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Gierige Institutionen Soziologische Studien über totales Engagement von Coser, Lewis A. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.05.2015
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Gierige Institutionen

Was haben die Eunuchen am Kaiserhof der Ming-Dynastie mit den kleinbürgerlichen Hausfrauen des 20. Jahrhunderts gemeinsam? Was zölibatäre Priester mit Trotzkisten? In allen Fällen handelt es sich um ein Individuum, das mit seiner unbedingten Treue und freiwilligen Selbstaufgabe die Macht einer Institution festigt. Lewis A. Cosers nun erstmals auf Deutsch vorliegender Klassiker über diese "gierigen Institutionen" verblüfft den Leser mit einer ebenso einfachen wie genialen Theorie über eine Spielart totalen Engagements, die nichts an Aktualität eingebüßt hat. Lewis A. Coser (1913-2003) wurde in Berlin geboren, emigrierte 1933 zuerst nach Frankreich und schließlich in die USA, wo er zu einem der Begründer der Konfliktsoziologie wurde.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 230
    Erscheinungsdatum: 09.05.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518738467
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1294 kBytes
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Gierige Institutionen

2. Die politischen Funktionen des Eunuchentums

Eunuchen waren in den meisten klassischen Reichen des Fernen und Nahen Ostens bedeutende Instrumente der kaiserlichen Herrschaft. In China und Byzanz ebenso wie insbesondere in den arabischen, mesopotamischen und persischen Reichen hatten Eunuchen verschiedenste Positionen am Hofe, in der Regierung oder in der Armee inne. Im Persien nach Xerxes "hatten die Eunuchen eine weitreichende politische Autorität erlangt und schienen dann alle wichtigen Staatsämter zu besetzen. Sie waren die Berater des Königs im Palast und seine Generäle im Feld. Sie überwachten die Erziehung der jungen Prinzen und fanden es leicht, diese zu ihren Werkzeugen zu machen." [1] Im China der Ming-Dynastie entstanden "[a]m Hof [...] ganze Eunuchenbureaux, die bald auch für vertrauliche Aufgaben des Kaisers außerhalb des Palastes benutzt wurden". [2] Sie lenkten Heere und kontrollierten manchmal die Bürokratie, sodass Berater mit dem Kaiser nur über die Eunuchen als Vermittler kommunizieren konnten. [3]

In der früheren Han Dynastie "[i]m Zentrum des Regierungssystems sitzend, erlangten sie bald die vollständige Kontrolle über den Staatsdienst [...]". [4] Tatsächlich war die Anstellung von Eunuchen in Spitzenpositionen in den Monarchien des Nahen Ostens so häufig, dass der Begriff Eunuch manchmal - wie etwa im Hebräischen - seine ursprüngliche Bedeutung verlor und als Synonym für Hofbeamte oder Minister benutzt wurde, unabhängig davon, ob diese Männer wirklich Eunuchen waren oder nicht. [5]

Dieses Kapitel wird eine grundlegende Erklärung des offensichtlich überraschenden Umstands versuchen, dass Männer, die nicht ganz vollständige Männer waren, im Wesentlichen ähnliche politische Funktionen in verschiedenen kulturellen Zusammenhängen ausübten. Ähnliche strukturelle Notwendigkeiten führten - wie ich zu zeigen versuche - zum Rückgriff auf das politische Eunuchentum.

Das Eunuchentum geht auf das Bedürfnis der Herrscher mit großen Harems zurück, verlässliche Haremswächter zu haben, die nicht in Versuchung geführt werden konnten, ihre Herren zu hintergehen. Aber der Ursprung erklärt nicht, warum Eunuchen als bevorzugte Instrumente der Herrschaft benutzt wurden. Wie wir seit Durkheim wissen, erklärt der Ursprung eines Phänomens nicht seinen Fortbestand oder seine Veränderungen. [6] In Byzanz, wo es den Harem als Institution nicht gab, war den Eunuchen "kein noch so hohes kirchliches oder weltliches Amt - mit der einzigen Ausnahme des Kaiseramtes selbst - [...] grundsätzlich verschlossen, und mehrere Staatsmänner und Feldherren, die sich in der byzantinischen Geschichte ausgezeichnet haben, wie auch mehrere Patriarchen, waren Eunuchen." [7] Obwohl das Eunuchentum aufgrund des Bedarfs an Haremswächtern entstand, verbreitete es sich in Gebieten ohne Harems, weil es für die Herrscher von Imperien Funktionen erfüllte, die jene ursprünglichen weit überstiegen.

Das politische Eunuchentum florierte unter dem orientalischen Despotismus, wo die bürokratische oder protobürokratische Herrschaft bereits entwickelt, aber starke patrimoniale Elemente noch immer gängig waren. In solchen Systemen wollte der Herrscher seine Abhängigkeit von der Bürokratie verringern, deren unpersönliche Standards als Mittel persönlicher Herrschaft nicht geschmeidig genug waren. Er brauchte daher Männer, die ihm vollkommene Gefolgschaft schuldeten. Die Spannung zwischen dem Bedürfnis, sich im Interesse der Zentralisierung auf die Bürokratie stützen zu können, und dem Bedürfnis nach persönlichem Gehorsam und persönlicher Abhängigkeit führte zur Schaffung einer neuen Rolle, jener des politischen Eunuchen.

Eunuchen wurden typischerweise die Jungen, die im Zuge von Sklaven-Raubzügen oder anderen militärischen Operationen gefangen genommen wurden, oder es handelte sich um Jungen, die von Bauern an den Hof verkauft wurden. (Neben Knaben, die in ihrer Jugend kastr

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