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Was hält Gesellschaften zusammen? Der gefährdete Umgang mit Pluralität

  • Erscheinungsdatum: 23.05.2013
  • Verlag: Kohlhammer Verlag
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Was hält Gesellschaften zusammen?

Gesellschaften sind heute von funktionaler Ausdifferenzierung, Individualisierung und Pluralisierung gekennzeichnet. Dies lässt die Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt virulent werden. Die Politik sucht nach Wegen, mit dieser Vielfalt umzugehen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Davon zeugen Debatten über Bildungspolitik, Sprachkurse und Leitkultur, Runde Tische oder Islamkonferenzen. Die Politische Philosophie hat in den vergangenen Jahrzehnten darauf aufmerksam gemacht, dass der Umgang mit Pluralität einer differenzierten und multiperspektivischen Diskussion im Lichte der vielfältigen Parameter von gesellschaftlicher Vielfalt bedarf. Was also hält Gesellschaften überhaupt (noch) zusammen? Und wie gelingt der Umgang mit legitimer Pluralität? Der Band versammelt Beiträge aus der Philosophie und aus den Sozial- und Kulturwissenschaften, die aus ihren jeweiligen Perspektiven Antwortvorschläge formulieren. Prof. Dr. Michael Reder und Mara-Daria Cojocaru M.A. lehren an der Hochschule für Philosophie München. Hanna Pfeifer M.A. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Magdeburg.

Produktinformationen

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Was hält Gesellschaften zusammen?

Inklusion, Exklusion, Zusammenhalt. Soziologische Perspektiven auf eine allzu erwartbare Diagnose

Armin Nassehi

Gesellschaftlichen Krisenerfahrungen wird fast automatisch mit dem Ruf nach gesellschaftlichem Zusammenhalt begegnet. Die Frage, was eine Gesellschaft zusammenhält, wird dann aktuell, wenn Krisenerfahrungen die Diagnose nahelegen, dass es mangelnder Zusammenhalt sei, der unter anderem zur Krise geführt habe. Ob es sich um Konjunkturkrisen und ihre Folgen auf dem Arbeitsmarkt handelt, um das Problem sozialer Ungleichheit und der Distribution von Gütern, Ressourcen und Lebenschancen, um wachsende Kriminalität, um Migrationsfolgen etc. - stets ist der öffentliche Diskurs davon geprägt, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fordern oder ihn verbessern zu wollen.

Überhaupt scheint eine Perspektive auf gelungene Vergesellschaftung stets auf Kohäsionskräfte zu verweisen, auf Bindungsenergien, die in der Lage sind, das Unterschiedliche so aufeinander zu beziehen, dass es in einem Ganzen aufgeht. Historisch ist der Gesellschaftsbegriff und mit ihm die Frage der Identität ganzer Gesellschaften deshalb nicht zufällig als Modernisierungsfolge entstanden - dort nämlich, wo es durch Komplexitätssteigerungen und Modernisierungserfahrungen immer weniger gelingen konnte, so etwas wie eine integrative Einheit des Ganzen voraussetzen zu können. Modernititätserfahrungen sind - gut hegelianisch gesprochen - Entzweiungserfahrungen, Differenzierungserfahrungen. In ihrer Folge ist es nur logisch, dass sich Selbstbeschreibungsformeln für Einheit interessieren. Hinzu kommt, dass sich gesellschaftliche Selbstbeschreibungen von der bloßen Konzentration auf Oberschichteninteraktion zu emanzipieren beginnen und neue Sprecher entstehen: auf der Ebene der Sozialdimension weitere Schichten mit Sprechanlässen, etwa das Bürgertum, später das Proletariat; auf der Ebene der Sachdimension die Konkurrenz politischer, ökonomischer, religiöser, wissenschaftlicher und ästhetischer Beschreibungen; auf der Ebene der Zeitdimension neue Zukunftserwartungen, die auf die Gestaltbarkeit der Gesellschaft reagieren und zwischen säkularisierten Utopien und technischer Planbarkeit oszillieren. Zugleich entstanden neue Orte für Sprecher - die Massenmedien nämlich, in denen zweierlei geschah. Sie sind der Ort, an dem die Einheit der Gesellschaft beschworen, gefordert und diskutiert werden kann und wurde. Sie sind aber zugleich der Ort, an dem diese Möglichkeit praktisch dementiert wurde und wird, weil es sich hierbei um eine geradezu gesellschaftsweit institutionalisierte Etablierung von Widerspruch und Nein-Stellungnahmen handelt.

Der systematische Ort, an dem sich die Einheit der Gesellschaft und ihr Zusammenhalt empirisch bewährt haben, ist die Nation des europäischen Typs seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts und der Suprematie politischer Selbstbeschreibungen, wie sie als Idee mit dem Augsburger Religionsfrieden vorbereitet wurde und mit der Friedenslösung von 1648 zum inzwischen fast weltweit klassischen Modell dessen werden sollte, was bis heute noch unter 'Gesellschaft' verstanden wird: durch (nationale) Kultur geprägte, politisch geführte und repräsentierte, räumlich abgegrenzte und völkerrechtlich souveräne Einheiten, die auf diesem Globus im Plural vorkommen. Es dürfte nun deutlich sein, warum Zusammenhalt insbesondere dann gefordert wird, wenn es zu Krisen kommt: dann nämlich, wenn es zu kollektiv bindenden Entscheidungen kommen soll, mithin eine politische Perspektive eingenommen wird.

Mit dieser Einleitung ist die Tonart vielleicht schon vorgegeben, in der ich im Folgenden argumentieren möchte. Mich interessiert weder die politisch-strategische Idee von gesellschaftlichem Zusammenhalt (der zumeist so etwas wie Interessenausgleich mit Win-win -Folgen meint), noch interessiert mich die moralische Dimension gesellschaftlichen Zusammenhalts, den ich mir jenseits konkreter politi

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