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Die Konzentrationslager-SS Sozialstrukturelle Analysen und biographische Studien von Orth, Karin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 07.11.2013
  • Verlag: Wallstein Verlag
eBook (PDF)
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Die Konzentrationslager-SS

Obwohl bereits ganze Bibliotheken mit Studien zu nationalsozialistischen Konzentrationslagern gefüllt werden können, blieb eine detaillierte Studie über das Führungspersonal der Konzentrationslager bislang aus. Die vorliegende Arbeit schließt diese Forschungslücke. Wer waren die Männer, die vor Ort die Verantwortung trugen, und was wurde aus ihnen nach 1945? Nach einer Einführung über die Entwicklung der nationalsozialistischen Konzentrationslager untersucht die Autorin die sozialstrukturelle Zusammensetzung der Führungsgruppe, wobei sich ein präzises Profil herausbildet. Zur Veranschaulichung werden 9 Werdegänge exemplarisch detailliert präsentiert. Es gelingt Karin Orth dabei, das auf vielfältige Weise verwobene soziale Netz des SS-Führungskorps herauszuarbeiten: Freundschaften und ein eigener sprachlicher Code schufen einen gemeinsamen gesellschaftlichen Kontext, vor allem aber wurde das Geflecht durch die gemeinsam verübten Verbrechen und die Formen der kollektiven Gewalt zusammengehalten. In diesem Zusammenhang verfolgt die Autorin auch die Frage nach der an bestimmte Ereignisse gebundenen Eskalation des Terrors. Schließlich beschreibt Karin Orth, was nach Ende der NS-Herrschaft aus dem Führungspersonal der KZ wurde. Die Ergebnisse der Untersuchung ordnet sie in den Kontext der Bedeutung anderer Tätergruppen im Nationalsozialismus, ihrer Rolle, Funktion und Bedeutung, ein. Karin Orth, geb. 1963, Studium der Geschichte, Politologie und Soziologie, 1990-93 wiss. Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, 1994-97 der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und 1998 des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Von 1994-1998 Lehrbeauftragte der Universität Hamburg, seit 1999 wiss. Assistentin am Historischen Seminar der Universität Freiburg.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 336
    Erscheinungsdatum: 07.11.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783835320307
    Verlag: Wallstein Verlag
    Größe: 2686 kBytes
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Die Konzentrationslager-SS

Schlußbetrachtung (S. 297-298)

Die Frage, was die nationalsozialistischen Täter zu ihrem mörderischen Handeln bewog, ist sowohl unter Historikern als auch in der Öffentlichkeit ebenso heftig diskutiert wie unbeantwortet. Den theoretisch abgeleiteten und letztlich eindimensionalen Erklärungsmodellen, seien sie herrschaftssoziologisch inspiriert und komplex wie die "absolute Macht" von Wolfgang Sofsky oder pauschal wie der von Daniel Jonah Goldhagen behauptete "eliminatorische Antisemitismus", stehen wenige empirische Arbeiten gegenüber. Eine wesentliche Voraussetzung, um die Motivation der Täter zu benennen und ihr Handeln durch ein nicht nur in sich plausibles, sondern empirisch gesättigtes Modell zu erklären, ist, daß aussagekräftige subjektive Quellen der historischen Akteure vorhanden sind – etwa Briefe, Tagebücher oder andere persönliche Aufzeichnungen.

Für die Mitglieder der Konzentrationslager-SS sind derartige Quellen nur höchst spärlich überliefert. Zeitgenössische Dokumente mit subjektivem Gehalt sind rar, die Äußerungen der betrachteten Personen vor Gericht (insbesondere während der alliierten Militärgerichtsprozesse) über ihren Werdegang oder ihre Motivation sind in quantitativer und qualitativer Hinsicht eher dürftig. Eine Biographie, die den Standards der Biographieforschung entspricht, läßt sich auf der Grundlage des überlieferten Quellenmaterials nicht schreiben.

Die geringe Dichte der Quellen erlaubt zudem nur sehr eingeschränkt, die Motive der beschriebenen Männer zu bestimmen. Ihre Handlungsmaximen ließen sich meist nur aus dem Rückschluß gewinnen – aus dem Mosaik von Zeugenaussagen, den Einlassungen der untersuchten SS-Führer in den Nachkriegsverfahren sowie den Ergebnissen der historischen Forschung, die Auskunft über die Lagerrealität und damit das konkrete Handeln der Konzentrationslager-SS geben.

Lediglich für zwei Lagerkommandanten, für Höß und Pister, lassen sich Handlungskonzepte auf der Grundlage ihrer Überlieferungen konturieren. Pisters Tätigkeit lag ein "Erziehungskonzept" zugrunde: Es beruhte auf der Vorstellung, daß er die "Zöglinge" des SS-Sonderlagers Hinzert ebenso wie die deutschen Häftlinge des KZ Buchenwald zu brauchbaren Gesellschaftsmitgliedern resozialisieren könne.

Seine Methoden waren denkbar traditionell und zielten ausnahmslos auf Sekundärtugenden: Militärisches Lagerleben, Strenge und Arbeitszwang führten in seiner Vorstellungswelt gleichsam automatisch zu "Ordnung", "Pünktlichkeit " und "Reinlichkeit". Pister sah sein Konzept aus zwei Gründen für sinnvoll und erfolgreich an: Durch seine Maßnahmen sei sowohl den Zöglingen bzw. KZ-Häftlingen "geholfen" als auch der deutschen Gesellschaft, da diese einer finanziellen "Last" enthoben sei.

Diese Vorstellungen leiteten Pister bis zum Ende seiner Welt: Er übergab im April 1945 das Stammlager Buchenwald den deutschen Funktionshäftlingen und deutete dies als "Machtübertragung", als Fortsetzung seiner "Fürsorge" für diese Häftlingsgruppe unter den extremen Bedingungen der "Feindannäherung ".

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