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Leben, ins Feuer geworfen Die Generation des Großen Oktobers von Ryklin, Michail (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.03.2019
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Leben, ins Feuer geworfen

"Himmelsstürmer" hießen die jungen Leute, die 1917 für die Oktoberrevolution brannten und sich dem radikalen Umbau der Gesellschaft verschrieben. Viele endeten tragisch: im Lager an der Kolyma oder in den Kellern der Lubjanka, des berüchtigten Moskauer Geheimdienstgefängnisses. Es waren die Schüler und Gefährten Lenins, die den Gewaltexzessen seines Nachfolgers Stalin zum Opfer fielen. Für Michail Ryklin ist dieses Drama persönliche Geschichte. Die Söhne des Urgroßvaters, eines Geistlichen in Smolensk, gehörten zur bolschewistischen Elite. Nikolaj Tschaplin stieg in der Jugendorganisation Komsomol bis zur Führungsebene auf, Sergej, ein paar Jahre jünger, arbeitete schon mit fünfzehn als Kurier und war später für den Auslandsgeheimdienst in Finnland und Estland tätig. Der eine wirkte von innen für die Revolution, der andere wollte sie in die Welt tragen - bis beide in die Mühlen des Terrors gerieten. Gestützt auf Archivmaterial und Erinnerungen von Zeitzeugen rekonstruiert Ryklin das Leben und den gewaltsamen Tod seiner Verwandten, die Teil des sowjetischen Herrschaftssystems waren. Sein erschütternder Bericht konfrontiert uns mit dem Innersten der totalitären Macht und dem Versuch Einzelner, ihre menschliche Integrität zu behaupten. Michail Ryklin, 1948 geboren, arbeitet am Institut für Philosopie an der Akademie der Wissenschaften in Moskau. 2007 erschiender Essay Mit dem Recht des Stärkeren (es 2474), für den er mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2007 ausgezeichnet wurde.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 300
    Erscheinungsdatum: 31.03.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518759073
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 6423 kBytes
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Leben, ins Feuer geworfen

Kairos

Bei der Arbeit an diesem Buch stellte ich mir unwillkürlich die Frage: Warum schreibe ich es mit solcher Verspätung? Warum erst jetzt? Vor zwanzig Jahren waren meine Verwandten noch am Leben, und ich hätte sie nach den Menschen fragen können, von denen es handelt.

Doch damals kam es mir nicht in den Sinn.

Das Buch handelt vom Onkel meiner Mutter, Nikolai Pawlowitsch Tschaplin, von seinem Bruder, meinem Großvater Sergej Pawlowitsch Tschaplin, von ihren Freunden und vor allem von der Zeit, in die ihr kurzes Leben fiel, das so tragisch endete. Es handelt von der Zeit jenes Ereignisses, das in der Sowjetunion Große Sozialistische Oktoberrevolution genannt wurde und das in Russland heute geringschätzig als bolschewistischer Umsturz bezeichnet wird. Dieses Ereignis hat dem Leben einer ganzen Generation Sinn verliehen; in seinem Namen wurden die meisten von ihnen umgebracht.

In meiner frühen Kindheit wurde über sie und ihr Schicksal nur geflüstert; lange wussten wir nicht einmal genau, ob sie noch am Leben sind. Unter Stalin wurde auf Anfragen von Verwandten "nach Vorschrift" geantwortet: War jemand erschossen worden, hieß es, er habe "zehn Jahre ohne Recht auf Briefverkehr" erhalten; wer im Lager an Hunger und Kälte zugrunde gegangen, an Zwangsarbeit zerbrochen oder erschossen worden war, von dem hieß es, er sei an dieser oder jener Krankheit gestorben. Nachzufragen wagte niemand, jeder konnte schnell selbst zum "Volksfeind" werden.

Als nach Stalins Tod die Rehabilitation begann, wurde den Menschen, um die es in diesem Buch geht, wie hunderttausenden anderen Opfern des "Personenkults" das "Fehlen eines Straftatbestands" bescheinigt, einigen sogar noch vor Chruschtschows Geheimrede auf dem 20. Parteitag der KPdSU . Nikolai Tschaplin wurde sogar posthum wieder in die Partei aufgenommen.

Einige paar Jahre später, am 12. April 1961, ermahnte der Direktor meiner Leningrader Schule mich feierlich, stolz auf meine Verwandten zu sein. Sie hätten zum Sieg der Oktoberrevolution beigetragen. Dieses Datum ist mir aus einem anderen Grund in Erinnerung geblieben. Es war der Tag, an dem Juri Gagarin ins All flog.

Kinder spüren oft intuitiv, ob jemand lügt, ohne sagen zu können, worin genau die Lüge besteht. Es gelang mir nicht, auf Menschen stolz zu sein, die man vor kurzem noch wie Aussätzige behandelt hatte. Menschen, über deren Existenz man besser schwieg. Dies galt umso mehr, als während des "Tauwetters", als man die früheren Volksfeinde zu rehabilitieren begann, nur ihr Leben heiliggesprochen wurde. Wie und warum sie gestorben waren, darüber durfte weiterhin nicht geredet werden.

Weder als Schüler noch während meines Studiums an der Philosophischen Fakultät der Moskauer Staatsuniversität bin ich Mitglied des Komsomol gewesen, jener Organisation, zu deren Gründern mein Großonkel gehört hatte.

Generell galt es unter Geisteswissenschaftlern meiner Generation als Bankrott, wenn man sich mit der Geschichte der KPdSU , mit dem historischen Materialismus oder dem wissenschaftlichen Kommunismus befasste; das versprach allenfalls eine gut bezahlte, aber in intellektueller Hinsicht drittklassige Arbeit als Soldat der Partei oder des Staates. Der von der Partei kontrollierten ideologischen Sphäre blieb man fern, wie eine unausgesprochene Regel lautete. Alles, was von Ideologie berührt war, rief bei jenen, die Wissenschaft betreiben wollten, das Bedürfnis nach Abgrenzung hervor. Angezogen fühlten sie sich von Logik, Philosophiegeschichte, Ästhetik, moderner westlicher Philosophie. Viele suchten ihr Heil in der Entpolitisierung, und ich war keine Ausnahme: Ich beschäftigte mich mit dem Einfluss der Philosophie Rousseaus auf die strukturelle Anthropologie von Claude Lévi-Strauss, danach schrieb ich über Michel Foucault, Gilles Deleuze, Roland Barthes, Jacques Derrida, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Martin

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