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Perspektive Unsere Weltsicht in Psychologie, Philosophie und Kunst von Bühring, Gerald (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.05.2014
  • Verlag: WBG Academic
eBook (ePUB)
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Perspektive

Was haben Nikolaus Kopernikus, Charles Darwin und Albert Einstein gemeinsam? Alle drei waren geniale Köpfe, die durch ihren radikalen Perspektivwechsel unsere Weltanschauung von Grund auf verändert haben. Aber was genau ist Perspektive eigentlich? Wie wurde sie entdeckt und wie viele ?perspektivische Welten? umgeben uns? Gerald Bühring stellt umfassend und anschaulich dar, was Perspektive eigentlich ist und wie sie sich entwickelt hat. Erstmals zeigt er in diesem interdisziplinären Buch, welche verschiedenen Ansätze von Perspektive es z.B. in Philosophie, Psychologie oder Astronomie gibt. Insbesondere widmet er sich dabei dem Thema, wie die Perspektive unsere Wahrnehmung und Psyche beeinflusst und erklärt den Einfluss der individuellen Sinnwahrheit und die Bedeutung der Erfahrung. Denn eines ist klar: Perspektive wirkt über den rein optischen Bereich hinaus.

Dr. Bühring, Gerald, geb. 1944, studierte Psychologie an der Technischen Universität Berlin. Nach dem Studium war er Heimpsychologe in Rischborn/Gifhorn, betrieb dann eigene psychotherapeutische Praxen in Hamburg und Berlin. Von 1980 bis 2006 war er in der Beratungsstelle für Kinder- und Jugendpsychiatrie Reinickendorf in Berlin beschäftigt. Er ist freier Mitarbeiter am Institut für Tiefenpsychologie Gruppentherapie und Gruppendynamik Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 312
    Erscheinungsdatum: 01.05.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783534738229
    Verlag: WBG Academic
    Größe: 4637 kBytes
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Perspektive

3. Der Siegeszug der Perspektive

3.1 Ausbreitung über Europa

Das weltliche Bildungsideal des Renaissancemenschen breitete sich allmählich über ganz Europa aus - ebenso die perspektivische Malerei. Fasziniert von der lebensechten Darstellung der Natur, wurde sie " á la bonne heure" von aufgeschlossenen Künstlerherzen willkommen geheißen: zunächst in Frankreich, Flamen und Deutschland. Begünstigt durch persönliche und schriftliche Kontakte zwischen einigen Künstlern erkannte man ihren ästhetisch-förderlichen Wert. Leonardo da Vinci beispielsweise kam 1516 auf Einladung von Francois I. nach Frankreich. Im Reisegepäck hatte er drei seiner berühmtesten Bilder: die lächelnde Mona Lisa, den femininen Johannes der Täufer und die heilige Anna Selbtritt. Sein adliger Mäzen stellte ihm das hübsche Château du Clos-Lucé an der Loire zur Verfügung, wo er seine letzten drei Lebensjahre verbrachte. Deutschlands erster Verbindungsmann zu Italien war wahrscheinlich Albrecht Dürer. Verbürgt sind eine Italienreise nach Venedig (1506) und Kontakte zu Raffael von Urbino. Vasari zufolge sandte er dem Florentiner ein Aquarell, gemalt auf feinster Leinwand, worauf sich Raffael mit mehreren Skizzen bedankte. Zudem erhielt Dürer Kenntnis von Albertis lateinischem Traktat "De Pictura" (1435), von dem er 1523 eine Abschrift erwarb. Infolge seiner intensiven Beschäftigung mit der Zentralperspektive definierte er den Begriff etwas anders als seine italienischen Kollegen. Während diese "perspettiva" im Sinne von "deutlich sehen" verwendeten, betonte der Nürnberger nunmehr den räumlichen Aspekt. "Item Perspectiva ist ein lateinisch Wort, bedeutt ein Durchsehung" (l. c. Graumann 1960, S. 18). Perspektivisch sehen ist demnach ein Zusammenspiel dreier Komponenten von Auge, Gegenstand und Zwischenraum.

Auch bei anderen deutschen Künstlern erfreute sich diese neumodische Darstellungskunst immer größerer Beliebtheit und inspirierte sie sogar zu ziemlich skurrilen Kunstwerken. Eines davon sind "Die Gesandten" von Hans Holbein dem Jüngeren (1497-1543). Das 1533 entstandene Gemälde zeigt im Vordergrund einen fischähnlichen Gegenstand, der sich bei genauerem Hinsehen als ein extrem verzerrter Totenschädel entpuppt (Abb. 8, Farbtafel). Zustande kommt die Verzerrung durch einen stark verkürzten Blickwinkel. Owen Gingerich (1930 ) vermutet, dass man diesen Schädel als mehrdeutiges Symbol für Sterblichkeit und heiteres Wortspiel für den Namen "Holbein" (Hohlknochen) interpretieren könne (vgl. Gingerich 2006, S. 70).

Ein weiteres Beispiel für die Verbreitung der Perspektive in Europa liefert der flämische Architekturzeichner Hans Vreedeman de Vries (1526-1609) aus Leeuwarden. Seine Bauwerke sind streng nach den Regeln der Linearperspektive durchkonstruiert. Meines Erachtens zu streng, als dass man sie folgenlos genießen könnte.
3.2 Sichtweisen im Barock

Nach der Renaissance kam eine andere Kunstrichtung in Mode, die des "Barock", ebenfalls von Italien ausgehend. Zwischen 1600 und 1750 entstanden allenthalben geometrisch gestaltete Gartenanlagen, prunkvolle Kirchen, Schlösser und Paläste, die Herrenhäuser Gärten in Hannover, das Schloss Versailles bei Paris, die Peterskirche in Rom, der Dresdner Zwinger u.a.m. Einerseits dienten diese Prachtbauten den Herrschenden zur Schaustellung ihrer absolutistischen und klerikalen Machtfülle, andererseits waren sie bildhafter Ausdruck eines sinnenfreudigen Lebens von irdischem Sein und religiösem Schein.

In diesem Spannungsfeld zwischen diesseitigen und jenseitigen Seinsvorstellungen schafften die Barockkünstler nicht nur machtverherrlichende Gebäude, sondern auch raffinierte "Scheinarchitekturen". Perspektivische Verkürzungen, Akzentuierung der Fluchtpunkte, kontrastierende Licht- und Schattentechniken ließen Kunstwerke entstehen, die es dem staunenden Beschauer fast unmöglich machen, zwischen Wirklichkeit und Illusion zu unterscheiden. Mit diese

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