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Ruhe, Fortschritt und Glück Die kulturelle Konstruktion von Emotionen in einer yukatekischen Maya-Gemeinde von Klingler, Christian W. R. (eBook)

  • Verlag: Books on Demand
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Ruhe, Fortschritt und Glück

Wie erlangen Emotionen ihre Bedeutung für unser Dasein? Wonach streben wir und was bedeutet es, glücklich zu sein? Anhand einer ethnographischen Studie bei den Yukatekischen Maya im südlichen Mexiko geht der Autor diesen Fragen nach und deckt dabei die kulturelle Einbettung menschlicher Emotionalität auf. Die dichten Beschreibungen und Analysen lassen erkennen, dass Emotionen durch kulturelle Prozesse geformt werden und auf diese Weise ein komplexes Orientierungssystem bilden, das den einzelnen emotional in sein jeweiliges kulturelles und soziales Umfeld einbindet. In Zeiten gesellschaftlicher Wandelprozesse, so wird am Beispiel der Maya-Gemeinde deutlich, können diese integrativen emotionalen Strukturen jedoch aufbrechen und zu einer konfliktiven Neuausrichtung des Emotionalen führen. Die emotional fundierten Verhaltensweisen der Bewohner entfalten sich dabei im Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach persönlichem Fortschritt und sozialem Aufstieg sowie der Sehnsucht nach Gemeinschaft und einem kooperativen Miteinander. Christian W.R. Klingler ist Kultur- und Sozialanthropologe. Er promovierte an der Abteilung für Altamerikanistik und Ethnologie der Universität Bonn.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 448
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783744884129
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 18684kBytes
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Ruhe, Fortschritt und Glück

2.1 Die Anfänge der Emotionsforschung
2.1.1 Von der Antike bis zur frühen Neuzeit

Im zweiten Buch seiner Rhetorik 4 beschäftigt sich Aristoteles in weiten Teilen mit der Frage, welche Rolle Emotionen bei der Kunst des Redens zukommt. In diesem Zusammenhang geht er ebenso auf die Entstehung und Interpretation verschiedener Emotionen ein. Um eine Emotion wie beispielsweise Ärger zu verstehen, müsse man, so Aristoteles, folgende Punkte berücksichtigen:

"In welcher Gemütsverfassung befinden sich Zornige? Wem zürnen sie gewöhnlich? Worüber sind sie erzürnt? Wenn wir nämlich eine oder zwei dieser Fragen zu beantworten verstehen, nicht aber alle drei, so können wir wohl unmöglich jemanden in Zorn versetzen" (Aristoteles 1999: II,1.9).

Wenngleich Aristoteles Emotionen in seiner Abhandlung auch eine physische Komponente zuspricht, so lässt sich an diesem Zitat erkennen, dass für ihn Überzeugungen und Beurteilungen, also bewusste mentale Aktivitäten, von primärer Wichtigkeit sind. In den folgenden Kapiteln (II,2.1-27) macht Aristoteles zudem deutlich, dass für ihn die Intentionalität (man ärgert sich über etwas, beispielsweise die beleidigenden Worte einer Person) sowie der konkrete soziale Kontext (man ist verärgert, da eine Person von niedrigem sozialen Rang eine beleidigende Bemerkung in Anwesenheit von Mitgliedern der eigenen sozialen Bezugsgruppe gemacht hat) eine ebenso wichtige Rolle spielen. In seiner Analyse der Wut räumt Aristoteles darüber hinaus dem Wunsch nach Vergeltung einen zentralen Stellenwert ein, womit er Emotionen eine handlungsmotivierende Komponente zuspricht. Diese Handlungen sieht er dabei stets in einen sozialen Bezugsrahmen eingebettet:

"Zorn ist also ein von Schmerz begleitetes Trachten nach offenkundiger Vergeltung wegen offenkundig erfolgter Geringschätzung, die uns selbst oder einem der Unsrigen von Leuten, denen dies nicht zusteht, zugefügt wurde. Ist das also Zorn, dann zürnt notwendigerweise der Zürnende immer einer individuell bestimmbaren Person, z.B. dem Kleon, und nicht der Menschheit allgemein, weil dieser ihm oder einem der Seinen etwas angetan hat oder antun wollte, und mit dem Zorn geht notwendigerweise eine gewisse Lust einher, die der Hoffnung auf Vergeltung entspringt" (Aristoteles 1999: II,2.1-2).

Die theoretischen Überlegungen Aristoteles liefern damit vielfältige Ansatzpunkte für eine kultursensible Erforschung emotionaler Phänomene, denn Bewertungen und Beurteilungen von Situationen beruhen immer auch auf den kulturellen Konzeptionen, die einer Person diesbezüglich zur Verfügung stehen. Ebenso sind die daraus resultierenden Handlungsmuster, aufgrund unterschiedlicher Wert- und Normvorstellungen, kulturell geprägt, sowie das soziale Umfeld, in welchem diese Handlungen vollzogen werden, von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich strukturiert. Es ist daher umso erstaunlicher, dass Fragen nach dem Einfluss kultureller und sozialer Faktoren auf das emotionale Erleben und Handeln von Individuen bis in die jüngste Vergangenheit hinein keinen Eingang in die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Emotionen fanden.

Ausschlaggebend hierfür sind tief in der europäischen Geistesgeschichte verwurzelte Denkmodelle, welche Emotionen außerhalb der Reichweite menschlicher Handlungsfähigkeit platzieren. Bereits zu Aristoteles Zeiten war die Vorstellung verbreitet, dass es sich bei Emotionen um äußere Mächte handelt, welche den Menschen überwältigen und ihm die Kontrolle über seine Handlungen entziehen. So wurden Emotionen in der griechischen als auch römischen Gesellschaft mit Göttern gleichgesetzt, die kurzzeitig die Macht übernehmen (Nichols und Staupe 2012: 24). Wenn sich eine Person beispielsweise verliebte, so hatte sie der Pfeil des Eros getroffen 5 . Wenn auch die Vorstellung von Emotionen als besitzergreifenden Mächten in den folgenden Jahrhunderten un

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