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Mama, was ist ein Judenbalg? Eine jüdische Kindheit in Aachen von Clahsen, Helmut (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 19.12.2014
  • Verlag: Helios Verlag
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Mama, was ist ein Judenbalg?

Wie war es als halbjüdisches Kind, im Alter zwischen vier und vierzehn, in Aachen? Helmut Clahsen erzählt aus seiner Kindheit und über seine Familie: Den Vater, ein Katholik mit NS-treuen Schwestern, die versuchen, der Familie ihres Bruders das Leben schwer zu machen. Die Mutter, eine jüdische Konzertpianistin, die leider nur kurz mit ihrer Familie zusammensein kann. Über den verwöhnten und schwierigen Bruder, der lange nicht den Ernst der Lage erkennt. Tante Mary, die jeder Gefahr trotzte und lebensrettende Hilfen gegeben und organisiert hat. Und die couragierte und weise Großmutter, die ihren Lieblingsenkel immer wieder ermahnt, durchzuhalten und sein Erlebtes für die Nachwelt aufzuschreiben. Was er hier auch getan hat! Die Nennung von Straßen und Orten in und um Aachen, in denen Torturen stattgefunden haben, führen dazu, dass die Judenverfolgung nicht mehr weit weg ist - sie bekommt in diesen Lebenserinnerungen ein Gesicht. Der Leser erfährt, was es heißt, sich verstecken zu müssen und eigentlich nicht da sein zu dürfen. Aber er erlebt auch Menschen in und um Aachen, die halfen, ohne große Worte, die ermöglichten, dass Helmut Clahsen überlebt hat und seine Erlebnisse in diesem Buch mitteilen kann Helmut Clahsen, geboren 1931 in Aachen, erlernte nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes das Bäcker- und Konditorenhandwerk. Später wechselte er den Beruf und machte sich als Schauwerbegestalter selbstständig bis er 1988 durch einen Herzinfarkt zum Rentner wurde. Als Senior entdeckte er seine Liebe zum Schreiben. Nachdem er das Schicksal seiner Frau niedergeschrieben hat, hat er sich daran gewagt, seine Zeit als Kind zu NS-Zeiten aufzuschreiben.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 257
    Erscheinungsdatum: 19.12.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783869331263
    Verlag: Helios Verlag
    Größe: 1209 kBytes
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Mama, was ist ein Judenbalg?

Mama, was ist ein Judenbalg?

1935

Die Zeit heilt alle Wunden, behaupten Menschen seit Generationen. "Nein!", sage ich. Die Wunden der Seele heilen nie. Immer werden sie durch Erinnerungen aufgerissen. Alte Wunden brechen auf durch Meldungen der Medien, durch Radio, Fernsehen, Bücher, Filme. Auch durch Filme im Kopf. Sie kommen in der Nacht mit all ihrer in der Wirklichkeit erlebten Angst und Not. Erinnerungen kommen hoch, wenn ich durch die Stadt gehe, in der ich 1931 auf die Welt kam. Schreckliche Grausamkeiten sind in Straßen, in Parkanlagen und Häusern an Menschen verübt worden. Grausamkeiten, die ich, begangen an Verwandten und an mir selbst, erleben und erdulden musste. Wann immer ich - um ein Beispiel zu nennen - am Stadttheater vorüber gehe, fallen mir meine Mutter und meine Tante Gustel ein. Mutter war Konzertpianistin dort und meine Tante war eine Zeit lang an diesem Haus engagiert.

Mamas tägliche Übungsstunden am Klavier, das im Wohnzimmer seinen Platz hatte, sind mir unvergesslich.

Das Instrument faszinierte mich durch das dunkle Holz, die Kerzenleuchter, die wie Gold strahlten, die schwarzen und weißen Tasten. Wenn Mama am Klavier saß, wenn die Kerzen in den Haltern brannten, die Melodien aus ihren Fingern flossen und das Instrument zum Leben erweckten, war ich im siebten Himmel. Ich stand dann auf Zehenspitzen, mucksmäuschen still, meine Finger in dem Seitenteil an der Tastatur verkrallt, lauschte inbrünstig der Musik und sah zu, wie die Hände meiner Mama es fertig brachten, so etwas Schönes in mein Leben zu zaubern.

Mama, das bedeutete für mich, tiefschwarze Haare, blaugraue Augen, Gesang und Musik, Liebe und Geborgenheit und ein starkes Glücksgefühl in ihrer Nähe.

Im Juni 1934 waren meine Eltern mit meinem zwei Monate alten Bruder Heini und mir in eine schöne helle Wohnung in das Johannistal gezogen.

Vater war eine Respektperson für mich. Nie hätte ich gewagt, ihn anzusprechen oder gar auf seinen Schoß zu klettern, wie ich es bei Mama so gerne tat. Verhielt ich mich nicht so wie es ihm genehm war, machte er riesengroße, mir Angst einflößende Augen, stieß mit offenem Mund ein hartes "Äh, Äh!" aus und schlug zu. Er war ein harter, starker und jähzorniger Mann. Nach seiner täglichen Arbeit im Amt machte er an den Abenden für einige Geschäftsleute Steuerabrechnungen und Bilanzen.

Schwärmerisch sprach Mama oft von ihrer Cousine Gustel. Im September 1935 lernte ich sie endlich kennen. Sie war Sopranistin und Schauspielerin und für einige Monate am Aachener Theater verpflichtet. Ansonsten lebte sie in Berlin. Ihre Besuche waren nicht nur für mich ein Erlebnis. Sie und Mama waren ein Herz und eine Seele. War sie zu Besuch, war Mama noch fröhlicher als sonst. Sie sangen gemeinsam, spielten vierhändig auf dem Klavier, tanzten durch die Wohnung, scherzten und alberten stundenlang.

Ich setzte mich dann still in eine Zimmerecke und hoffte, die Zeit würde nur ganz langsam weitergehen. In ihrer 'Aachener Zeit' kam Tante Gustel oft zu Besuch. Sie kam nie mit leeren Händen. Immer hatte sie irgendein Spielzeug dabei. Und Märchen erzählen konnte sie, so spannend, dass ich immerzu davon träumte. Ich mochte sie wahnsinnig.

Mama sagte immer: "Gustel ist ein richtiger Wirbelwind!" Sie hatte feuerrote Haare, ebensolche Fingernägel und Lippen. Ihre Augen waren groß und strahlend blau. Um sie herum schwebte stets eine wohlriechende Wolke. Aufpassen musste ich nur, wenn sie mich umarmen und an sich drücken wollte. Drehte ich meinen Kopf nicht schnell genug zur Seite, dann landete mein Gesicht mitten zwischen ihren großen, betörend duftenden Brüsten. Dabei konnte die Luft etwas knapp werden.

Abends, bevor sie ging, gab es immer ein unvergessliches Zeremoniell. Mama legte mein winziges Brüderchen zu mi

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