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Kommunikation und Kontrolle Gerüchte und städtische Öffentlichkeiten in Berlin und London 1914/1918 von Altenhöner, Florian (eBook)

  • Verlag: De Gruyter Oldenbourg
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Kommunikation und Kontrolle

Kaum ein anderer Zeitraum der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts hat so viele Gerüchte hervorgebracht wie die ersten Wochen des Ersten Weltkrieges. Gerüchte sind mehr als nur amüsante Anekdoten einer aufgeregten Zeit. Als Massenerscheinung verweisen sie auf komplexe Veränderungen im Verhältnis zwischen Staat, Publikum und 'öffentlicher Meinung.' Der Erste Weltkrieg war auch ein Medienkrieg, der sowohl in Großbritannien als auch im Deutschen Reich zu Glaubwürdigkeitskrisen der Presse führte. Als Folge entstanden und verbreiteten sich Gerüchte als ein komplementäres Element öffentlicher Kommunikation. Florian Altenhöner legt dar, wie Gerüchte einen kommunikativen Raum des Möglichen konstruierten, in dem sich Wünsche, Ängste und Erwartungshaltungen entfalten konnten.

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Kommunikation und Kontrolle

" V. GERÜCHTE UND DIE FORMIERUNG VON KRIEGSÖFFENTLICHKEITEN IM SOMMER UND HERBST 1914 (S. 149-150)

V.1. Zwischen Frieden und Krieg

Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajewo am 28. Juni 1914 bedeutete anfangs noch keine Europa umfassende Krise und noch Ende Juli erschien ein begrenzter Krieg zwischen Österreich und Serbien möglich.1 Für die Deutschen vollzog sich in den folgenden Tagen in zunehmend qualvoller Spannung die Wendung zum 'Weltkrieg'. Dieser Begriff wurde schon vor Kriegsausbruch gebraucht.

Die öffentliche Meinung kippte erst mit dem österreichischen Ultimatum an Serbien am 23. Juli. Am 25. Juli versammelten sich in Berlin tausende Menschen auf Plätzen, in Cafés und vor den Redaktionen der großen Zeitungen und warteten auf Nachrichten über die serbische Antwort.2 Am Tag der serbischen Antwort auf das österreichische Ultimatum rief die Führung der SPD im ganzen Reich für den 28. Juli zu Demonstrationen gegen den Krieg auf.3 In Groß-Berlin fanden 32 Anti-Kriegskundgebungen der SPD statt, an denen insgesamt über 100 000 Menschen teilnahmen - weit mehr als an den patriotischen Kundgebungen der vorangegangenen Tage.4

Nachdem am 28. Juli der Polizeipräsident alle Straßendemonstrationen verboten hatte, schritt erstmals seit Verschärfung der Krise die Polizei gegen Demonstranten ein. Am Abend marschierten dennoch sozialdemokratische Züge zu den Orten der patriotischen Kundgebungen in der Stadtmitte. Obwohl die Polizei versuchte, mit Straßensperren ihr Vordringen zu verhindern, gelang es vielen Sozialdemokraten, Unter den Linden auf und ab zu marschieren und Lieder zu singen. Schließlich räumte die Polizei die Straßen und ging auch gegen eine Menschenmenge vor, die sich vor dem Gebäude des Vorwärts versammelt hatte.5

So waren in Berlin nicht nur Kundgebungen für, sondern auch gegen den Krieg zu beobachten. Nachdem er auf der Bahnfahrt nach Berlin Presseberichte über die dortige Begeisterung gelesen hatte, notierte der dänische Reichstagsabgeordnete Hans Peter Hanssen am 2. August 1914 nach seiner Ankunft in seinem Tagebuch: "The opposite is evidently the truth, judging by what I have had the ample opportunity to see on the way here to the hotel.""6 Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Eduard David stellte fest: "das Gros des Publikums ist wie alle die Tage vorher äußerst ruhig.""7 Im Verlauf der Woche normalisierte sich das Straßenleben weiter, und die Anzahl der Teilnehmer an Kundgebungen nahm stetig ab. Am 30. Juli sorgte die verfrühte Bekanntgabe der Mobilmachung durch ein Extrablatt des Berliner Lokalanzeigers für erneute Aufregung.

Gegen 14 Uhr war in Berlin ein bereits vorbereitetes Extrablatt ausgegeben worden, welches den deutschen Mobilmachungsbefehl bekannt gab. Doch sein Inhalt eilte den Ereignissen um 27 Stunden voraus. Die Falschmeldung wurde schnell dementiert, und der Verkauf des Extrablatts des Lokalanzeigers und anderer Blätter, die die Nachricht brachten, sofort unterbunden.8 Am 31. Juli gingen viele Menschen nicht zur Arbeit, sondern versammelten sich wiederum auf den großen Plätzen der Stadt. Am Morgen hatten die Zeitungen die russische Generalmobilmachung berichtet und am Mittag sollte das deutsche Ultimatum an Russland ablaufen. Nach dem Verstreichen der Frist hielten zahllose Extrablätter die Spannung aufrecht. Als am frühen Nachmittag das Kaiserpaar in das Berliner Stadtschloss zurückkehrte, wurde ihm begeistert zugejubelt. "

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