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Dynamik der Gewalt Eine mikrosoziologische Theorie von Collins, Randall (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.10.2012
  • Verlag: Hamburger Edition HIS
eBook (PDF)
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Dynamik der Gewalt

Obwohl es Zeiten gibt, in denen uns Gewalt allgegenwärtig erscheint, hält Randall Collins den tatsächlichen Ausbruch von gewalttätigen Handlungen für eine Ausnahme. In seiner Analyse der Dynamik der Gewalt legt der renommierte amerikanische Soziologe den Fokus auf die situative Interaktion zwischen den Kontrahenten. Ob eine spannungsgeladene Situation zu gewalttätigen Handlungen führt, hängt seiner Untersuchung zufolge nicht in erster Linie von der sozialen Herkunft, der Ethnie oder dem kulturellen Hintergrund der Beteiligten ab, sondern häufig von der Situation, in der sie stattfindet. Randall Collins ist Inhaber des Dorothy-Swaine-Thomas-Lehrstuhls für Soziologie an der University of Pennsylvania und lehrt außerdem Soziologie im Fachbereich Kriminologie. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, war als Gastprofessor an unterschiedlichen Universitäten tätig und ist Präsident der American Sociological Association. Seine große Bandbreite von Forschungsarbeiten zu Konfliktforschung, Bildung und Familie, Max Weber oder zur theoretischen Soziologie spiegelt sich in zahlreichen Buchpublikationen, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden und von denen einige als Standardwerke gelten. Das vorliegende Buch erschien 2008 bei Princeton University Press unter dem Titel 'Violence. A Micro-sociological Theory'.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 740
    Erscheinungsdatum: 18.10.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783868545258
    Verlag: Hamburger Edition HIS
    Originaltitel: Violence. A Micro-sociological Theory
    Größe: 13269 kBytes
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Dynamik der Gewalt

Die Evolution sozialer Techniken zur Kontrolle der Konfrontationsanspannung

Schließlich noch einige Worte zu einer prominenten Forschungsrichtung, die eine eindeutige Theorie zur Gewalt vorbringt: der evolutionären Psychologie. Diese Theorie schließt aus einer allgemeinen evolutionsgenetischen Theorie auf spezifische menschliche Verhaltensweisen wie Mord, Kampf und Raub oder Vergewaltigung. 30 Sie stützt sich stark auf empirische Muster, wonach junge Männer auf dem Höhepunkt ihrer Reproduktionsfähigkeit die meiste Gewalt ausübten und der Beweggrund für Gewalt häufig in sexueller Eifersucht oder männlichem Imponiergehabe zu suchen sei. Gewalt wird als evolutionär bedingter Hang der Männer zum Kampf um die Reproduktionshoheit interpretiert.

Dass es genetische Komponenten im menschlichen Verhalten gibt, lässt sich nicht von vornherein ausschließen. Aber ein breites Spektrum empirischer Vergleiche legt den Schluss nahe, dass die genetische Komponente, wenn sie denn existiert, unbedeutend ist und dass die sozialen Bedingungen viel wichtiger sind. Zunächst einmal ist Gewalt nicht auf junge Männer im reproduktionsfähigen Alter beschränkt. Der verbreitetste Typus von Gewalt in der Familie findet zum Beispiel nicht zwischen erwachsenen Sexualpartnern statt; die Eltern-Kind-Gewalt überwiegt bei weitem, normalerweise in Form schwerer Körperstrafen. Diese wiederum kommt weniger häufig vor als Gewalt zwischen Kindern (siehe Kapitel 4 ). Gewalt unter Kindern fällt nicht sehr heftig aus. Die Gründe dafür wie auch die Neigung zu Gewalt, die von Außenstehenden begrenzt und reguliert wird (in diesem Fall von Erwachsenen), so dass sie eher chronisch als heftig verläuft, werden wir noch näher betrachten. Für die Evolutionstheorie stellt dies ein Problem dar: Kinder, und zwar oft auch kleine Mädchen, fangen früh an zu raufen, und dieser Aggression werden mit dem Heranwachsen immer mehr Grenzen gesetzt. 31 Was die Häufigkeit gewaltsamer Vorkommnisse angeht, so ereignen sich die weitaus meisten im nichtreproduktiven Alter und sind nicht auf das männliche Geschlecht beschränkt. Vielleicht übersehen Evolutionspsychologen diese Form der Gewalt, weil sie nicht besonders heftig ist und in den offiziellen Kriminalitätsstatistiken nicht auftaucht; eine umfassende Theorie sollte jedoch alle Arten und Intensitätsstufen von Gewaltausübung berücksichtigen. Die mikrosituative Theorie ist bei der Datenerhebung zu Kindern recht erfolgreich. Balgereien von kleinen Kindern folgen, wie wir noch sehen werden, denselben beiden Mustern, die wir bei der Gewalt Erwachsener ausmachen können: Die situationsbedingt Starken tun sich gegen die Schwachen und Ängstlichen zusammen, und die Kämpfe sind inszeniert und begrenzt. Es handelt sich weniger um ein individuelles als vielmehr um ein strukturelles Muster: Nimmt man Kinder aus einer Gruppe heraus und bringt sie zu einer anderen, werden die Dominanzmuster neu geordnet, die Rollen von Schläger und Opfer neu verteilt. 32

Die Evolutionspsychologie ist auch hinsichtlich ihres eigentlichen Arguments, die Neigung junger Männer zu schwerer Gewalt betreffend, anfechtbar. Alternative Erklärungen für die Gewaltbereitschaft junger Männer, die von den sozialen Bedingungen ausgehen, sind leicht auszumachen. Junge Männer haben von allen Altersgruppen den schwammigsten Status in der Gesellschaft. Sie sind an physischer Kraft und Gewalt überlegen, während sie einen niedrigen Rang einnehmen, was ihre ökonomische Position, die Achtung, die man ihnen entgegenbringt, und ihre organisatorische Macht betrifft. Ich möchte noch einmal meine mikrosoziologische Litanei vorbringen: Die Evolutionstheorie geht davon aus, dass Gewalt leichtfalle - vorausgesetzt, die Gene stimmen -, wohingegen sie in Wahrheit selbst für junge Männer schwierig auszuüben ist. Tatsächlich handelt der Großteil unseres mikrosituativ erhobenen Beweismaterials davon, dass junge Männer

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