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"Solange das Imperium da ist". Carl Schmitt im Gespräch mit Klaus Figge und Dieter Groh 1971. Hrsg., kommentiert und eingeleitet von Frank Hertweck und Dimitrios Kisoudis in Zusammenarbeit mit Gerd Giesler. Mit einem Nachwort von Dieter Groh. von Schmitt, Carl (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.10.2010
  • Verlag: Duncker & Humblot GmbH
eBook (PDF)
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"Solange das Imperium da ist".

"Im Anfang war nicht das Wort, sondern die Schrift", verrät Carl Schmitt im Dezember 1971 dem Historiker Dieter Groh und dem Journalisten Klaus Figge. Die vier Tonbänder des autobiografischen Gesprächs für den SWF-Hörfunk werden nun in voller Länge als Buch herausgegeben. Als einzigartiges Dokument der "oral history" sind sie originalgetreu nach der mündlichen Rede transkribiert. In den Anmerkungen dokumentieren die Herausgeber ausführlich die Textstellen, die der verrufene Verfassungsrechtler zitiert oder anspielt. So verwandeln sie seine mündliche Rede wieder in Schrift. Eine Einleitung verknüpft die Erzählstränge, wiegt die Äußerungen und geht Verschwiegenem nach. Ein Nachwort von Dieter Groh stellt das Gespräch in den Kontext der Plettenberg-Pilgerungen linker Intellektueller. Carl Schmitt erzählt von seiner Kindheit in der katholischen Diaspora. Er erinnert sich, wie er trotz Prägung durch den Familienmythos des Kulturkampfes zum Staat der Preußen findet, durch persönliche Begegnungen. Mit einer Mischung aus Stolz und Ärger macht er Halt bei den Carl-Schmitt-Legenden der Nachkriegszeit. Carl Schmitt setzt ihnen seine eigene Geschichte vom "Engagement" im Nationalsozialismus entgegen. Dabei hält er sich an die Apologie der "Verfassungsrechtlichen Aufsätze". Doch er gibt Hinweise, die über die Aufsatzsammlung von 1958 hinausführen. Er verweilt beim Prozess "Preußen contra Reich" und beim Ermächtigungsgesetz. So offen wie sonst nirgends spricht der polarisierende Denker des Politischen über seine Mitarbeit am "Reichsstatthaltergesetz" vom 7. April 1933. Scharfzüngig beurteilt er Weggefährten wie Kurt von Schleicher, Franz von Papen oder Johannes Popitz, den Finanzminister Hermann Görings. Mit dem künstlerischen Kalkül eines Komponisten baut Carl Schmitt das Gespräch auf. In seinen Ausführungen zu Chronologie und Kalender, zur großen Parallele der Zeitenwenden und zum "Aufhalter", zur Feindschaft von Wort und Schrift gibt er den Schlüssel zur Lektüre an die Hand. Er evoziert Texte, die in den Anmerkungen eine andere Lebensgeschichte eröffnen als die vordergründig erzählte. Das Buch ist eine kritische Leseausgabe für Eingeweihte und für Novizen in Sachen Carl Schmitt. Dimitrios Kisoudis ist Publizist und freier Mitarbeiter in der Dokumentarfilmproduktion. Studium der Anthropologie und Hispanistik in Freiburg und Sevilla. Mit einer Arbeit über die "Politische Theologie in der griechisch-orthodoxen Kirche" machte er sich einen Namen als "Ideologe in vermeintlich ideologieferner Zeit" (FAZ). Frank Hertweck ist verantwortlicher Literaturredakteur beim SWR-Fernsehen, er betreut die Sendungen "Literatur im Foyer" und "Peter Voß fragt ...". Studium der Germanistik, Geschichte, Philosophie in Freiburg und Frankfurt. Bei Friedrich Kittler hörte er erstmals von Carl Schmitt: "Souverän ist, wer über die Wellen des Raumes verfügt."

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 198
    Erscheinungsdatum: 21.10.2010
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783428534524
    Verlag: Duncker & Humblot GmbH
    Größe: 848 kBytes
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"Solange das Imperium da ist".

Band 4: On s'engage, puis on voit (S. 94-95)

Kapitel 16 Die schöne Pilgerfahrt nach Goethe

Carl Schmitt:

Das wär' die Zeit vom 30. Januar bis zum 24. März, bis zum Ermächtigungsgesetz. Versetzen Sie sich mal in die Lage: Das ist eine lange Zeit, wenn man in einer derartigen Spannung lebt, schon Monate lang vorher gelebt hat, und nun noch in Berlin mit solchen Bekannten und deren Interessen, und nicht nur theoretisch- wissenschaftlichen, sondern auch persönlichen Interessen. Ich muss noch bemerken, dass Marcks seine Stelle als Reichspressechef sofort niedergelegt hat, als die Nachricht kam, dass Schleicher entlassen ist und Hitler ernannt, also sofort. Aber er hätte sie, unter uns gesagt, noch viel schneller [schmunzelt] niedergelegt, wenn Hugenberg. . . Der Hass gegen Hugenberg war unvorstellbar bei diesen beiden, bei Schleicher und Marcks und auch bei Ott. Das war dann schließlich doch der eigentliche Feind und das eigentliche Unheil für diese nächste Umgebung von Schleicher in dem Moment.[1]

Ich muss aber etwas Privates noch erwähnen, nämlich: Ich hatte einen Ruf nach Köln, wie ich eben sagte, und meine arme Frau machte den Umzug von Berlin nach Köln mit einer großen Bibliothek. Meine Frau hatte ja auch 'ne sehr schwere Operation hinter sich, wir hatten ein Kind von zwei Jahren, meine Tochter ist im August '31 geboren.[2] Es gehörte ja alles dazu. Sie fuhr dann nach Köln, suchte dort eine Wohnung, machte den Umzug usw.

Ich, mit dieser Egozentrizität des Wissenschaftlers und Gelehrten, verstehe erst heute, was die arme Frau da auf sich genommen hat, wie diese Arbeit ist. Ich saß da in Berlin und führte hochinteressante Gespräche, und die machte nun den ganzen Umzug. Ich habe mehrere Umzüge so gemacht, von Bonn nach Berlin, in Berlin dreimal umgezogen, von Berlin nach Köln, von Köln nach Berlin; also im Laufe weniger Jahre sechs bis sieben Umzüge. Ich bin keine Sekunde in meiner Arbeit gestört worden. Das hat die gute Frau Schmitt also einfach gemacht. Und ich, in meinem Gelehrtendünkel, habe das nichtmal bemerkt, was das eigentlich bedeutet. Heute weiß ich es also.

Schön, das war die Situation. Nun, ich wartete ab, bis ich in Köln eine Wohnung gefunden hatte. Da hatte sich in der Pfarriusstraße was gefunden, und dann ging der Umzug vor sich. Ich habe nichts gesehen. Ich begab mich auf eine höchstinteressante Reise, nämlich nach dem 5. März; also ununterbrochen fast tägliche Besuche, gegenseitige Besuche und Besprechungen, gemeinsames Mittagessen, Abendessen, Frühstück, oder bei Habel beim Wein mit Leuten wie Marcks und Popitz und Ott und deren Frauen. Das war die Zeit bis 24, was habe ich nun nach dem 24. gemacht?

Ich habe Ihnen eben auseinanderzusetzen versucht, wie das auf einen Juristen wirkt; und habe versucht, mich in die Situation. . . zu fragen: Was hätte Kelsen gemacht (wenn man mal so heuristisch fragen darf) in meiner Situation? Denn Kelsen hat ja auch bei Verfassungen mitgemacht, österreichische Verfassung gemacht. Dann gerät man, das ist unvermeidlich. . . Wenn da plötzlich von rechts oder links ein Stoß gekommen wäre (wann war das: 1920, als Kelsen die österreichische Verfassung. . . ?), weiß ich auch nicht, was er gemacht hätte.[3]

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