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Die Gründerzeit Wie die Industrialisierung Deutschland veränderte - Ein SPIEGEL-Buch - Mit zahlreichen Abbildungen

  • Erscheinungsdatum: 04.03.2019
  • Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
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Die Gründerzeit

Wie wir zur Wirtschaftsnation wurden In Deutschland setzte die Industrialisierung spät ein - und verlief dafür umso rasanter. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts werden aus überschaubaren Manufakturen riesige Fabriken, Weltmarken wie AEG, BASF, Bosch, Krupp oder Siemens entstehen. Unternehmer werden so wichtig wie Politiker, Arbeiterführer zu mächtigen Männern. Die Bevölkerung wächst, der Lebensstandard auch, es gibt mehr Reiche, aber auch ein Millionenheer von Armen, und in der Mittelschicht bildet sich eine bürgerliche Kultur mit eigener Literatur und Architektur heraus. SPIEGEL-Autoren und Historiker zeigen im vorliegenden Buch, wie grundlegend sich Deutschland in der Gründerzeit wandelte - und wie wir dabei zu einer der erfolgreichsten Wirtschaftsnationen der Welt wurden.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 04.03.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641243920
    Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
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Die Gründerzeit

Mensch oder Maschine?

Innerhalb weniger Jahrzehnte verwandelte sich Deutschland von einem Agrarland in einen Industriestaat. Nun gab die Technik den Takt vor.

Von Christoph Gunkel

W as für eine Idylle! Viel hatte Hermann Fürst von Pückler-Muskau auf seinen Europareisen schon gesehen. Doch in das Ruhrgebiet verliebte sich der adelige Schriftsteller sofort. Berauscht schrieb er 1826, diese Gegend sei "gemacht" für alle, die sich "vom Getümmel des Lebens in heitere Einsamkeit" zurückziehen wollten.

"Nicht sattsehen konnte ich mich an der saftig frischen Vegetation, den prachtvollen Eich- und Buchen-Wäldern. ... Jedes Dorf umgibt ein Hain schön belaubter Bäume, und nichts übertrifft die Üppigkeit der Wiesen, durch welche sich die Ruhr in den seltsamsten Krümmungen schlängelt." Ja, hier könne man auf angenehme Weise sterben.

Einige Jahrzehnte später war dieses Paradies fast verschwunden, nachdem die Industrialisierung von 1830 an auch die deutschen Staaten gepackt hatte. Hunderte Kilometer Eisenbahnschienen durchschnitten nun das Ruhrgebiet, das Pückler-Muskau noch beschaulich mit der Kutsche bereist hatte.

Kleine Orte hatten sich in lärmende Städte verwandelt, mit verdreckten Mietskasernen und hastig erbauten Werkssiedlungen für das wachsende Heer an Fabrik- und Zechenarbeitern. Ratternde Züge zerrissen die Stille und transportierten Berge von Kohle zu den qualmenden Hochöfen, in denen unaufhörlich Eisen hergestellt wurde - für noch mehr Schienen und Waggons.

Der Hunger nach Roheisen schien derart unersättlich, erinnerte sich später der Großindustrielle Leopold Hoesch, dass man in Dortmund "ein halbes Jahr ernsthaft diskutiert" habe, "ob überhaupt in der Welt genug Kohle und Koks vorhanden seien".

Das Ruhrgebiet war zum Motor und Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland geworden. So jedenfalls sahen es die Optimisten, die glaubten, endlich sei man auf dem Weg zu dauerhaftem Wohlstand und Wachstum. Für andere hingegen war das Ruhrgebiet ein Menetekel der Verwerfungen einer ungezähmten Industrie.

"Hier ist der Mensch und seine Wohnung dem Wahn des Mehrverdienstes geopfert", klagte etwa Schriftsteller Wilhelm Schäfer, als er in den 1880er-Jahren Oberhausen besuchte. "In trauriger Öde, zwischen Fabriken und Zechen eingeengt, ziehen die schwarzen Straßen zwischen schwarzen Häusern dahin. Der elende Ziegelbau mit rußig angelaufenem Zement scheint hier die einzige Bauart. Überall Schienen! Man kann es nicht begreifen, was all die Bahnen sollen." Schäfer resümierte deprimiert: eine "Höllengegend".

Nichts bewegte und spaltete die Deutschen zwischen 1830 und 1900 derart wie die radikalen Umbrüche der Industrialisierung und ihre dramatischen Folgen. Ganz nebenbei mussten die Deutschen in dieser Zeit noch Agrarkrisen und Hungersnöte überstehen, die Folgen der gescheiterten demokratischen Revolution von 1848 verarbeiten und in drei Kriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich zur nationalen Einheit finden, die 1871 im Kaiserreich mündete.

Die Veränderungen durchzogen sämtliche Lebensbereiche, kaum etwas blieb, wie es war. Alte Sicherheiten gingen beinahe über Nacht verloren. Ebenso atemberaubend schnell öffneten sich neue Chancen für steile Karrieren. Verlierer und Gewinner des Wandels organisierten sich; die einen strömten in die wachsenden Arbeiterbewegungen, die anderen in Lobbyvereine der Unternehmer, um die Industrialisierung weiter anzufachen. Technikbegeisterte und Kulturpessimisten entwarfen völlig gegensätzliche Visionen, wie die Zukunft zu gestalten sei.

Da war etwa diese schier unbändige Kraft der Dampfmaschine, allen voran der Dampflok, die Zeitgenossen ebenso ängstigte wie faszinierte. Ein "Herkules in der Wiege" sei die Eisenbahn, jubelte 1838 Friedrich List, einer der glühendsten Bahnpioniere. Einmal entfesselt, werde diese Technik "Völker erlösen" - und zwar "von der Plage

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