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Die Kunst der Benennung von Ohl, Michael (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.05.2015
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Die Kunst der Benennung

1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, führt Hitler einen ganz persönlichen Kampf: den Kampf für die Spitzmaus. Biologen, die sich erdreistet hatten, dem irrtümlich als 'Maus' bezeichneten Tier einen anderen Namen zu verpassen, drohte er mit einem Arbeitseinsatz an der Ostfront. Um die richtigen Namen für die Natur wird - wenn auch weniger dramatisch - seit jeher gerungen. Entgegen der ausgefeilten Systematik der Tierkategorisierung unterliegt die Namensgebung selbst der Freiheit des Entdeckers und gestaltet sich entsprechend kunstvoll wie kontrovers. Doch wie passt das mit dem Exaktheitsanspruch der Naturwissenschaft zusammen? In einer unterhaltsamen Expedition durch die Geschichte der Naturkunde, durch Museen und Wildnis, eröffnet uns Michael Ohl eine eigentümliche, faszinierende Sprachwelt, die sich von volkstümlichen Bezeichnungen über die Systematisierung bei Linné bis hin zur Genetik stetig weiterentwickelt hat. Er erzählt die Geschichte von waghalsigen Abenteurern und sammelwütigen Sonderlingen und erkärt, warum der Maulwurf sein Maul bei sich behält und das Murmeltier pfeift und nicht murmelt. Mit diesem Verständnis des sinnlichen Wechselspiels von Kultur und Natur können wir begreifen, warum die 'Diva unter den Pferdebremsen' mit goldenem Hinterteil den Namen von Beyoncé trägt, und was es mit der merkwürdigen Art 'Homo sapiens' auf sich hat. Michael Ohl, geboren 1964, ist Biologe am Museum für Naturkunde Berlin und Privatdozent an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er forscht über Themen der Evolutionsbiologie, Systematik und Taxonomie sowie der Wissenschaftsgeschichte.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 317
    Erscheinungsdatum: 09.05.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783957571342
    Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
    Größe: 3700 kBytes
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Die Kunst der Benennung

Hitler und die Fledermaus

Kapitel 1

In der Berliner Morgenpost vom 3. März 1942 stand an einer ziemlich unauffälligen Stelle eine kleine Meldung mit einer recht merkwürdigen Schlagzeile. "Nicht mehr Fledermaus!" versprachen fettgedruckte Lettern. Darunter laß man folgenden kurzen Text:

"Die Deutsche Gesellschaft für Säugetierkunde hat bei ihrer 15. Hauptversammlung beschlossen, die zoologisch irreführenden Namen 'Spitzmaus' und 'Fledermaus' abzuändern in 'Spitzer' und 'Fleder'. (Fleder ist eine alte Form für Flatterer.) Die Spitzmaus führte übrigens eine Vielfalt von Namen: Spitzer, Spitzlein, Spitzwicht, Spitzling. Während der Tagung wurden im Hörsaal des Zoologischen Museums verschiedene wichtige Vorträge gehalten [...]."

Ob diese kurze Notiz dazu geführt hat, dass zumindest die Leser der Berliner Morgenpost die in Berlin allgegenwärtigen Fledermäuse zeitweilig "Fleder" nannten, sei dahingestellt. Fledermaus ist sicherlich auch bis heute die übliche Bezeichnung für die einzigen hiesigen fliegenden Säugetiere und gehört wie auch die "Spitzmaus" zum allgemeinen deutschen Wortschatz. Selbst in Wörterbüchern oder fachspezifischeren Naturführern sind weder Fleder noch Spitzer zu finden (sieht man einmal von einem "kleinen Gerät zum Spitzen von Blei- und Buntstiften" ab). Es scheint beinahe so, als ob diese von den führenden deutschen Spezialisten für Säugetiere ausgerufene Namensänderung gänzlich ungehört den Weg vieler Zeitungsmitteilungen gegangen ist: Sie geriet in Vergessenheit.

Allerdings gab es bereits einen Tag nach dem Erscheinen der Notiz eine unmittelbare Reaktion von unerwarteter Seite. Martin Bormann, der Leiter der Partei-Kanzlei der NSDAP, sandte am 4. März 1942 in seiner Funktion als Privatsekretär Adolf Hitlers eine Mitteilung an Hans Heinrich Lammers, den Chef der Reichskanzlei, in der er eine bemerkenswert unzweideutige Anweisung Hitlers überbrachte:

"In den gestrigen Zeitungen las der Führer eine Notiz über die Umbenennungen, die von der Gesellschaft für Säugetierkunde anläßlich ihrer 15. Hauptversammlung beschlossen wurden. Daraufhin beauftragte mich der Führer, den Verantwortlichen mit wünschenswerter Deutlichkeit mitzuteilen, die Umbenennungen seien umgehend rückgängig zu machen. Wenn die Mitglieder der Gesellschaft für Säugetierkunde nichts Kriegswichtigeres und Klügeres zu tun hätten, dann könne man sie vielleicht einmal längere Zeit in Baubataillonen an der russischen Front verwenden. Wenn derartig blödsinnige Umbenennungen noch einmal erfolgten, würde der Führer unbedingt zu entsprechenden Maßnahmen greifen; keinesfalls solle man Bezeichnungen, die sich im Laufe vieler Jahre eingebürgert hätten, in dieser Weise abändern."

Es steht außer Frage, dass diese wenig missverständliche Aufforderung von den "Verantwortlichen" begriffen und umgesetzt wurde. Zumindest erschien bereits am 1. Juli 1942 im Zoologischen Anzeiger , zur damaligen Zeit das "Organ der Deutschen Zoologischen Gesellschaft" ein nur fünf Zeilen umfassender Hinweis. Die Notiz ist nicht namentlich gekennzeichnet und geht wohl auf die Herausgeber des Zoologischen Anzeigers zurück:

"Zu der [in vorherigen Heften des Zoologischen Anzeigers ] geführten Diskussion über etwaige Änderung der Namen 'Fledermaus' und 'Spitzmaus' teilt die Schriftleitung mit, daß laut Mitteilung des Herrn Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung aufgrund einer Anordnung des Führers Bezeichnungen, die sich im Laufe vieler Jahre eingebürgert haben, nicht abzuändern sind."

Es ist denkbar, dass Lammers diese über Bormann an ihn herangetragene Anweisung Hitlers an den Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Bernhard Rust, weitergeleitet hat. Rust hatte dann v

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