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Kind, versprich mir, dass du dich erschießt Der Untergang der kleinen Leute 1945 von Huber, Florian (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.02.2015
  • Verlag: Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Kind, versprich mir, dass du dich erschießt

Am 30. April 1945 schoss sich Adolf Hitler in Berlin eine Kugel in den Kopf. Zur selben Zeit strömten im Städtchen Demmin scharenweise normale Leute, Frauen, Männer und Kinder in Flüsse und Wälder, um sich dort umzubringen. Es war der größte Massenselbstmord in der deutschen Geschichte, der sich vielerorts ähnlich wiederholte. In welchen Abgrund hatten die Menschen geblickt, dass sie angesichts der Befreiung vom Dritten Reich nur im Tod einen Ausweg sahen? Die andere Reaktion auf den Sinnverlust von 1945 wirkt in der Generation der Kriegskinder und -enkel bis heute nach: das Schweigen, Verdrängen und Vergessen. Beidem lag dasselbe Motiv zugrunde, nämlich die Flucht vor dem Unerträglichen. Die tieferen Ursachen aber verbargen sich in der Innenwelt der Deutschen, die zwölf Jahre lang im emotionalen Ausnahmezustand gelebt hatten. Florian Huber entwickelt die Geschichte der Sinn- und Gefühlswelt der Menschen im Dritten Reich im Wechsel von historischer Reportage und Mentalitätsstudie - ein fesselnder Blick auf die Gefühle der kleinen Leute, die in ihren Untergang marschierten. Florian Huber, geboren 1967, promovierte als Historiker zur Besatzungspolitik der Briten in Deutschland. Er ist der Autor von historischen Büchern wie "Meine DDR. Leben im anderen Deutschland" und "Schabowskis Irrtum. Das Drama des 9. November". Als Filmemacher hat Florian Huber preisgekrönte Dokumentarfilme zu zeitgeschichtlichen Stoffen produziert, darunter der Mauerfall, das mysteriöse Ende des Dichters Antoine de Saint-Exupéry sowie die Olympischen Spiele von 1936.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Erscheinungsdatum: 16.02.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783827077882
    Verlag: Berlin Verlag
    Größe: 2133 kBytes
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Kind, versprich mir, dass du dich erschießt

Fluss ohne Brücken

"Wir erreichten gegen Morgen wieder eine Stadt. Demmin."

Ganz am Ende der schnurgeraden Allee löste sich der Umriss eines mächtigen Kirchturms aus der Dämmerung. Die Fluchtlinien der Chaussee und das Spalier der Ahornbäume lenkten den Blick auf die Turmspitze, die sich nadelfein in die Höhe reckte. Ein Scherenschnitt vor zartrosa Himmel, wie mit dem Rasiermesser in Seidenpapier geritzt. Schlank und wuchtig, filigran und fest zugleich. Zum ersten Mal fanden Irene Brökers Augen Halt in der Gleichförmigkeit des Tieflandes. Sie musste nur weiter direkt darauf zusteuern.

Irene Bröker war 23 Jahre alt, stammte aus Stettin und war mit ihrer Familie auf der Flucht. Von der Familie war jetzt, Ende April 1945, nicht mehr viel übrig. Ihr Mann Werner-Walter galt seit letztem Herbst als vermisst. Ihre Eltern, den Schwiegervater und die Schwägerin hatte sie am Tag zuvor in Anklam, einem der vorüberziehenden Durchgangsorte, nach einem Fliegerangriff aus den Augen verloren. Der Kutschwagen der Eltern war mit gebrochenem Rad liegen geblieben, während sie mit dem Auto im dichten Strom der Fahrzeuge, Menschen und Pferde einfach aus dem Ort hinausgeschoben wurde. Sie hatte ihre Verwandten danach nicht wiederfinden können. Nur Holger war jetzt noch bei ihr. Ihr kleiner Sohn Holger, zwei Jahre alt. Ihn durfte sie nun nicht mehr aus ihrer Nähe lassen.

Aber ganz alleine waren die beiden nicht, denn in Löcknitz, ein paar Kilometer westlich von Stettin, hatten sich ihnen ein älterer Arzt und dessen Frau angeschlossen. Wie viele Frauen, hinter denen ein bis dahin geordnetes Leben gelegen hatte, entwickelte Irene Bröker in dieser Lage eine erstaunliche Überlebensklugheit. Dazu gehörte, ihre Gefühle bis auf das Nötigste einzufrieren. Außerdem die Fähigkeit, in fremden Menschen den Verbündeten zu finden. Dr. P., wie Irene Bröker den Arzt in ihren Aufzeichnungen nennt, wurde für sie die wichtigste Stütze in den Tagen, die ihnen bevorstanden. Sogar für den Moment, in dem sie das Überleben vielleicht gar nicht mehr wünschen würde, hatte sie Vorsorge getroffen. An einer Schnur um den Hals trug Irene Bröker ein wasserdichtes Beutelchen bei sich.

Gegen Morgen kamen sie also nach Demmin. Für sie nur ein weiterer gleichgültiger Name auf dem Fluchtweg. Die Stadt um den ziegelroten Kirchturm, der die Landschaft weitum dominierte, barg für Irene Bröker keine Erinnerungen und keine Bedeutung. Das Ziel ihres Marsches lag irgendwo weit im Westen, dort, wo die russischen Soldaten nicht hinkämen.

Die Schrecken der Wintertrecks, der Kampf gegen den Schneesturm auf eisglatten Wegen, die Frostnächte lagen weit zurück. Strahlendes Frühlingswetter beherrschte die zweite Aprilhälfte und versetzte die Natur in Vorpommern in einen unwiderstehlichen Aufbruch. Junges Grün stand auf den Wiesen und in den Bäumen, auf warme Tage folgten mildkühle Nächte. Regen fiel nur noch vereinzelt. Zusammen mit vielen anderen waren Irene Bröker und das Ärztepaar die Nacht über stockend vorangekommen. Als sie am Morgen mit ihrem Wagen den östlichen Rand von Demmin erreichten, waren sie mit ihren Kräften am Ende.

In einem Sandweg blieben wir dann stecken und mußten einige Gepäckstücke liegen lassen, um weiter zu kommen. Viele, viele Werte lagen schon an den Straßenrändern und Wiesen. Wir blieben in Demmin am Stadtrand in einer größeren Villa neben dem Friedhof. Die Bewohner des Hauses waren in der Nacht auf die Fluchtstraße gegangen. Wir konnten vor Erschöpfung nicht mehr weiter und gönnten uns eine Nacht zum Ausruhen.

Hinter ihr lagen durchwachte Nächte, unterbrochen nur von gelegentlichem Sekundenschlaf in der Kühle am Wegrand, wenn der Treck gerade stockte. Sie hatte darüber jedes Zeitgefühl verloren. Sie sehnte sich nach einem Ort zum Ausruhen. Die Station Demmin sollte nicht mehr sein als ein Innehalten zum Verschnaufen. Aber der Ort war ein Nadelöhr. Drei Flüsse lagen auf dem

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