text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Eine Frau wird älter Ein Aufbruch von Draesner, Ulrike (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.10.2018
  • Verlag: Penguin Verlag
eBook (ePUB)
16,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Eine Frau wird älter

Wenn Frauen nicht mehr 35, nicht mehr 45 und bald nicht mehr 55 sind...
Frauen wollen immer 39 bleiben, sagte ihre Mutter und färbte sich die Haare bis weit über 80. Sie selbst hat inzwischen auf Partys manchmal den Eindruck wie ein sprechendes Möbelstück behandelt zu werden. Wie sehen sich Frauen eigentlich in der Mitte des Lebens? Mit oder ohne Mann, mit oder ohne Kind, jedenfalls mit sich veränderndem Körper, Denken, Fühlen. Ulrike Draesner hat einen glänzenden Text geschrieben, am eigenen Leben und dem anderer Frauen entlang erkundet sie die Vielschichtigkeit dieses Lebensabschnitts, in dem alles nebeneinander vorkommt: Sie weiß noch, wie sie als Mädchen unbedingt älter werden wollte. Und nun tun alle so, als gäbe es so etwas wie Wechseljahre gar nicht? Pointiert, scharfsinnig und heiter findet Draesner einen neuen Umgang mit dem Verstreichen der Jahre: Aufbruchsgeist, Feuer statt Herd. Zuhause in der eigenen Verwandlung.

Ulrike Draesner, 1962 in München geboren, eine der profiliertesten deutschsprachigen Autorinnen, lebt in Berlin. Ihr Werk umfasst Lyrik, Prosa, Essayistik, Hörspiel. Für ihre Gedichte und Romane wurde Ulrike Draesner mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Usedomer Literaturpreis (2015), dem Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik (2014), dem Roswitha-Preis (2013), dem Solothurner Literaturpreis (2010) und dem Drostepreis (2006). Sie schreibt Romane, Erzählungen und Gedichte, und interessiert sich für Naturwissenschaften ebenso wie für kulturelle Debatten. Bis zum Herbst 2016 lehrt und arbeitet sie in Oxford.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 15.10.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641223847
    Verlag: Penguin Verlag
Weiterlesen weniger lesen

Eine Frau wird älter

Käthes Geschichte

Drei Märchenbücher, jedes lange Zeit zu groß für meine Hände, begleiteten meine Kinderjahre. In dem Band der Gebrüder Grimm fand sich das Märchen "Der alte Großvater und der Enkel". 2 Das zugehörige Bild war aus der Kinderperspektive gezeichnet. Im Vordergrund kauerte auf dem Holzboden einer "guten Stube" ein Junge, klein noch, der Brettchen zusammennagelte. Auf der Seite hockte auf einer Bank sein Großvater, ein rechter Mümmelmann ganz ohne Zähne. Das kurze Märchen schildert, dass der Großvater nur mehr Brei zu essen vermag, wobei er häufig kleckert (wie mein eigener Großvater). Die Eltern des Jungen speisen am Tisch, im vollen Saft ihrer Kraft, dem alten Mann indes ist verboten, sich zu ihnen zu setzen. Er tropft und ist widerwärtig anzublicken; zudem hat er ein Schüsselchen zerbrochen (wie mein eigener Großvater, häufig). Seither sitzt er in der Ecke, erhält nur mehr Zermatschtes, und davon nicht genug.

Ungerecht behandelten sie ihn; stark empfand ich die dem alten Mann angetane Entwürdigung und Missachtung. Das Märchen erzählte, wie der Sohn und Enkel alles beobachtete, und die Illustration zeigte, wie er in einer Ecke des Zimmers saß und einen Breiteller für seine Eltern herstellte für die Zeit, wenn er erwachsen und sie alt sein würden.

Dieses Märchen in all seiner zeitlich-überzeitlichen Wahrheit solidarisierte mich nachhaltig mit Käthe und verstärkte die Empfindung, dass sie, schwach aufgrund ihres Alters, des Schutzes bedurfte. Es war die Kategorie "Alter", die uns miteinander verband: Meine Schwester und ich mussten als Kinder regelmäßig am Katzentisch sitzen, wenn mehrere Erwachsene bei meinen Eltern zusammenkamen. Kinder störten. Während auf dem Tisch "der Großen" zu diesen Gelegenheiten aufgefahren wurde, erhielten wir das übliche Abendessen, einen weißen Joghurt ohne Zucker. So sollte also auch der altersschwache Mensch behandelt werden. Verbannt, still, abgespeist.

Das Märchen allerdings war atemberaubend, kehrten sich doch mit einem Mal, dank eines einzigen Satzes zum Schluss, die Kräfteverhältnisse zwischen den Generationen um.

"'Was machst du da?', fragte der Vater. 'Ich mache ein Tröglein', antwortete das Kind, 'daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.'"

Dies war auf schonungslose Weise wahr. In unaufgeregter Deutlichkeit enthüllte die knappe Episodenfolge, wie Macht Eltern-Kind-Verhältnisse bestimmt und was sie mit ihnen "anstellt". Macht, auch das lehrte der Text, erzeugt verlässlich nur eines: das Phantasma des Gegenschlags. In der Generationenkonstellation Großvater - Eltern - Sohn musste man dafür nur den natürlichen Lauf der Zeit abwarten: Eines Tages würde das ehemalige Kind das Sagen haben.

Wie nebenher erzählte das Märchen, was auch in unserer Familie, Oma Käthe eingeschlossen, galt: Eltern lehren dich, wie man mit "den Alten" umgeht.

Mit den Jahren wuchs, wenn ich die Zähne meiner Großmutter im Badezimmerglas betrachtete, der Wunsch, Käthe gegen meine Mutter, die alles an Käthe mit Ablehnung, wenn nicht Häme betrachtete, in Schutz zu nehmen. Das Gebiss schien stumm; tatsächlich erzählte es von Verletzlichkeit und der letzten Bedeutung des Märchens. Der Junge würde nicht nur in die Eltern-, sondern irgendwann selbst auch in die Großvaterposition treten. Ich hätte es als Kind so nicht auszudrücken vermocht, aber ich empfand, dass wir alle uns auf einen Zustand zubewegten, in dem der eigene Körper einen zunehmend verließ und man sich angewiesen auf Hilfsmittel sah. Schon damals wollte mich beruhigen, dass diese Mittel existierten, schließlich sorgten sie für einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Mümmelmann im Märchen und meiner Oma, die nur im Bett zu einer Mümmelfrau wurde, wo es nicht viel Schaden stiftete, denn träumen kann man auch ohne Zähne. Ihr war es möglich, ihren Tag so zu verbringen, dass sie mit uns sprach und aß, sie konnte zu sich nehmen, was sie w

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen