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MERKUR Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2019-7 Nr. 842, Heft 7 / Juli 2019

  • Erscheinungsdatum: 25.06.2019
  • Verlag: Klett-Cotta
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MERKUR Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2019-7

Tim Barker zeichnet die Ursachen und Folgen des sogenannten Volcker-Schocks nach: der Anti-Inflationspolitik des US-Notenbank-Chefs Paul Volcker also, die eine Rezession und hohe Arbeitslosenraten nach sich zog. Rainer Maria Kiesow ist politisch weit von Carl Schmitt entfernt, aber wenn es ums Entscheiden geht, muss er sagen, ist Schmitts Kritik an juristischer Hermeneutik heute noch gültig. Wolfgang Kemp begibt sich in der Theorie auf die Suche nach einem brauchbaren und konsistenten Formbegriff, landet bei Luhmann und wird nicht glücklich. Reiner Nägele nimmt sich sein Fach, die Musikwissenschaft, vor - und kann nicht sagen, dass ihm gefällt, was er sieht. In ihrer Rechtskolumne fragt Sophie Schönberger, ob dem Rechtsstaat durch Musealisierungsmaßnahmen zu helfen ist. Hazel Rosenstrauch bespricht einen Band, der die Geschichte der Privatbank Mendelssohn erzählt. Eine aktuelle Inszenierung von Friedrich Hebbels Maria Magdalena wird Patrick Bahners zum Anlass für Überlegungen zu Tod und Genremalerei. Jürgen Große fragt: Wie einflussreich und auch wie viel gelesen ist heute eigentlich noch Karl Raimund Popper? Jochen Rack sieht Armut und Schönheit in Marrakesch. Und Robin Detje erzählt ganz ausdrücklich keinen Familienroman. Christian Demand, Jg. 1960, Herausgeber des MERKUR, hat Philosophie und Politikwissenschaft studiert und die Deutsche Journalistenschule absolviert. Er war als Musiker und Komponist tätig, später als Hörfunkjournalist beim Bayerischen Rundfunk. Nach Promotion und Habilitation in Philosophie unterrichtete er als Gastprofessor für philosophische Ästhetik an der Universität für angewandte Kunst Wien. 2006 wurde er auf den Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg berufen, wo er bis 2012 lehrt. Buchveröffentlichungen: Die Beschämung der Philister: Wie die Kunst sich der Kritik entledigte (2003), Wie kommt die Ordnung in die Kunst? (2010).

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MERKUR Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2019-7

Beiträge

DOI 10.21706/mr-73-7-5

Tim Barker
Das Blut der Anderen

Der Volcker-Schock und die Folgen

W ollte man einen Film über den Neoliberalismus drehen: Paul Volcker müsste darin eine Hauptrolle spielen. Als Präsident der US -Notenbank Fed in den Jahren 1979 bis 1987 war Volcker der mächtigste Zentralbanker der Welt. In diese Jahre fällt die Niederlage der Industriearbeiterbewegung in Großbritannien und den Vereinigten Staaten; in der "Dritten Welt" sind in dieser Zeit Schuldenkrisen explodiert. Beides hat mit Volcker zu tun. Am 6. Oktober 1979 verkündete er nach einem außerplanmäßigen Treffen des Open Market Committee der Notenbank, dass er mit der Begrenzung des Wachstums der nationalen Geldmenge beginnen werde. Dies würde er durch die Begrenzung des Wachstums von Bankreserven erreichen, die die Fed durch An- und Verkäufe von Staatsanleihen an Mitgliedsbanken beeinflussen kann. Wenn das Geld knapper würde, müssten die Banken die Zinsen erhöhen und so die Liquidität in der Gesamtökonomie verringern. Obgleich die Zinsen das Ergebnis der Fed-Politik waren, konnte Volcker, indem er auf die Geldmenge zielte, den Eindruck vermeiden, die Zinsen direkt zu erhöhen. Das Experiment - der sogenannte Volcker-Schock - dauerte bis 1982, es führte zur bis heute schlimmsten Arbeitslosigkeit seit der Großen Depression und beendete schließlich die Inflation, die die Weltökonomie seit den späten sechziger Jahren geplagt hatte.

Wer die Folgen des Volcker-Schocks aufzählt - Fabrikschließungen, Demoralisierung der Gewerkschaften, schwindelerregende Finanzialisierung der Wirtschaft -, beschreibt die Turbulenzen, die in den USA noch 2019 spürbar sind. Am Höhe- beziehungsweise Tiefpunkt des Schocks lag der Leitzins bei über 20 Prozent - und bei schlechten Kreditkonditionen noch darüber. Die exorbitanten Kosten für Kredite bedeuteten für Tausende Firmen das Ende und führten zu einer Schrumpfung der Wirtschaft von insgesamt 22 Prozent. Im Dezember 1982 lag die Arbeitslosenquote bei 10,8 Prozent - und eher bei 20, wenn man die Arbeiter, die die Suche aufgegeben hatten, und die Arbeitskräfte, die keine Vollzeitjobs fanden, mitzählt. In absoluten Zahlen waren damals zwölf Millionen Amerikaner ohne Beschäftigung, plus dreizehn Millionen "Entmutigte" und Unterbeschäftigte. Am stärksten betroffen war der Industriegürtel des Landes. Neunzig Prozent der Jobverluste entfielen auf die Bereiche von Bergbau, Bauindustrie und Produktion. Die Schuldentilgung kam Unternehmen teuer zu stehen, ebenso die Kreditaufnahme für Investitionen, während der starke Dollar Exporte international noch weniger konkurrenzfähig machte. In Städten wie Flint, Michigan, und Youngstown, Ohio, waren mehr als einer von fünf Arbeitern ohne Job. In Akron, Ohio, zahlte die kommerzielle Blutbank zwanzig Prozent weniger als zuvor, weil entlassene Arbeiter in großer Zahl bereitstanden, Blut zu spenden. In der Gegend um Pittsburgh schoss die Selbstmordrate ebenso in die Höhe wie die des Alkoholmissbrauchs, während die Bewohner in Obdachlosenasylen um die Plätze kämpften. Die Arbeitslosenrate unter Afroamerikanern lag noch höher und erreichte ihre Spitze zu Beginn des Jahres 1983 bei 21,2 Prozent (1979 lag sie, und auch das war schon Ausdruck einer Krise gewesen, bei etwa 12 Prozent).

Diejenigen, die Volckers Lob singen, halten ihm zugute, dass er der Inflation "das Genick gebrochen" habe. Nancy Teeters, die einzige abweichende Stimme im "Board of Governors" der Notenbank, bevorzugte eine andere Metapher: "Ich sagte ihnen: 'Ihr zerrt so brutal am finanziellen Gewebe dieses Landes, dass es reißen wird. Und ihr müsst wissen, dass es sehr schwer, fast unmöglich ist, einen Stoff wieder zusammenzufügen, wenn er einmal gerissen ist.'" (Wie Teeters, die als erste Fra

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