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MERKUR Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2018-08 Nr. 831, Heft 8 / August 2018

  • Erscheinungsdatum: 28.07.2018
  • Verlag: Klett-Cotta
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MERKUR Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2018-08

Im Aufmacher des Augusthefts (Nr. 831) denkt Burkhard Müller mit viel Sinn für sprachliche Taschenspielertricks über die Metaphern nach, mit denen einschlägige Bücher naturwissenschaftliches Wissen zu veranschaulichen suchen. Aleks Scholz berichtet - ohne großen Metaphern-Aufwand über die Umwälzungen, die das neue Weltraumteleskop 'Gaia' in der Astronomie ausgelöst hat. Dann noch einmal eine ordentliche Marx-Packung: Martin Burckhardt liest Marx' sonst eher selten gelesenes Maschinenfragment. Friedrich Lenger schreibt über das Ende des Kapitalismus, vor, bei und nach Marx. In der Kritik berichtet Roman Widder von einer Konstanzer Marx-Tagung und reflektiert über Marx-Publika der Gegenwart. Um den (wenig erfreulichen) Stand der Dinge in der Ukraine geht es in einem Essay von Paul Quinn-Judge. Nach Christian Krachts vielbeachteten Poetikvorlesungen nähert sich Hans Kruschwitz noch einmal dem Zusammenhang von Leben und Werk dieses Autors. Isabel Kranz entnimmt jüngeren Gartenbüchern manches über Sehnsüchte unserer Zeit. In seiner jüngsten Vogelbeobachtung bekommt es Günter Hack mit der Wacholderdrossel zu tun. Christian Demand, Jg. 1960, Herausgeber des MERKUR, hat Philosophie und Politikwissenschaft studiert und die Deutsche Journalistenschule absolviert. Er war als Musiker und Komponist tätig, später als Hörfunkjournalist beim Bayerischen Rundfunk. Nach Promotion und Habilitation in Philosophie unterrichtete er als Gastprofessor für philosophische Ästhetik an der Universität für angewandte Kunst Wien. 2006 wurde er auf den Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg berufen, wo er bis 2012 lehrt. Buchveröffentlichungen: Die Beschämung der Philister: Wie die Kunst sich der Kritik entledigte (2003), Wie kommt die Ordnung in die Kunst? (2010).

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MERKUR Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2018-08

Beiträge

DOI 10.21706/mr-72-8-5

Burkhard Müller
Das überspannte Gummituch

Warum die populäre Metapher die Einsicht in den Kern der Welt blockiert

"Sagen Sie, könnten Sie mir mal das Prinzip der Telegrafie erklären?"

"Das ist doch ganz einfach: So ein Telegrafendraht ist wie ein

5000 Kilometer langer Dackel, den man in London in den Schwanz zwickt, und dann bellt er in New York."

"Leuchtet ein. Aber wie ist das jetzt mit der drahtlosen Telegrafie?"

"Na, das ist im Grund genau dasselbe, nur ohne Dackel." - "Ah!"

Alter Witz
Orakel

In seiner Verteidigungsrede vor dem Athener Areopag erzählt der auf Leben und Tod angeklagte Sokrates, wie es kam, dass er, der gelernte Steinmetz, zur Philosophie fand. An das Orakel von Delphi wurde die Anfrage gerichtet: Welcher der athenischen Bürger sei der weiseste? Und Apollo hatte die Antwort erteilt: Sokrates. Das war für Sokrates, der sich keineswegs im Besitz einer solchen Weisheit fühlte, der Anlass zu fragen, was er wisse, die anderen aber nicht. Und er kam zu dem Ergebnis: eigentlich nichts. Doch immerhin wisse er, im Unterschied zu den anderen, dass er nichts wisse. Dieser Satz: "Ich weiß, dass ich nichts weiß" wurde zur Grundlage seines weiteren Vorgehens und zum Gründungsakt aller Philosophie, die sich auf Sokrates beruft, das heißt so ziemlich aller Philosophie von damals bis heute.

Es ist ein methodisch sehr fruchtbarer Ansatz. Bei den schönen Künsten, der Philosophie usw. fällt es leicht, sich auf den Standpunkt des Banausen zurückzuziehen, dem das alles "nichts gibt" und der "damit nichts anfangen kann". Man zuckt die Schultern, und das war's. Die Naturwissenschaft dagegen wird heute keinem erlassen. Jeder Laie sieht sich mit ihren Konsequenzen konfrontiert - vom Navi bis zur Atombombe -, die er nützt oder fürchtet, die aber jedenfalls für ihn wirklich sind. Aber dass die Wissenschaft und was aus ihr folgt unser Schicksal ist, daran zweifelt wohl niemand im Ernst, auch und gerade dann nicht, wenn es ihm Unbehagen bereitet. Sie hat ihre Gegner, aber keine Verächter.

So sieht sich in der wissenschaftlich geformten Welt ausnahmslos jeder zu einem Verhältnis zu ihr gezwungen, auch wenn ihm dessen Voraussetzungen und Umstände im Einzelnen dunkel bleiben. Kaum einer gibt sich über dieses Verhältnis, selbst wenn es über die bloße Hinnahme einer Realität kaum hinausreicht, volle Rechenschaft. Oder er hält seine Begriffsstutzigkeit für ein rein persönliches Problem, wie ein schlechter Schüler, der beim Stoff nicht durchblickt (auch vielleicht ein wenig faul ist), sich deswegen schämt und diesen Zustand so gut es geht bemäntelt, etwa indem er bei der Klassenarbeit spickt, in der Hoffnung, dass das Thema später nie wieder auftaucht.

Zugleich aber fällt es einem Nichtfachmann hier bedeutend schwerer mitzuhalten als bei anderen Wissensgebieten, auf die es weniger ankommt. Auch ein Nichthistoriker ohne Sonderausbildung kann ein seriöses historisches Werk lesen (vorausgesetzt, er hat die nötige Geduld für die tausend Seiten, die solche Bücher gewöhnlich umfassen), denn das Reden von der Geschichte hat sich bis heute nicht prinzipiell von seinen Äquivalenten im Alltagsleben entfernt, insofern es argumentiert, erzählt usw., und das alles in einer wenig spezialisierten Sprache. Die Naturwissenschaft aber hat zu ihrem harten Kern eine Mathematik, der nur wenige zu folgen vermögen; und sie referiert oder entwirft Dinge, die die Alltagserfahrung überschreiten. So sind die sciences zugleich gewichtiger und ihrem Wesen nach unzugänglicher als die humanities .

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