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Von der Bildfläche Eine Archäologie der Lineatur von Sommer, Manfred (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.05.2016
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Von der Bildfläche

Was haben Dürers Der Zeichner des liegenden Weibes, ein Fenster in einem Büroturm und ein Poncho gemeinsam? Auf den ersten Blick so gut wie nichts, auf den zweiten jedoch etwas sehr Grundlegendes, das zudem allgegenwärtig ist: rechteckige Flächen. Unsere Welt ist voll von ihnen, aber weder die Natur noch unsere Einbildungskraft bringen sie hervor. Ausgehend von der Bildfläche, dem unsichtbaren Grund, der es Farbe und Linie gestattet, zum Bild zu werden, erkundet Manfred Sommer diese so elementare wie diskrete Figuration und damit zusammenhängende Phänomene wie Grenze und Saum, Rand und Rahmen, Gitter und Karos, Raster und Pixel. Er beschreibt ihre Genese, die in der Jungsteinzeit beginnt: Rechteckig werden hier erstmals Felder gepflügt, später Häuser gebaut und Stoffe gewoben - und die Bilder wandern aus den Höhlen an die weißen Wände, um dort mit dem offenen Fenster um den schönsten Blick zu konkurrieren. Von der Bildfläche ist eine faszinierende Reise durch unsere rektangulare Welt, mit überraschenden Abzweigungen, etwa zu einem Malerwettstreit in der Antike, Husserls Überlegungen zur Geometrie oder den Bayerischen Meisterschaften im Gespannpflügen. Sie lehrt uns, eine lebensweltliche Selbstverständlichkeit neu zu sehen. Manfred Sommer, geboren 1945, war bis zu seiner Pensionierung 2010 Professor für Philosophie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Er ist u. a. Herausgeber zahlreicher Schriften Hans Blumenbergs aus dem Nachlass.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 544
    Erscheinungsdatum: 08.05.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518745168
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 9586 kBytes
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Von der Bildfläche

1. Kapitel
Karopapier auf der Tischplatte

Kunst und Geometrie - Topos - Zoë ohne Perspektive - Gestaltliche Charaktere - Flächen: kantig hart und sanft überwölbt - Gegenständliche Auffassung - Das pikturale Feld - Das Blatt wird liniert - Schachbrett und Koordinatensystem - Aufnahmebereite Felder - Schrift im Quadrat.

Gern malen sich die Maler beim Malen, zeichnen sich die Zeichner beim Zeichnen, beschreiben sich die Schriftsteller beim Schreiben. Somit kommt der Künstler - früher nur als dargestellter - in seinem Werk selbst vor und mit ihm auch der Ort seines Schaffens: das Atelier oder das Studio, die Dachkammer oder die Ofenstube. Wie unterschiedlich auch immer solche Räume eingerichtet sind, neben dem übrigen Mobiliar finden wir stets auch diejenigen Stücke, die der produktiven Tätigkeit den nötigen Rückhalt geben, etwa eine Staffelei, einen Zeichentisch, ein Schreibpult. Sie dienen als Stützen oder Träger. Auf der Staffelei steht eine Leinwand, auf dem Zeichentisch liegt ein Stück Karopapier, auf dem Schreibpult ein liniertes Blatt. Was da aufrecht steht oder waagrecht liegt, ist fast ausnahmslos rechteckig und flach. Derlei Rechtecke, unbearbeitet meistens weiß, warten darauf, Farbflecken, Tuschelinien oder Tintenstriche aufnehmen und festhalten zu dürfen. Indem sie es wirklich tun, entsteht ein Gemälde oder eine Zeichnung, ein Roman oder ein Essay, also die Werke, die - oder deren Reproduktion - der jeweilige Betrachter oder Leser gerade vor Augen hat.

Knapp nicht , wie sich zeigen wird, paßt in dieses Schema Dürers Holzschnitt Der Zeichner des liegenden Weibes . Immer wieder gern nachgedruckt, ist das Bild manchem wenigstens flüchtig bekannt und eignet sich zu einer ersten Besinnung auf die Bildfläche. Das Buch, aus dem das kleine Kunstwerk stammt, hat einen etwas längeren Titel, der für das Verständnis dessen, was man sieht, von Belang ist und deshalb ungekürzte Erwähnung verdient: Underweysung der Messung, mit dem Zirckel und Richtscheyt, in Linien, Ebenen unnd gantzen corporen . Das Buch ist 1525 in Nürnberg erschienen, 1538 dann erneut und nun erstmals mit dem Zeichner -Holzschnitt. Wie der Titel als ganzer, so ist auch der Name des "liegenden Weibes" von Bedeutung. Einer apokryphen Nürnberger Tradition zufolge heißt sie Zoë.

Abbildung 1: Albrecht Dürer, Der Zeichner des liegenden Weibes (1538)

In der Underweysung der Messung bedeutet "Messung" soviel wie Bemessung oder Zumessung. Wäre das Buch heute erschienen, so trüge es vielleicht einen Titel wie Anleitung zur geometrischen Konstruktion . Dürer ist Teil der Renaissance-Bewegung, welche die Grenze zwischen der Malerei als einer 'mechanischen' Kunst und der Geometrie als einer 'freien' Kunst zu überwinden sucht. Kennzeichnend, daß er sein Buch von 1525 mit dem Satz einleitet: "Der allerscharfsinnigste Euklid hat den Grund der Geometrie zusammengesetzt. Wer denselben wohl versteht, der bedarf dieser hernach geschriebenen Dinge gar nicht." Wir haben also ein Lehrbuch der angewandten Geometrie vor uns, das zugleich den, der ein bildender Künstler werden will, zu einem solchen machen soll. Kein Wunder also, daß Dürer den Zeichner der Zoë erst einmal ein quadratisches Blatt mit einem quadratischen Gitter überziehen läßt. Denn so macht der Zeichner sich - und Dürer uns - die unsichtbare Innenform der Euklidischen Ebene sichtbar.
Topos ohne Perspektive

Dieser Holzschnitt Dürers rangiert, was den Bekanntheitsgrad angeht, zwar hinter den Betenden Händen und dem Feldhasen - aber nicht sehr weit dahinter. Er wird tradiert wie eine gängige Formel visueller Art. Was derart selbstverständlich geworden ist, was zitiert wird und dann erneut zitiert wird,

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