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Der Duft der Imperien 'Chanel No 5' und 'Rotes Moskau' von Schlögel, Karl (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.02.2020
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Der Duft der Imperien

Kann ein Tropfen Parfüm die Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählen? Karl Schlögel entwickelt einen ungewöhnlichen Zugang zur Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. Kann ein Duft Geschichte aufbewahren? Zwei Parfums liefern Karl Schlögel den Stoff, die europäischen Abgründe des 20. Jahrhunderts neu zu erzählen. Durch die Turbulenzen der Revolution gelangte die Formel für einen Duft, der zum 300. Kronjubiläum der Romanows kreiert worden war, nach Frankreich. Er lieferte die Grundlage für Coco Chanels Nº 5 und für sein sowjetisches Pendant Rotes Moskau, das bis heute unter diesem Namen produziert wird. Verantwortlich für die Parfümindustrie war Polina Schemtschuschina, die Frau des Außenministers Molotow. Sie fiel später einer Säuberungskampagne zum Opfer - und Coco Chanel kollaborierte mit den deutschen Besatzern. Ein unscheinbarer Zufall führt Karl Schlögel zu erstaunlichen Entdeckungen in einer Epoche, die wir gründlich zu kennen glaubten. Karl Schlögel, Jahrgang 1948, hat an der Freien Universität Berlin, in Moskau und Leningrad Philosophie, Soziologie, Osteuropäische Geschichte und Slawistik studiert. Bis 2013 lehrte er als Professor für Osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.2016 Preis des Historischen Kollegs für Terror und Traum (Hanser, 2008). Bei Hanser ist zuletzt erschienen: Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen (2015).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 17.02.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446267442
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 5341 kBytes
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Der Duft der Imperien

DER DUFT DES IMPERIUMS ODER WIE AUS DEM "LIEBLINGSBOUQUET DER KAISERIN KATHARINA II." VON 1913 NACH DER RUSSISCHEN REVOLUTION CHANEL NO 5 UND DAS SOWJETISCHE PARFUM ROTES MOSKAU WERDEN

Alles sieht nach einem Zufall aus. Im Spätsommer 1920 traf Coco Chanel bei einem Ausflug nach Cannes den Parfümeur Ernest Beaux in dessen Labor. Das Treffen war vermutlich durch Dmitri Pawlowitsch Romanow arrangiert worden, dem damaligen Liebhaber der Chanel, seines Zeichens Großfürst und Mitglied der Zarenfamilie sowie Cousin des letzten Zaren. Seit seiner Verbannung lebte er in Frankreich. 1 Wie Großfürst Dmitri Pawlowitsch, ein enger Freund von Fürst Felix Jussupow, der die Ermordung Rasputins im Winter 1916 in die Hand genommen hatte, gehörte auch Ernest Beaux der Welt des Luxus und der Moden der russischen Aristokratie an. Als Chefparfümeur des Moskauer Hoflieferanten Alphonse Rallet & Co. war er nach Revolution und Bürgerkrieg nach Frankreich zurückgekehrt und in die Niederlassung des französischen Parfumherstellers Chiris in Grasse eingetreten, der die Firma Rallet gekauft hatte. 1913 hatte er zum 300-jährigen Jubiläum der Dynastie der Romanows das Bouquet de l'Imperatrice Catherine II entwickelt, das 1914 in Rallet No 1 umbenannt worden war - in der Zeit des Krieges gegen die Deutschen war eine Hommage an die aus Anhalt-Zerbst stammende Zarin russischen Kundinnen nicht mehr zuzumuten. Das Rezept für dieses Parfum hatte er mit nach Frankreich gebracht und suchte dort die Formel des "Bouquets" den neuen französischen Verhältnissen anzupassen. Aus der Serie von 10 Proben wählte Coco Chanel die Nummer 5 aus, die später den Markennamen Chanel No 5 ergeben sollte.

Lieblingsbouquet der Kaiserin Katharina II. (1903)

Tilar J. Mazzeo, die Autorin eines Buches über "Die Geschichte des berühmtesten Parfums der Welt", beschreibt die Szene wie folgt: "Und da standen sie, zehn kleine Glasphiolen mit den Zahlen Eins bis Fünf und Zwanzig bis Vierundzwanzig darauf. Die Lücke zwischen den Zahlenreihen zeigte an, dass es zwei unterschiedliche - wenn auch sich ergänzende - Duftserien waren, unterschiedliche 'Zugänge' zu einem neuen Duft. In jeder dieser kleinen Glasphiolen befand sich eine ganz neue Kreation, die im Wesentlichen auf Provence-Rose, Jasmin und den erst ein paar Jahre zuvor synthetisierten Duftmolekülen namens Aldehyde basierte. Der Legende nach soll eine unvorsichtige Laborassistentin für eine massive Überdosis dieser noch kaum erforschten Substanzen verantwortlich gewesen sein. Sie hatte sie, ob versehentlich oder nicht, pur statt in zehnprozentiger Verdünnung in eine der Phiolen gegossen.

Schnuppernd brachte Coco Chanel den Tag in jenem Raum zu, umgeben von Apothekerwaagen, Messbechern und Medizinfläschchen, und überlegte. Bedächtig ließ sie jede Duftprobe unter ihrer Nase kreisen, und man hörte, wie sie langsam ein- und ausatmete. Ihr Gesicht verriet nichts. Das war etwas, an das sich jeder erinnerte, der sie kannte - wie unbeteiligt sie wirken konnte. Und dann erzeugte eines jener Parfums in ihrer Sinneswelt einen Widerhall, denn sie lächelte und sagte schließlich ohne jedes Zögern: 'Nummer fünf.' - 'Ja', bestätigte sie später, 'das war es, worauf ich gewartet hatte. Ein Parfum wie kein anderes. Ein Parfum für Frauen mit dem Duft einer Frau.'" Auch was die Namensgebung - die No 5 - betraf, schien sie selbstsicher und frei von Zweifeln. "Ich präsentiere meine Kollektion am 5. Mai, dem fünften Monat des Jahres", antwortete sie Ernest, "und deshalb soll die Probe Nummer fünf den Namen behalten, den sie bereits hat. Das wird uns Glück bringen." 2

Ernest Beaux, Portrait um 1921

Ernest Beaux selbst hat viele Jahre später jenen Moment, in

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