Erschienen: 11.05.2017
  • Verlag: Campus Verlag
eBook (PDF)
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'Die unfassbare Tat'

Amok: Erfurt, Emsdetten, Winnenden, Lörrach ... Nach einem Amoklauf ist in den Medien schnell von einer 'unfassbaren Tat' die Rede, eine geradezu ritualisierte Berichterstattung setzt ein. Sie ist, so der Soziologe Jörn Ahrens, eine Reaktion auf den Kontrollverlust, den ein Amoklauf für eine Gesellschaft bedeutet. Tatsächlich muss man sogar von einem doppelten Kontrollverlust sprechen: aufseiten der Gesellschaft und aufseiten des Täters. Denn es bedarf immer einer Gelegenheit zur Gewalttat und der Bereitschaft zu ihr. Dieses Buch untersucht, wie Gesellschaften auf Taten reagieren, bei denen exzeptionelle Gewalt angewendet wird, die prominent im öffentlichen Raum verübt werden und das gesellschaftlich akzeptierte Ausmaß an Regelverletzungen überschreiten. Es zeigt außerdem, wie das Vertrauen in die Sicherheit der Lebenswelt wiederhergestellt wird. Der Autor geht diesen Aspekten anhand der öffentlichen Reaktionen auf vier Amokläufe in Deutschland nach - und entwirft zugleich eine Soziologie der Gewalt.

Jörn Ahrens ist Professor für Kultursoziologie an der Universität Gießen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Fragen der Gewalt und der Subjektivität, populäre Medien und Kulturen sowie Gesellschaftsund Kulturanalyse der Moderne.

Produktinformationen

    Größe: 3273kBytes
    Herausgeber: Campus Verlag
    Untertitel: Gesellschaft und Amok
    Sprache: Deutsch
    Seitenanzahl: 334
    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    ISBN: 9783593428680
    Erschienen: 11.05.2017
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'Die unfassbare Tat'

1.Einleitung Der Amoklauf ist Ausdruck eines Kontrollverlusts. Wo und wann immer ein Amoklauf möglich wird, zeigt sich, dass eine Gesellschaft nicht in der Lage ist, ihre Individuen hinreichend an normative Konventionen und bestehende Ordnungsmuster zu binden. Aus der Sicht von Vergesellschaf-tung heißt das, es liegt ein Mangel an Kontrolle der Individuen vor. Gleichzeitig verweist der Amoklauf auf ein enormes Defizit an Selbstkon-trolle beim Täter, der sich offensichtlich von den üblichen Regeln zivilisatorischen Verhaltens verabschiedet hat, die vor allem die affektive und normative Selbstkontrolle betreffen. Auf die Problematik eines 'doppelten Kontrollverlusts' hat Wilhelm Heitmeyer bereits 2009 in einem Interview nach dem Amoklauf von Winnenden hingewiesen: 'Der Kontrollverlust bei den Tätern besteht im Anerkennungszerfall und damit im Verlust der Kontrolle über das eigene Leben. Auf der gesellschaftlichen Seite gibt es einen Kontrollverlust, weil zwar vielfältige Hintergrundkonstellationen bekannt sind, es aber keine Kenntnisse über die situativen Auslöser gibt, sodass die Verhinderung kaum gelingt' (Heitmeyer 2009b). Heitmeyer platziert den Modus des Kontrollverlusts zwischen einer Desintegration des Selbst, einem Scheitern der Subjektwerdung in seinem gesellschaftlichen Umfeld und einer fehlenden Kompetenz der Gesellschaft, beängstigende Gewalttaten nach dem Muster von Amokläufen erfolgreich einzuhegen. Deutlich wird damit, und das formuliert die Ausgangsdiagnose dieses Buches, dass Gewalt im Stil von Amokläufen viel weniger ein individuelles, also auch personenzentriert zu untersuchendes Problem ist, sondern ein gesellschaftliches. Dieses Buch interessiert sich vor allem für die Frage, wie Gesellschaften auf Taten reagieren, in denen ein Höchstmaß an Gewalt angewandt wird, die sichtbar im öffentlichen Raum verübt werden und das gesellschaftlich akzeptierte Normalitätssoll von Regelverletzungen weit überschreiten. Diesen Zusammenhang untersuche ich am Beispiel sogenannter Amokläufe. Diese Taten werden zwar als exzeptionelle Handlungen beschrieben, die das den lebensweltlichen Alltag garantierende Normalitätssoll aufsprengen, doch werden sie keineswegs zwingend gesellschaftlich so wahrgenommen. Das leitende Interesse der folgenden Studie richtet sich daher nicht primär auf das Phänomen der Amokläufe selbst, also auf ihre Charakteristik als spezifische Gewalttaten oder auf die ohnehin in aller Regel nur schwerlich rekonstruierbaren Charakterprofile und Motive der Täter. Vielmehr nimmt sie die Rezeption solcher Taten in den Blick, fragt, wie diese verläuft und welche gesellschaftlichen Strategien im Umgang damit entwickelt werden. Denn in der Tat ist es ja so, dass, wie Heitmeyer betont, 'die Einordnung solcher Massaker durch Öffentlichkeit und Politik immer wieder typischen rituellen Erklärungsmustern [folgt], sodass die Kontrollverluste überdeckt werden' (2009b). Die Frage ist deshalb, welcher produktive Nutzen für laufende Vergesellschaftungspraktiken sich aus solchen Ritualisierungen ableiten lässt und weshalb die Verdeckung des doch recht offensichtlichen Kontrollverlusts für die Gesellschaft bedeutsam ist. Heitmeyers Beobachtung, es gehe dabei um eine Stilisierung der infrage stehenden Verbrechen zum 'quasi übernatürlichen Ereignis' oder aber um dessen Pathologisierung, teilt diese Studie und beabsichtigt, am Beispiel des Amoklaufs diesen Vorgang nachzuzeichnen (Kapitel 7). Genauso ist Heitmeyer in der These beizupflichten, Ziel des öffentlich geführten Diskurses zum Amok sei es, 'gesellschaftlich entlastende Deutungen' zu produzieren, um 'schnell wieder ?Normalität? herzustellen: Gegen eine ?Heimsuchung? kann man nichts tun, weil sie schicksalhaft ist. Und pathologische Täter können von einer ansonsten angeblich intakten Gesellschaft isoliert werden' (2009b). Dieses Verfahren der Normalisierung wird im Folgenden im Mittelpunkt stehen und leitet das Interesse dieser Studie. Im

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