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Erinnerungsräume Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses von Assmann, Aleida (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.08.2018
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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Erinnerungsräume

Nicht nur Individuen, sondern auch Kulturen bilden ein Gedächtnis aus, um Identitäten herzustellen, Legitimation zu gewinnen und Ziele zu bestimmen. Aleida Assmann fragt nach den verschiedenen Aufgaben kultureller Erinnerung, ihren Medien (wie Schrift, Bilder oder Denkmäler) sowie nach den Formen des Umgangs mit gespeicherten Wissen, bei denen neben Politik und Wissenschaft auch der Kunst eine wachsende Bedeutung zukommt. 'Bei ihrem reichhaltigen Streifzug durch die Kulturgeschichte zeichnet Aleida Assmann die Bedeutung von Erinnerung bei Projekten der Identitätsbildung nach. ... Der emotional ergreifendste, aber auch politisch brisanteste Aspekt dieses Rundgangs taucht auf jenen Seiten auf, wo die Nähe von Erinnerung und Situationen des Schocks oder Katastrophen ausgeleuchtet wird.' Elisabeth Bronfen, Süddeutsche Zeitung Aleida Assmann ist Professorin em. für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Sie hat außerdem in Los Angeles, Princeton, Houston, Chicago, Wien und an anderen Orten gelehrt und geforscht und wurde vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Max-Planck-Forschungspreis (2009), Ernst-Robert-Curtius-Preis (2011), A.H.-Heineken-Preis für Geschichte (2014), Karl-Jaspers-Preis (mit Jan Assmann, 2017), dem Balzan Preis (mit Jan Assmann, 2017) sowie dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (mit Jan Assmann, 2018). Neben dem Standardwerk 'Erinnerungsräume' (C.H.Beck Paperback, 2018) erschienen bei C.H.Beck von ihr 'Der lange Schatten der Vergangenheit' (3. Aufl. 2018), 'Geschichte im Gedächtnis' (2. Aufl. 2014) und 'Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur' (2. Aufl. 2016).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 424
    Erscheinungsdatum: 28.08.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406729911
    Verlag: Verlag C.H.Beck
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Erinnerungsräume

I.
DAS GEDÄCHTNIS ALS 'ARS' UND 'VIS'

Wie nach Rom führen viele Wege zum Gedächtnis - theologische, philosophische, medizinische, psychologische, historische, soziologische, literatur-, kunst- und medienwissenschaftliche. Aber auch der Weg der Literaturwissenschaft gabelt sich noch einmal. Auf einem Wegweiser steht das Wort 'ars', auf dem anderen das Wort 'vis'. Zunächst zum Stichwort 'ars'. Literaturwissenschaftliche Untersuchungen zum Gedächtnisthema haben in den letzten Jahren bevorzugt ihren Einstieg durch das Tor der römischen Mnemotechnik gewählt. Mnemotechnik ist Gedächtniskunst, und Kunst ist hier in ihrer älteren Bedeutung im Sinne von Technik zu verstehen. Die Mnemotechnik hat nicht nur eine lange Tradition, sondern auch eine unvergeßliche Gründungslegende, auf die wir im folgenden Kapitel noch ausführlicher zurückkommen werden. Nach dieser Legende soll ein gewisser Simonides das Verfahren zum erstenmal in einer katastrophischen Situation angewendet haben. Er war in der Lage, nach Einsturz der Decke im Haus seines Gastgebers die verstümmelten Leichen der Festgesellschaft anhand ihrer Sitzordnung zu identifizieren. Das Verfahren, das Simonides spontan angewendet hatte, wurde von der Mnemotechnik zu einer bewußten Lerntechnik ausgebaut. Dabei wurde aus den Elementen von Örtern und Bildern (loci et imagines) eine Art mentaler Schrift entwickelt, mit der in das Gedächtnis wie auf eine leere Seite geschrieben werden kann. Mit dieser Technik, die das Gedächtnis vom Ohr auf das Auge umpolte, sollten Wissensgegenstände und Texte im Kopf mittels distinkter und einprägsamer Bilder ebenso zuverlässig fixiert werden wie Buchstaben auf einer Schreibfläche. Die römische Mnemotechnik wurde konzipiert als ein erlernbares, zu ganz verschiedenen Zwecken einsetzbares Verfahren, das zuverlässige Speicherung und identische Rückholung des Eingegebenen anzielt. Die Dimension der Zeit wird von der Mnemotechnik ausgefiltert, Zeit greift selbst nicht strukturierend in den Prozeß ein, der sich deshalb auch als ein rein räumliches Verfahren darstellt.

Dieses Verfahren kann in beliebigen Situationen angewendet werden. Es läßt sich damit eine Gerichtsrede memorieren, die um der größeren Wirkung willen auswendig vorgetragen werden muß, ebenso wie das heilsrelevante Wissen der Bibel oder der Stoff für eine medizinische Klausur. Was im einzelnen memoriert werden soll und zu welchem Zweck, ist nicht mehr Gegenstand der ursprünglich rein instrumentell konzipierten Mnemotechnik. Solange in der Kultur und ihren Bildungsinstitutionen gelernt und auswendig gelernt wird, wird es entsprechende körperliche und geistige Mnemotechniken geben, die jedoch nicht nur wie die römische allein auf dem Auge und der Fähigkeit zu imaginärer Visualisierung beruhen, sondern auch das Ohr durch das Repetieren von Klangstrukturen und den Körper durch das Wiegen im Rhythmus, das Abzählen an Fingern usw. mit einschließt.

Die literaturwissenschaftliche Gedächtnisforschung hat sich bisher stark an der antiken Mnemotechnik ausgerichtet. The Art of Memory heißt das Pionierwerk von Dame Frances Yates, Renaissanceforscherin und Spezialistin für okkulte Strömungen in der frühen Neuzeit, das in den 60er Jahren eine verschollene Tradition freilegte. An Yates konnten 25 Jahre später Literaturwissenschaftler wie Renate Lachmann und Anselm Haverkamp anschließen. Sie nahmen das Paradoxon der 'vergessenen Erinnerungskunst' produktiv auf und verbanden die Mnemotechnik mit avancierten Theorien wie Intertextualität, Psychoanalyse und Dekonstruktion. Auf diese Weise gewann die antike Tradition der rhetorischen Memoria eine überraschende Aktualität und entwickelte als literaturwissenschaftlicher Forschungsansatz eine beeindruckende Produktivität. [1] Die Bedeutung dieser Tradition, die unbestritten ist, wird auf den folgenden Seiten immer wieder bestätigt werden. Gleichzeitig sollen jedoch verstärkt auch Zugänge zum Gedächtnisthem

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