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Ist der Schwede ein Mensch? Was wir von unseren nordischen Nachbarn lernen können und wo wir uns in ihnen täuschen von Berggren, Henrik (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.03.2016
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Ist der Schwede ein Mensch?

Was wir von den Schweden lernen können. Der Schwede möchte seine Ruhe haben. Umgekehrt lässt er auch andere in Ruhe. Oft wird dieser tiefe Wunsch nach Unabhängigkeit als Gefühlskälte missverstanden. Doch der Schwede lebt das Ideal der Gleichheit. Was allerdings bedeutet das für die Gesellschaft? Was für die Politik? Und was können wir in Deutschland daraus lernen? Die beiden renommierten Historiker Henrik Berggren und Lars Trägårdh setzen sich mit der Geschichte des Wohlfahrtsstaates auseinander und mit der Befreiung des Individuums aus sämtlichen zwischenmenschlichen Abhängigkeiten. Sie zeigen, worin sich der Erfolg des "schwedischen Modells" begründet - indem sie fragen, was den Schweden als Menschen auszeichnet. Und das stimmt nicht immer mit dem Bild überein, das wir von unseren nordischen Nachbarn haben. Und vor allem zeigen Berggren und Trägårdh im Vergleich mit Deutschland: Während hierzulande die kleinste Einheit der Gesellschaft die Familie ist, ist es in Schweden das Individuum. Und die Auswirkungen sind immens. Henrik Berggren, Jahrgang 1957, ist Historiker und Journalist. Er arbeitet als Leitender Redakteur bei der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 560
    Erscheinungsdatum: 08.03.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641130220
    Verlag: btb
    Originaltitel: Är svensken människa?: gemenskap och oberoende i det moderna Sverige
    Größe: 5639 kBytes
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Ist der Schwede ein Mensch?

Einleitung:
Die ungesellige Geselligkeit des Menschen

Es ist das Schicksal des Menschen, im Kraftfeld zwischen zwei Bestrebungen gefangen zu sein: dem Willen nach individueller Souveränität und der unerbittlichen Notwendigkeit, eine Gemeinschaft einzugehen. Die Bewegung zwischen Gemeinschaft und Unabhängigkeit ist zudem, wie Immanuel Kant schon vor zweihundert Jahren feststellte, eine, die zur Verstärkung der beiden Pole führt.

Kant hat einen klassischen Begriff geschaffen, um diese Dialektik zu beschreiben: "die ungesellige Geselligkeit des Menschen". Er meinte, der menschliche Impuls, sich mit seinen Artgenossen zu vereinen, sei angeboren. Wir müssen an der Gemeinschaft teilhaben, nicht nur, um zu überleben, sondern auch, um unsere angeborenen Fähigkeiten entwickeln zu können. Doch dieses Verlangen erzeugt gleichzeitig einen Widerstand beim Individuum, der die Gemeinschaft aufzulösen droht. Der Mensch, so schreibt Kant,

... hat aber auch einen großen Hang sich zu vereinzelnen (isolieren): weil er in sich zugleich die ungesellige Eigenschaft antrifft, alles bloß nach seinem Sinne richten zu wollen, und daher allerwärts Widerstand erwartet, so wie er von sich selbst weiß, daß er seinerseits zum Widerstande gegen andere geneigt ist. Dieser Widerstand ist es nun, welcher alle Kräfte des Menschen erweckt, ihn dahin bringt seinen Hang zur Faulheit zu überwinden und, getrieben durch Ehrsucht, Herrschsucht oder Habsucht, sich einen Rang unter seinen Mitgenossen zu verschaffen, die er nicht wohl leiden, von denen er aber auch nicht lassen kann. 2

Nach Kant ist das jedoch keineswegs eine schlechte Nachricht. Schließlich sei es gerade die unsoziale Sozialität, die dazu führt, dass der Mensch den ersten Schritt von der Barbarei zur Kultur macht. Der Kampf darum, seine Unabhängigkeit zu bewahren, obwohl er an der Gesellschaft teilhat, zwingt ihn, seine ihm innewohnenden Fähigkeiten und Talente zu verwirklichen.

Dadurch wird der Mensch immer aufgeklärter und entwickelt seinen primitiven Sinn für moralische Urteile zu praktisch anwendbaren Prinzipien weiter, die am Ende eine übergreifende Gesellschaftsmoral bilden können. Aus den Konflikten entsteht ein sozialer Vertrag, eine Verfassung, die zwar die Freiheit für die Staatsbürger beschränkt, es ihnen aber auch ermöglicht, friedlich zusammenzuleben. Kant vergleicht die Gesellschaft mit einem Wald: Da die Bäume um Sonnenlicht und Luft kämpfen, zwingen sie einander, beides zu suchen. Das Ergebnis sind schöne, gerade Stämme.

Es gibt natürlich viele Gründe, sich zu Kants Fabel vom sozialen Vertrag und zu seinem pietistischen Entwicklungsoptimismus skeptisch zu verhalten. Der Ausdruck "die ungesellige Geselligkeit des Menschen" selbst aber erscheint überwältigend relevant, will man die zweihundert Jahre Moderne zusammenfassen, die vergangen sind, seit Kant auf den Straßen von Königsberg unterwegs war.

Auf der einen Seite hat eine ungeheure Individualisierung der westlichen Gesellschaft stattgefunden. "Die große Kette der Wesen", wie der Philosoph Ernst Cassirer die alte hierarchische Ordnung nannte, ist durchbrochen und durch ein atomistisches Menschenbild ersetzt worden, in dem jedes Individuum ein gleicher und gleichberechtigter Bürger ist. 3 Auch wenn keine vernünftige Person leugnen wird, dass unsere Möglichkeiten in hohem Maße von wirtschaftlichen und sozialen Strukturen bestimmt werden, gehen wir doch davon aus, dass das Individuum der kleinste Bestandteil der Gesellschaft ist (was die buchstäbliche Bedeutung war, die Alexis de Tocqueville in den Begriff hineinlegte, als er ihn zu Beginn des 19. Jahrhunderts prägte) und nicht die Verwandtschaft, die Familie, die Zunft oder das Dorf. 4

Auf der anderen Seite sind wir mehr denn je abhängig voneinander. Die Kräfte, die die Individualisierung entfesselt hat, haben auf allen Gebieten zu enormen Veränderungen geführt

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