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Die Verwandlung der Welt Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts von Osterhammel, Jürgen (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.11.2010
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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Die Verwandlung der Welt

Mit dem 19. Jahrhundert beginnt die Vorgeschichte der Gegenwart. Es war das Zeitalter der großen politischen Ideologien und der Verwissenschaftlichung des Daseins, der Eisenbahn und der Industrie, der Massenemigration zwischen den Kontinenten und der ersten Welle wirtschaftlicher und kommunikativer Globalisierung, des Nationalismus und der imperialen Expansion Europas in alle Teile der Erde. Zugleich ist das 19. Jahrhundert aus heutiger Sicht fern und fremd geworden: eine faszinierende Welt von gestern. Dieses Buch porträtiert und analysiert die Epoche in weltgeschichtlicher Sicht: als eine Zeit dramatischer Umbrüche in Europa, Asien, Afrika und Amerika und als eine Ära entstehender Globalität.

Jürgen Osterhammel erzählt kundig und facettenreich die Geschichte einer Welt im Umbruch. Aus einer Fülle an Material und einer Vielzahl unterschiedlicher Blickwinkel entsteht das Porträt einer faszinierenden Epoche. Osterhammel fragt nach Strukturen und Mustern, markiert Zäsuren und Kontinuitäten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Seine kulturübergreifenden, thematisch aufgefächerten Darstellungen und Analysen verbinden sich dabei zu einem kühnen Geschichtspanorama, das nicht nur traditionelle eurozentrische Ansätze weit hinter sich lässt, sondern auch erheblich mehr bietet als die gängigen historiographischen Paradigmen wie Industrialisierung oder Kolonialismus. Die Herausbildung unterschiedlicher Wissensgesellschaften, das Verhältnis Mensch- Natur oder der Umgang mit Krankheit und Andersartigkeit kommen darin ebenso zur Sprache wie Besonderheiten der Urbanisierung, verschiedene Formen von Bürgerlichkeit oder die Gegensätze von Migration und Sesshaftigkeit, Anpassung und Revolte, Säkularisierung und Religiosität. Zugleich stellt Osterhammel immer wieder Bezüge zur Gegenwart her. Auf der Höhe der Forschung, engagiert geschrieben und zugleich wohltuend unideologisch, ist sein Werk nicht nur ein Handbuch für jeden Historiker. Seine plastischen Schilderungen ziehen auch den interessierten Laien in den Bann eines Jahrhunderts, dessen Bedeutung in dieser welthistorisch angelegten Epochengeschichte ganz neu ausgelotet wird.

Osterhammel ist Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Konstanz. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur europäischen und asiatischen Geschichte seit dem 18. Jahrhundert. Bei C.H.Beck erschien von ihm: China und die Weltgesellschaft (1989), Die Entzauberung Asiens (1998, Neuaufl. 2010), Kolonialismus (6. Auflage 2009) und Geschichte der Globalisierung (zus. mit Niels P. Petersson, 4. Auflage 2007). Für sein Buch Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts erhielt er den NDR Kultur Sachbuchpreis für das beste Sachbuch des Jahres 2009. 2010 erhielt Osterhammel den Leibnizpreis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

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Die Verwandlung der Welt

Einleitung

Alle Geschichte neigt dazu, Weltgeschichte zu sein. Soziologische Theorien der Weltgesellschaft sagen uns, die Welt sei die "Umwelt aller Umwelten", der letzte mögliche Kontext allen historischen Geschehens und seiner Darstellung. Die Tendenz zur Überschreitung des Örtlichen nimmt im langfristigen Verlauf der historischen Entwicklung zu. Eine Weltgeschichte des Neolithikums könnte noch nicht von intensiven Fernkontakten berichten, eine solche des 20. Jahrhunderts findet die Grundtatsache eines dicht gesponnenen planetarischen Netzes von Verbindungen bereits vor, eines "human web", wie John R. und William H. McNeill es genannt haben, oder besser noch: einer Vielzahl solcher Netze. 1

Weltgeschichte wird dann für den Historiker besonders gut legitimierbar, wenn sie an das Bewusstsein der Menschen in der Vergangenheit anschließen kann. Selbst heute, im Zeitalter von Satellitenkommunikation und Internet, leben Milliarden in engen, lokalen Verhältnissen, denen sie weder real noch mental entkommen können. Nur privilegierte Minderheiten denken und agieren "global". Doch schon im 19. Jahrhundert, oft und mit Recht als das Jahrhundert des Nationalismus und der Nationalstaaten bezeichnet, entdecken nicht erst heutige Historiker, auf der Suche nach frühen Spuren von "Globalisierung", Handlungszusammenhänge der Überschreitung: transnational, transkontinental, transkulturell. Bereits vielen Zeitgenossen erschienen erweiterte Horizonte des Denkens und Handelns als eine besondere Signatur ihrer Epoche. Angehörige europäischer und asiatischer Mittel- und Unterschichten richteten Blicke und Hoffnungen auf gelobte Länder in weiter Ferne. Viele Millionen scheuten Fahrten ins Ungewisse nicht. Staatsführer und Militärs lernten in Kategorien von "Weltpolitik" zu denken. Das erste wahre Welt-Reich der Geschichte, das nun auch Australien und Neuseeland umfasste, entstand: das British Empire. Andere Imperien maßen sich ehrgeizig am britischen Muster. Handel und Finanzen verdichteten sich noch stärker als in den Jahrhunderten der frühen Neuzeit zu einem integrierten Weltsystem. Um 1910 wurden wirtschaftliche Veränderungen in Johannesburg, Buenos Aires oder Tokyo unverzüglich in Hamburg, London oder New York registriert. Wissenschaftler sammelten Informationen und Objekte in aller Welt; sie studierten die Sprachen, Bräuche und Religionen entlegenster Völker. Die Kritiker der herrschenden Weltordnung begannen sich ebenfalls auf internationaler Ebene - oft weit über Europa hinaus - zu organisieren: Arbeiter, Frauen, Friedensaktivisten, Anti-Rassisten, Gegner des Kolonialismus. Das 19. Jahrhundert reflektierte seine eigene werdende Globalität.

Jede andere Geschichte als Weltgeschichte ist für jüngere Epochen - und gerade für das 19. Jahrhundert - nichts als ein Notbehelf. Mit solchen Notbehelfen hat sich freilich die Geschichtsschreibung zur Wissenschaft gebildet; Wissenschaft nach den Maßstäben einer überprüfbaren Rationalität ihrer Verfahren ist sie durch das intensive und im Rahmen des Machbaren erschöpfende Studium von Quellen geworden. Dies geschah im 19. Jahrhundert, und deshalb überrascht es nicht, dass Weltgeschichtsschreibung in eben dieser Epoche in den Hintergrund trat. Sie schien mit dem neuen professionellen Selbstverständnis der Historiker nicht vereinbar zu sein. Wenn sich das heute zu ändern beginnt, dann bedeutet dies keineswegs, dass alle Historiker Welthistoriker werden wollen oder werden sollten. 2 Geschichtswissenschaft verlangt das intensive, in die Tiefe bohrende Studium umgrenzbarer Fälle. Das Ergebnis solchen Studiums wird immer wieder den Stoff für umfassende Synthesen bilden. Der übliche Rahmen für solche Synthesen ist, jedenfalls für die Neuzeit, die Geschichte einer einzelnen Nation oder eines Nationalstaates, vielleicht auch eines ganzen Kontinents, etwa Europas. Weltgeschichte bleibt eine Minderheitsperspektive, aber eine, di

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