text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Die zweite Fremde Zehn jüdische Lebensbilder von Bauer, Christoph W. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.07.2013
  • Verlag: Haymon
eBook (ePUB)
14,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Die zweite Fremde

Zehn Menschen, die in den Märztagen 1938 aus Innsbruck und Wien fliehen mussten, die aus ihrer Kindheit vertrieben wurden, aus einem Leben, für das sie Träume und Pläne hatten. Um in ihren Fluchtländern England und Israel Fuß zu fassen, galt es, ihre Muttersprache zu verdrängen, auch zu verheimlichen, denn Deutsch war die Sprache der Täter. So wurde ihnen die Fremde zur neuen Heimat, die alte Heimat zur zweiten Fremde. Christoph W. Bauer ist ihren Lebenswegen bis in die Gegenwart herauf nachgegangen. Ausgehend von seinen Begegnungen und Gesprächen in England und Israel sind zehn Porträts entstanden, die zu einer Geschichte über Heimat, Entfremdung und Erinnerung zusammenfinden. In bewegenden Bildern erzählen sie von Abschied und Flucht, aber auch vom Leben danach und dem Blick aus der Ferne auf die ehemalige Heimat. Dabei lässt Bauer die Vertriebenen selbst zu Wort kommen, authentisch, ganz im Jetzt verwurzelt ? so ist es eine Reise nicht nur in die Vergangenheit, sondern vor allem auch durch die Gegenwart.

Christoph W. Bauer, geboren 1968 in Kärnten, lebt als Autor in Innsbruck. Lyrik, Prosa, Essay, Hörspiel, Übersetzungen. Zahlreiche Veröffentlichungen, mehrere Auszeichnungen. Bei Haymon erschienen u.a. die Romane Im Alphabet der Häuser (2007, HAYMONtb 2012) und Graubart Boulevard (2008) sowie zuletzt der Gedichtband mein lieben mein hassen mein mittendrin du (2011).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 30.07.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783709971215
    Verlag: Haymon
    Größe: 5963 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Die zweite Fremde

"An das erinnere ich mich jetzt: Ich habe gehört, dass man mich auf einem Schlitten nach Hause gebracht hat, in die Maria-Theresien-Straße." Vera Adams schaut auf, in ihrem aufgeweckten Blick plötzlich noch mehr Lebendigkeit. Sie mag die kalte Jahreszeit, den Schnee. An dem litt Innsbruck im Dezember 1929 keinen Mangel und viele befürchteten einen ähnlich strengen und lawinenreichen Winter wie im Vorjahr. Da hatte die Kälte die städtischen Wasserleitungen zum Bersten gebracht, öffentliche Brunnen waren eingefroren wie Bäche und Flüsse, der Inn, die Donau ebenso, sie war von der Wachau bis nach Hainburg von einer durchgängigen, fast fünfzig Zentimeter dicken Eisschicht überzogen. Österreichweit waren die Temperaturen auf minus zwanzig Grad und tiefer gefallen, in Innsbruck an manchen Tagen auf bis zu dreißig Grad unter null. Das wäre wohl selbst Vera Adams zu frostig. Und ihr Mann Kenneth kann auf den Winter ohnehin verzichten. Im März 2010 waren die beiden zuletzt in Innsbruck, bei der Wiedereröffnung des Kaufhaus Tyrol , das im Bereich der Fußgängerzone in der Maria-Theresien-Straße Touristen wie Heimischen ein Blickfang ist. Für die Neugestaltung zeichnet der englische Architekt David Chipperfield verantwortlich, er hat sich mit seinen Bauten aus Beton und Glas vor allem in Japan und Deutschland einen Namen gemacht. Der einstige Gebäudekomplex wurde 2007 abgerissen, an seine Existenz erinnert immerhin eine Gedenktafel im Erdgeschoß, rechter Hand gleich nach dem Haupteingang, sehen werden sie nicht viele. Der von der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg verfasste Text lautet:

An dieser Stelle befand sich das 1908 gegründete Warenhaus "Bauer und Schwarz", das 1938 arisiert wurde und von 1966 bis 2007 als "Kaufhaus Tyrol" weiterbestand. Die Familien Bauer und Schwarz waren seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in Innsbruck ansässige jüdische Kaufmannsfamilien, die mit dem Bau ihres Warenhauses das erste moderne Großkaufhaus Westösterreichs schufen. Das Warenhaus überstand die Herausforderungen des Ersten Weltkriegs, der Weltwirtschaftskrise und der Inflationszeit. Das Ende der langen jüdischen Kaufmannstradition erfolgte 1938 mit dem "Anschluss". Die Mitglieder der beiden großen Familien wurden verfolgt, vertrieben und einige von ihnen ermordet.

Steht man in einem der Obergeschoße des neugestalteten Kaufhauses, kann man in westlicher Richtung die Anichstraße hinabsehen, an deren Ende sich die Innsbrucker Universitätsklinik befindet. Dort wird Vera Adams am 16. Dezember 1929 als Tochter von Helene und Ernst Schwarz geboren. Just am Tag ihrer Geburt beginnt es in den Nachmittagsstunden zu schneien, bald sind die Straßen der Stadt weiße Bänder und für Automobile unpassierbar. Also geht's auf Kufen in die Maria-Theresien-Straße zurück, "wir haben eine sehr schöne Wohnung gehabt, direkt über dem Warenhaus in der obersten Etage." Dort wächst sie mit ihrem um drei Jahre älteren Bruder Karl-Heinz in Verhältnissen auf, die dem bürgerlichen Habitus entsprechen. Auf Bildung wird viel Wert gelegt, auf gute Ausdrucksformen, sie sind die Ingredienzien vorzeigbaren Lebensstils. Zu dem passt eine Fotografie der Mutter am Grand Piano zwar weit besser als die Tatsache, dass Helene Schwarz die Familie 1935 verlässt, um mit einem anderen Mann zusammenzuleben. Das aber erwähnt Vera Adams so beiläufig wie die Vorliebe ihres Vaters für die Lieder von Franz Schubert und Hugo Wolf. Es ist nicht Distanz zu ihren Eltern, sondern zu einem Leben, unter das sie einen Schlussstrich gezogen hat. Und ziehen musste.

Eingeschoßige Häuser, Ziegelfassaden, grau wie der Himmel, der zu Phrasen verführt. Elburton, am Stadtrand von Plymouth, ist so trostlos wie jeder andere Ort bei Regenwetter. Dennoch, als Vera Adams auf Krücken gestützt vors Haus tritt, vermag nur ihr Blick die plötzlich drückende Stimmung zu verscheuchen. Als wollten ihre Augen alles vert

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen