text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Verbotene Verhältnisse Frauenliebe 1938-1945 von Schoppmann, Claudia (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.09.2014
  • Verlag: Querverlag
eBook (ePUB)
9,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Verbotene Verhältnisse

Der 1. April 1940 sollte kein guter Tag für Marie W. und Lilly R. werden. Plötzlich steht die Polizei vor ihrer Tür. Die Nachbarn haben sie verpfiffen oder - wie es auf wienerisch heißt - vernadert. Beide werden festgenommen, weil sie 'in dringendem Verdachte stehen, widernatürlichen Verkehr gepflogen zu haben'. So steht es in einem Vermerk der Kriminalpolizeileitstelle Wien. Anders als in Deutschland, wo lesbische Liebe nicht strafrechtlich verfolgt wurde, gab es in Österreich seit 1852 den 129I, der schweren Kerker von einem bis fünf Jahren bei 'Unzucht zwischen Personen gleichen Geschlechts' vorsah. Anhand zahlreicher Strafakten, Gerichtsprotokolle und Zeugenaussagen hat die Historikerin Claudia Schoppmann zehn Einzelschicksale herausgegriffen. In lebendig erzählten Porträts läßt sie Frauen zu Wort kommen, die bisher geschwiegen haben, und macht ein bis heute verdrängtes Kapitel der Homosexuellenverfolgung sichtbar.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 172
    Erscheinungsdatum: 09.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783896565730
    Verlag: Querverlag
    Größe: 240 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Verbotene Verhältnisse

Spurensuche

Der 1. April 1940 – es ist ein Montag – sollte kein guter Tag für Marie W. und Lilly "Sara" R. werden. Plötzlich steht die Kri-minalpolizei vor ihrer Tür. Die Nachbarn haben sie verpfiffen oder – wie es auf wienerisch heißt – vernadert. Beide werden festgenommen, weil sie "in dringendem Verdachte stehen, wider-natürlichen Verkehr gepflogen zu haben. Sie wurden von mehreren Hausparteien von einem Fenster gegenüber ihrer Wohnung beobach-tet." So steht es in einem Vermerk der Kriminalpolizeileitstelle Wien. Hinzu kam auch noch ein Verdacht auf "Schleichhandel".

Was die neugierigen Nachbarn tatsächlich gesehen hatten und warum sie prompt Anzeige erstatteten, wissen wir nicht. Doch eines steht fest: Lilly R. gehörte schon längst zu den Verfolg-ten. Es verging keine Woche nach dem "Anschluß" – wie die be-schönigende Bezeichnung für die rechtswidrige Eingliederung Österreichs durch Hitler im März 1938 lautete –, ohne daß die einst 200 000 Wiener Jüdinnen und Juden neuen Demütigungen und Entrechtungen ausgesetzt waren. So mußte Lilly R., um nur ein Beispiel zu nennen, seit dem 1. Januar 1939 ihrem Vornamen auf allen offiziellen Papieren den biblischen Namen Sara hinzufü-gen. Eine entwürdigende Kennzeichnung, die sie als Mensch ohne Rechte brandmarkte.

Was also war geschehen an jenem Apriltag, an dem mit der Er-richtung von sieben Alpen- und Donaureichsgauen die Ein-verlei-bung Österreichs ins Deutsche Reich als abgeschlossen galt? Vielleicht hatte sich Lilly R. ein Stück Stoff "organisiert" – widerrechtlich, denn als Jüdin war sie vom Bezug einer Kleider-karte ausgeschlossen – und ließ sich von ihrer Freundin Marie W., die Miedermacherin war, etwas zuschneidern? Vielleicht hat-ten die Nachbarn, beim sonntäglichen Ersatzkaffee-Klatsch ver-sammelt, sie bei der Anprobe eines neuen Kleides beobachtet und waren neidisch? Oder hatten die bei der Frühlingsluft geöffne-ten Fenster im Schlafzimmer vis-à-vis verdächtige Einblicke ge-währt?

Wir wissen auch nicht, welche Folgen die Denunziation für die 44jährige Marie W. und die 33jährige Lilly R. hatte. Nahm sich die Gestapo des Falles an – auf die ihr eigene, häufig genug todbringende Weise? Oder wurden die beiden Wienerinnen vor Ge-richt gestellt? Schließlich war nicht nur der "Schleichhandel" in Zeiten zunehmender Rationierung verboten. Frauen, die sexu-elle Handlungen miteinan-der begingen – und unter diesem Ver-dacht waren Marie W. und Lilly R. ja festgenommen worden –, machten sich in Österreich strafbar. Sie wurden durch den §129Ib des Österreichischen Strafgesetzbuches bedroht, der bei "Unzucht zwischen Personen gleichen Geschlechts" schwe-ren Kerker von einem bis fünf Jahren vorsah. Dies galt auch, nachdem die Nationalsozialisten die "Ostmark" annektiert hatten – obwohl in Deutschland entsprechende Handlungen unter Frauen straffrei waren und nicht unter §175 des Strafgesetzbuches fielen, der männliche Homosexualität kriminalisierte.

In diesem Buch soll es nun darum gehen, wie sich der "Anschluß" auf die fortgesetzte Strafverfolgung, aber auch auf andere Dis-kriminierungs- und Verfolgungsformen auswirkte. Blieben die Verurteilungen konstant, oder nahmen sie nach 1938 zu? Wurden nun härtere und längere Strafen verhängt? Welche Handlungen er-füllten den Straftatbe-stand, und wieso galten sie überhaupt als strafbar, obwohl weder Mißbrauch vorlag noch Gewalt angewandt wurde? Wie der Staat das Strafrecht als Mach

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen