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MERKUR Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2019-2 Nr. 837, Heft 2 / Februar 2019

  • Erscheinungsdatum: 29.01.2019
  • Verlag: Klett-Cotta
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MERKUR Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2019-2

Erlebt der Parlamentarismus in Deutschland eine Krise? Ja, meint der Verfassungsrechtler Florian Meinel, oder jedenfalls zeigt er: Es gibt eine Verengung des politischen Handlungsfelds auf die Kanzlerin und das Kanzleramt. Jörg Scheller berichtet in einer Reportage davon, wie er das immer stärker unter politischen Druck geratende Hongkong erlebt hat. Minutiös erklärt Adewale Maja-Pearce, wie in einem Unabhängigkeitskampf in Kamerun ethnische Konflikte und Nachwirkungen des Kolonialismus auf symptomatische Weise sichtbar werden. Zwei historische Stücke treffen unter der Guillotine zusammen: Niklas Weber zeichnet die Lebens- und vor allem Sterbensgeschichte des Revolutionärs Jacques-René Hébert nach, Rolf Schönlau die von Anacharsis Cloots. Der Historiker David Gugerli fragt in seiner ersten Digitalkolumne, was Autonomie in Zeiten der Algorithmisierung bedeuten kann. In ihrer Popkolumne denkt Heide Volkening über Feine Sahne Fischfilet und die Zusammenhänge von Pop und Politik in der Gegenwart nach. Mit kritischen Blick nimmt sich Jürgen Große das in Buchform erschienene Gespräch von Jana Hensel und Wolfgang Engler über 'die Erfahrung, ostdeutsch zu sein' vor. Ein zentraler Aspekt von Trump und des Trumpismus kommt dem Ethnologen Karl-Heinz Kohl durchaus vertraut vor: der familiäre Klientelismus nämlich. Till Nikolaus von Heiseler staunt über die absolute Unwahrscheinlichkeit der menschlichen Existenz. Und Robin Detje ist für seine erste Schlusskolumne in Berlin-Neukölln und in Mitte unterwegs. Christian Demand, Jg. 1960, Herausgeber des MERKUR, hat Philosophie und Politikwissenschaft studiert und die Deutsche Journalistenschule absolviert. Er war als Musiker und Komponist tätig, später als Hörfunkjournalist beim Bayerischen Rundfunk. Nach Promotion und Habilitation in Philosophie unterrichtete er als Gastprofessor für philosophische Ästhetik an der Universität für angewandte Kunst Wien. 2006 wurde er auf den Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg berufen, wo er bis 2012 lehrt. Buchveröffentlichungen: Die Beschämung der Philister: Wie die Kunst sich der Kritik entledigte (2003), Wie kommt die Ordnung in die Kunst? (2010).

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MERKUR Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2019-2

DOI 10.21706/mr-73-2-17

Jörg Scheller
It's Over

Begegnungen in Hongkong

Auf den ersten Blick ist alles wie immer. Die Hochhäuser ragen in den Himmel wie die stumpfen Stacheln eines versteinerten Igels. In der Lockhart Road, wo alte, biertrinkende, weiße Männer in Bars mit jungen, cocktailtrinkenden, asiatischen Prostituierten und Escort-Damen tändeln, wabert der gewohnte süßsäuerliche Fäulnisgeruch. Geschäftsmänner steigen in ihre Teslas ein, Geschäftsmänner steigen aus ihren Teslas aus. Auf den Märkten zappelt Meeresgetier in flachen Becken seinem kulinarischen Ende entgegen, und in den Boutiquen boomt das Luxus-Shopping. Am Wochenende treffen sich in den Parks die immer noch in prekärer rechtlicher und finanzieller Lage darbenden "domestic helpers" von den Philippinen, aus Malaysia, Indonesien, während ihre Arbeitgeber im Happy Valley Pferderennen verfolgen. In den Häuserschluchten, zwischen den Leuchtreklamen und den Imbissbuden, begegnet man weiterhin jenen älteren Frauen, die mit Handkarren im Gewimmel umhermanövrieren; die Blicke starr, die Rücken krumm, der Gang eine unverwechselbare Mischung aus Tippeln und Schlurfen. Und doch ist etwas anders im Hongkong des Jahres 2018. Ein Narrativ kursiert in der Sonderverwaltungszone, wird unablässig wiederholt und weitergegeben. Bei Tischgesprächen in den Cafés. In den Medien. Unter Studierenden an Hochschulen. Auf den Straßen und in den sozialen Netzwerken. Es lautet: It's over.
"Mainlandization"

In einem Restaurant bei North Point entspinnt sich im Januar 2018 ein spontanes Gespräch mit einem Geschäftsmann aus der Finanzbranche. Er ist Anfang vierzig, wacher Blick, ausgezeichnetes Englisch, Familienvater, seit dreizehn Jahren im Business und dies augenscheinlich sehr erfolgreich. Hongkong sei jahrzehntelang ein Leuchtturm in der Region gewesen, erzählt er, während er sich seine Steamed Pork Dumplings munden lässt. Nicht nur als Labor der Finanzindustrie. Sondern auch als Hort einer eigenständigen, hybriden Gesellschaft, die weder chinesisch noch westlich im engeren Sinne sei. Seit ein paar Jahren sehe er jedoch schwarz für sie: "Hongkong ist im Niedergang." Der ehemaligen britischen Kronkolonie war 1997 bei der Rückgabe an die Volksrepublik China bis zum Jahr 2047 weitreichende Autonomie zugestanden worden. Das Motto lautete: "Ein Land, zwei Systeme". Dessen ungeachtet greift die Kommunistische Partei der Volksrepublik unter Staatspräsident Xi Jinping immer stärker, immer unverhohlener in Politik, Wirtschaft, Bildung und Justiz Hongkongs ein.

Die düstere Schilderung des Geschäftsmanns steht in merkwürdigem Kontrast zu seiner guten Laune. Hongkong, fährt er kauend und lächelnd fort, zehre von den Errungenschaften der Vergangenheit. Ihm selbst gehe es zwar gut, er verdiene prächtig, besitze ein paar Immobilien, die Kinder gingen auf Privatschulen. Doch die allgemeinen Aussichten seien düster. Die nach Hongkong strömenden Chinesen vom Festland seien aggressiver, die kommunistischen Kader trickreicher, strategischer, skrupelloser, härter, besser geschult für brutalen Wettbewerb. Hongkongs Bevölkerung sei zu soft. Nicht zuletzt gebreche es ihr am militärischen Training - für Bürger Hongkongs besteht keine Wehrpflicht. Und während in der Volksrepublik laufend existentielle Konflikte bewältigt werden müssten, habe Hongkong als prosperierende Sonderverwaltungszone das Privileg gehabt, sich einigermaßen ungestört aufs Ökonomische konzentrieren zu können. "Bei uns ging es viel zu lange nur ums Geldmachen; sich politisch oder kulturell zu engagieren, liegt den meisten Bewohnern fern." Diese Konzentration wiege doppelt schwer, weil Hongkong innerhalb des ökonomischen Sektors einseitig auf Finanzen und Immobilien fokussiere. Man müsse sich wirtschaftlich diversifizieren - etwa im Hightech-Bereich. "Doch mit was zahlen wir hier? Mit de

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