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Nacht über Europa Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs von Piper, Ernst (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.12.2013
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
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Nacht über Europa

Am 1. August 1914 begann ein Krieg, der nicht nur das Antlitz Europas, sondern der Welt veränderte. Das Zeitalter der Extreme, des Gemetzels brach an. Der europäische Kosmopolitismus starb auf den Schlachtfeldern. Dieser erste totale Krieg schonte nichts und niemanden: Alle Bürger der beteiligten Staaten, auch Künstler, Wissenschaftler und Intellektuelle, wurden zu Kombattanten. Ernst Piper hat sich intensiv mit den kulturgeschichtlichen Aspekten des Ersten Weltkriegs befasst und entfaltet ein großes geistiges Panorama dieser Zeit. Ernst Piper , geboren 1952 in München. Studium der Geschichte, Philosophie und Germanistik in München und Berlin. Seit 2006 Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam. Er hat zahlreiche zeitgeschichtliche Bücher veröffentlicht, zuletzt "Nationalsozialismus. Seine Geschichte von 1919 bis heute" (2012). Ernst Piper lebt in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 592
    Erscheinungsdatum: 02.12.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843706162
    Verlag: Ullstein
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Nacht über Europa

Vorwort

Der deutsch-französische Krieg von 1870/71, der zur Gründung des Deutschen Reiches führte, ist für mich ein historisches Ereignis, ich habe keinen persönlichen Bezug zu ihm. Ganz anders der Erste Weltkrieg. Meine beiden Großväter waren in diesen Krieg involviert. Der eine gehörte zu den wenigen Menschen, die damals schon einen Führerschein besaßen. Er hatte nicht als Soldat gedient, konnte aber Auto fahren und wurde deshalb an der Westfront als Lkw-Fahrer bei einer Versorgungseinheit eingesetzt. Der andere Großvater hatte zehn Jahre zuvor einen Verlag gegründet und war in vielerlei Hinsicht vom Kriegsgeschehen betroffen. Alle sechs männlichen Mitarbeiter wurden eingezogen, drei von ihnen kamen nicht zurück. Auch die beiden Teilhaber meines Großvaters standen im Feld. Der eine musste als Reserveoffizier sofort einrücken, der andere Mitgesellschafter wurde aus gesundheitlichen Gründen zurückgestellt, meldete sich aber freiwillig und kam ebenfalls an die Front. Beide wurden in regelmäßigen Briefen über das Geschehen im Verlag unterrichtet, in einem der Briefe hieß es: "Die Kriegsproduktion droht alles andere zu verschlingen." Reinhard Piper war darangegangen, in Zusammenarbeit mit Heeresstellen repräsentative Alben herauszubringen, zum Beispiel Zwischen Arras und Péronne oder Die Schlacht in Flandern, von denen die entsprechenden Truppenteile hohe Stückzahlen abnahmen. Von dem Band Das schöne Ostpreußen, der dem Sieger von Tannenberg Paul von Hindenburg gewidmet war, wurden in kurzer Zeit 20 000 Exemplare verkauft. Mein Großvater rechnete auch selbst mit seiner Einberufung und wies für diesen Fall seine Schwester Gertrud umfassend in die Verlagsgeschäfte ein. Tatsächlich wurde er nicht einberufen, wohl aber sein Schwager, der jüdische Arzt Ludwig Stern, der bei den Kämpfen so schwer verwundet wurde, dass er seinen Verletzungen wenige Jahre nach Kriegsende erlag.

Mein Vater und sein Bruder bekamen von dem Kunstakademieprofessor Franz Reinhardt, der mit meinem Großvater befreundet war, 1915 das handgemalte Kriegsbilderbuch Freund und Feind geschenkt, damit sie sich im zarten Alter von vier bzw. zwei Jahren von den Kriegsparteien ein Bild machen konnten. Während der Revolution im November 1918, inzwischen war mein Vater sieben Jahre alt, musste er mit ansehen, wie vor dem Haus, in dem die elterliche Wohnung lag, auf der Straße ein Mann erschossen wurde, ein Geschehnis, das ihm zeitlebens vor Augen stand. All dies führt dazu, dass für mich der Erste Weltkrieg ein Ereignis der Zeitgeschichte ist, ein Ereignis der Epoche der Mitlebenden, auch wenn die erwähnten Vorfahren inzwischen alle längst verstorben sind. Vielleicht ist das gar nicht untypisch. Stéphane Audoin-Rouzeau und Annette Becker vertreten die These, dass seit den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine "Wiederkehr des Verdrängten" zu beobachten sei und dass dies mit der dritten Generation, also meiner, zusammenhänge: "Vielleicht sollten wir bei der dritten Generation nach den Narben suchen, die das ungeheure Blutbad der Zeit von 1914 bis 1918 hinterlassen hat." 1

In Deutschland war die Erinnerung an dieses ehedem so umkämpfte Ereignis nach 1945 durch die jüngste Vergangenheit überlagert und lange Zeit nahezu marginalisiert. Während in England und Frankreich "The Great War" beziehungsweise "La Grande Guerre" immer unübersehbar präsent war, verdrängten ihn hierzulande die jedes menschliche Vorstellungsvermögen übersteigenden Schrecknisse des Holocaust. Die lange Zeit stark auf die NS-Geschichte fokussierte Zeitgeschichtsforschung tendierte dazu, die Zeit vor 1933 zur Vorgeschichte des Folgenden zu degradieren, die vor allem unter dem Aspekt des Aufstiegs der NSDAP rezipiert wurde. 2 Erst in jüngster Zeit wird der Erste Weltkrieg verstärkt im Kontext der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts und des "europ

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