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MERKUR Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2019-6 Nr. 841, Heft 6 / Juni 2019

  • Erscheinungsdatum: 25.05.2019
  • Verlag: Klett-Cotta
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MERKUR Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2019-6

In diesem Heft gibt es einen Schwerpunkt zum Themenfeld Populismus und postfaktisches Zeitalter. Jan-Werner Müller erklärt, warum es in einer Demokratie selbstverständlich sein sollte, auch mit Rechten zu reden. Gunnar Hindrichs zeigt, wie falsch Peter Sloterdijk mit seiner Thymos-Emphase liegt. Einfach so zu den 'Tatsachen' zurückzukehren, ist nur scheinbar die Lösung für das Problem des Postfaktischen - so die These von Mark Fischer und Oliver Schlaudt. Von der Seite der Musik nähert sich Dirk Baecker der Frage nach der Vox Populi. Und Sebastian Dümling analysiert den Populismus als 'Diskurseffekt'. Außerdem in den Essays: Catherine Davies ist die abstrakten Großerklärungen der Brexit-Leitartikel leid und zeigt, dass sich die Ursachen für die politische Dynamik in Großbritannien denkbar konkret angeben lassen. In der ersten Folge seiner 'Homestories' räumt Christian Demand mit Marie Kondo (und anderen) auf. Jakob Hessing liest Bernd Wittes Buch Moses und Homer. Danilo Scholz ' Dankrede zur Verleihung des Heinrich-Mann-Preises führt uns bis nach China. Stefanie Schweizer führt vor Augen, was Heimat bedeuten kann, nicht nur für sie selbst. Günter Hack erzählt von den Farben der Elster. Und Robin Detje befasst sich dieses Mal mit Männern, nicht nur in der U-Bahn. Christian Demand, Jg. 1960, Herausgeber des MERKUR, hat Philosophie und Politikwissenschaft studiert und die Deutsche Journalistenschule absolviert. Er war als Musiker und Komponist tätig, später als Hörfunkjournalist beim Bayerischen Rundfunk. Nach Promotion und Habilitation in Philosophie unterrichtete er als Gastprofessor für philosophische Ästhetik an der Universität für angewandte Kunst Wien. 2006 wurde er auf den Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg berufen, wo er bis 2012 lehrt. Buchveröffentlichungen: Die Beschämung der Philister: Wie die Kunst sich der Kritik entledigte (2003), Wie kommt die Ordnung in die Kunst? (2010).

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MERKUR Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2019-6

DOI 10.21706/mr-73-6-16

Gunnar Hindrichs
Thymos

I

Seit einigen Jahren wird ein Begriff der antiken Seelenlehre zur Diagnose unserer Gegenwart gebraucht: "Thymos". Übersetzbar im Bedeutungsfeld von Mut, Tatkraft, Zorn, dient er zur Erklärung von Willensbekundungen gegen Flüchtlinge, die politische Linke, die Presse oder die Bundeskanzlerin. Auch die Veränderung der politischen Sprache fällt unter die Ausübung des Thymos. Vom "Zorn der freien Rede" sprach ja schon Ernst Moritz Arndt, und bereits bei ihm ging dieser Zorn mit der Missachtung einher, die heute zu beobachten ist. All das entspringt einem Gefühl des Mangels, genannt "thymotische Unterversorgung". 1 Es gründet in der Auffassung, dass Mut, Tatkraft und Zorn, notwendige Faktoren unserer seelischen Verfassung, im politischen Raum keinen Ort mehr fänden, so dass eine Unterversorgung eingetreten sei, die sich in jenen Phänomenen Luft verschaffe. Die lange Zeit stillgestellten Bürger wehrten sich endlich. So gesunde der Seelenhaushalt - und mit ihm das Gemeinwesen, das seit alters als ein Bild der Seele verstanden werden kann.
II

Im Hintergrund dieser Erklärung steht Peter Sloterdijks Buch Zorn und Zeit . Seit der Kritik der zynischen Vernunft sind Sloterdijks Bücher die Seismografen bedeutsamer Stimmungen ihrer jeweiligen Zeit. Von der Universitätsphilosophie als unseriös verachtet, bleiben sie bedenkenswert, weil sie Zeitströmungen eine Sprache verleihen, die gar keine seriöse Sprache sprechen können, aber politisch von Belang sind. Zorn und Zeit tut das im Rückgriff auf die antike Seelenlehre.

Denn Sloterdijks Buch will "griechische Prämissen moderner Kämpfe" aufzeigen: in der "Lehre vom thymós ". 2 Das Buch beginnt mit "Europas erstem Wort", dem Zorn des Achill in der Ilias , entfaltet hieraus "die thymotische Welt: Stolz und Krieg", will damit "jenseits der Erotik" gelangen und gewinnt aus "Nietzsches Augenblick" die Möglichkeit, den Verzicht auf den Thymos mit latentem Ressentiment und seine Rehabilitation mit dem Ausleben von Freiheit zu identifizieren. Auf diese vier Eckpunkte stellt es ein Panorama des Zorns, das vom zornigen Gott - der "metaphysische[n] Rachebank" - über die Revolution - der "kommunistische[n] Weltbank des Zorns" - bis zur "Zornzerstreuung" der Gegenwart reicht. Eine Konklusion auf den Zorn "jenseits des Ressentiments" beendet das Panorama. Die Eckpunkte umreißen präzise den Kerngedanken.

In der Tat lautet ja der erste Vers der Ilias : "Den Zorn singe, Göttin, des Peleus-Sohns Achilleus". Aus ihm lässt sich die Auffassung gewinnen, dass Homers Epos den Zorn "in den Rang der Substanz, aus der die Welt gefertigt ist", erhebt, wie Sloterdijk schreibt. Deren Deutung als einer "von einem glücklichen Bellizismus ohne Grenzen erfüllten Welt" liegt darum nicht ganz fern. Hierbei ist wichtig, dass der Zorn als Weltsubstanz keine aggressive Charaktereigenschaft eines Subjekts im modernen Sinn darstellt. Denn reflektierende Innerlichkeit gibt es bei Homer nicht. Stattdessen bildet der homerische Held ein Feld von Energien, die über ihn hinausreichen und letztlich mit den Göttern verbunden sind. Der Zorn ist eine solche Energie. In Sloterdijks Worten: Zorn "stellt ein energetisches Supplement der heroischen Psyche dar, nicht deren persönliche Eigenschaft oder intimen Komplex". 3 Der Regungsherd im Helden, in dem die Zornesenergie aufwallt, heißt nun "Thymos". Mit diesen Strichen hat Sloterdijk darum die thymotische Welt gekennzeichnet. Sie bildet eine glücklich-bellizistische Welt von Kriegern, deren Thymos die Invasion des

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