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Ironie im Mittelalter Hermeneutik - Dichtung - Politik von Althoff, Gerd (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.12.2012
  • Verlag: WBG Academic
eBook (ePUB)
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Ironie im Mittelalter

Ob das Mittelalter zur Ironie fähig war, wurde zwar bislang vielfach bezweifelt, lässt sich aber mit einer Fülle eindrucksvoller Belege nachweisen. In interdisziplinärem Ansatz rekonstruie ren die Autoren die dem Mittelalter aus der antiken Rhetorik und Hermeneutik bekannten Ironiekonzepte und die vielfältige praktische Verwendung der Ironie in der politischen Interaktion und der Literatur dieser Epoche. Erstmals sind Bereiche wie Bibelkommentierung und Geschichts schreibung in ihrem erstaunlichen Ironiepotential erschlossen: Aus den historiographischen Quellen werden Beispiele von Ironie in den Konflikten einer rang- und ehrbewussten Gesellschaft ermittelt und als Reflexe mündlicher Kommunikation diskutiert. Raffinierte Strategien der Ironieverwendung zeigen sich in einer Reihe von ironieaffinen literarischen Gattungen wie Satire, Invektive, Tierepos oder Fazetie.

Gerd Althoff, geb. 1943, ist Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Münster. Bei der WBG erschienen von ihm zahlreiche Bücher; u.a. 'Die Macht der Rituale. Symbolik und Herrschaft im Mittelalter' (2. Aufl. 2014), die Biographie 'Heinrich IV.' (2. Aufl. 2008) sowie ''Selig sind, die Verfolgung ausüben'. Päpste und Gewalt im Hochmittelalter' (2013).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 249
    Erscheinungsdatum: 01.12.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783534725083
    Verlag: WBG Academic
    Größe: 2434 kBytes
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Ironie im Mittelalter

1.4 Ironie als Zeichen der Souveränität des Herrschers

Mit einer ironischen Pointe seiner Rede bewies der Herrscher aber auch, dass er Herr der Situation war. Otto den Großen charakterisierte Liudprand bei höchst wichtiger und offizieller Gelegenheit durch einen Dialog, in dem die Partner eine ironische Grundhaltung kultivierten, obgleich es um eine sehr ernste Sache ging: Ein Jahr nach der Kaiserkrönung Ottos tagte in Rom eine glänzend besuchte Synode, die sich mit keiner geringeren Sache zu beschäftigen hatte als mit der Absetzung Papst Johannes' XII. Die Eröffnungsrede begann nach Liudprand der Kaiser so: "Wie schicklich wäre es doch, wenn der Herr Papst Johannes bei dieser herrlichen und heiligen Versammlung dabei wäre. Warum er aber einer so ansehnlichen Synode ausgewichen ist, danach fragen wir euch, o heilige Väter, die ihr mit ihm gelebt und gearbeitet habt." 27

Man muss zum Verständnis dieser Eingangsfrage wissen, dass sich der 18jährige Papst bald nach der Kaiserkrönung Ottos mit Ottos Feind Adalbert verbündet hatte. Als der Kaiser diesem Bündnis mit einem Heer begegnen und Rom einnehmen wollte, hatte sich Johannes ihm zunächst in voller Rüstung an der Spitze eines römischen Heeres entgegenzustellen versucht. Durch die Kräfteverhältnisse gezwungen, war er dann entflohen. Nichts war undenkbarer als seine freiwillige Teilnahme an der Synode.

Die versammelten Kardinäle und Bischöfe spielten jedoch nach Liudprand das vom Kaiser eröffnete ironische Spiel mit, sie antworteten nämlich: "Wir sind erstaunt, dass eure heiligste Weisheit das von uns zu erfahren wünscht, was nicht den Iberern, nicht den Babyloniern, ja nicht einmal den Bewohnern Indiens unbekannt ist. Denn dieser gehört gar nicht mehr zu denen, welche in Schafskleidern kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind; er wütet so offenbar, er treibt so offen des Teufels Werk, dass er auf alle Umschweife verzichtet." 28

Nach diesem Auftakt beschäftigte man sich mit den zahllosen Vergehen und Verbrechen dieses Papstes, setzte ihn erwartungsgemäß ab und erhob mit Leo einen neuen Papst.

Immerhin aber verfügte Papst Johannes, der sich während der Synode angeblich in der Nähe Tivolis aufgehalten und sich bei der Jagd vergnügt hatte, in Rom noch über so viel Einfluss, dass er die Römer zu einem Aufstand gegen den Kaiser verleiten konnte, nachdem Otto sein Heer entlassen hatte. Doch wurde dieser Aufstand schnell niedergeschlagen, was Liudprand zu einem ironischen Autorkommentar veranlasst: "Sie (die Römer) wurden also niedergemacht und, wie es tapferen Männern zu geschehen pflegt, allenthalben im Rücken verwundet." 29 Man muss schon aufmerksam lesen oder zuhören um zu bemerken, dass nur diejenigen im Rücken verwundet werden, die fliehen.

Ironisch und gelassen zugleich reagierte dagegen König Heinrich IV., als ihn jemand darauf ansprach, wie er es zulassen könne, dass der ehemalige Gegenkönig Rudolf von Rheinfelden in Merseburg wie ein König bestattet liege. "Mögen doch alle meine Gegner so königlich bestattet liegen", soll der König geantwortet haben. 30 Damit machte er den Frager ironisch darauf aufmerksam, dass ihn die Art der Bestattung seiner Gegner wenig interessiere, Hauptsache, sie lägen unter der Erde und könnten ihm so nicht mehr gefährlich werden. Der Standpunkt ist gewiss nachvollziehbar.

Dass ein König jedoch auch Ironie äußerst wohlwollend einsetzen konnte, sei mit einem weiteren Beispiel aus Liudprand von Cremona verdeutlicht, der Otto den Großen ironisch und belustigt zugleich reagieren lässt, als ihm ein Bote die Nachricht von dem Tod seiner hartnäckigsten Gegner, der Herzöge Eberhard und Giselbert, unter Beachtung aller rhetorischen Gepflogenheiten und daher sehr umständlich übermitteln wollte. Der Herrscher entpflichtete ihn vom Protokoll mit den Worten: "Nicht wie, sondern was du sprichst, erwartet der jetzige Augenblick. Denn wir wollen uns lieber an d

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