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Das andere Berlin Die Erfindung der Homosexualität: Eine deutsche Geschichte 1867 - 1933 von Beachy, Robert (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.06.2015
  • Verlag: Siedler
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Das andere Berlin

Zwischen Repression und Freiheit: Die Geschichte der Homosexualität in Deutschland
Homosexualität ist eine deutsche Erfindung - zu dieser überraschenden Erkenntnis kommt Robert Beachy in seiner Geschichte der Homosexualität in Deutschland. In seinem Buch erzählt er von den Pionieren der Sexualwissenschaft, den Debatten um gesellschaftliche Anerkennung im Kaiserreich sowie vom schwulen Eldorado Berlins in der Weimarer Zeit und holt damit ein in Vergessenheit geratenes Kapitel deutscher Geschichte ans Tageslicht.
Welche einzigartigen Bedingungen im Deutschland des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts herrschten, die es zum Zentrum der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der menschlichen Sexualität machten, zeigt der Historiker Robert Beachy anhand einer Fülle an Figuren und Episoden. Vor allem Berlin mit seinem berühmten Nachtleben entwickelte sich in dieser Zeit zum Magneten für eine lebendige, internationale schwule Szene und zog Künstler wie Christopher Isherwood und W.H. Auden an, die der Zeit in ihren Werken ein Denkmal setzten. Mit seiner Geschichte der Homosexualität in Deutschland verändert Robert Beachy das Bild von Kaiserzeit und Weimarer Republik und fügt unserem Verständnis dieser Epoche eine wichtige Facette hinzu.

Robert Beachy, geboren 1965 in Aibonito, Puerto Rico, lehrt Geschichte an der Yonsei University in Seoul. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher zur deutschen und amerikanischen Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts, für seine Forschung erhielt er Förderungen u.a. von der John S. Guggenheim Memorial Foundation und vom Max-Planck-Institut für Geschichte.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 464
    Erscheinungsdatum: 22.06.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641165741
    Verlag: Siedler
    Originaltitel: Gay Berlin: Birthplace of a Modern Identity
    Größe: 11443 kBytes
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Das andere Berlin

Einleitung

"Schaut mich nur an!", schmetterte die deutsche Kapitale, prahlerisch noch in der Verzweiflung. "Ich bin Babel, die Sünderin, das Ungeheuer unter den Städten. Sodom und Gomorra zusammen waren nicht halb so verderbt, nicht halb so elend wie ich! Nur hereinspaziert, meine Herrschaften, bei mir geht es hoch her, oder vielmehr, es geht alles drunter und drüber. Das Berliner Nachtleben, Junge-Junge, so was hat die Welt noch nicht gesehen! Früher einmal hatten wir eine Armee; jetzt haben wir Perversitäten! Laster noch und noch! Kolossale Auswahl!

KLAUS MANN , Der Wendepunkt, Berlin und Frankfurt am Main 1953, S. 133.

Im Oktober 1928 zog der 21 Jahre alte Wystan Hugh Auden nach Berlin, vorgeblich um Deutsch zu lernen. Im März des folgenden Jahres kam sein Freund Christopher Isherwood zu einem einwöchigen Besuch nach Berlin. Später zog auch Isherwood nach Berlin und wohnte dort bis Frühjahr 1933. Isherwoods Besuch, erklärte Auden später, veranlasste ihn, sein Berliner Tagebuch zu beginnen. Im allerersten Eintrag skizzierte Auden unter der Überschrift "Ein straffer Samstag" die Einführungsrunde, auf die er seinen Freund mitnahm. "Es beginnt mit dem Hirschfeld-Museum. Wir warteten in einem Salon aus dem 18. Jahrhundert mit älteren Damen und liebenswürdigen jungen Männern." Das Hirschfeld-Museum gehörte zum berühmten, am nördlichen Rand des Tiergartens gelegenen Institut für Sexualwissenschaft, das der Pionier im Kampf für die Rechte von Homosexuellen, Dr. Magnus Hirschfeld, 1918 dort gegründet hatte. Neben dem Museum mit seinen sexuellen Artefakten und farbenprächtigen Darstellungen waren in dem Institut medizinische Untersuchungs- und Behandlungsräume, ein Vortragssaal, Büros, eine Bibliothek und Wohnungen für Mitarbeiter untergebracht. Das Institut zog nicht nur neugierige Touristen an, es diente auch als Treffpunkt für Berliner mit gewissen Neigungen. Dass es sich bei den "älteren Damen" im Salon nicht um Frauen, sondern um Männer in Frauenkleidung gehandelt hatte, ging Auden und Isherwood erst später auf. 1

Von dem Institut aus begaben sich Auden und Isherwood zum Essen in ein Restaurant knapp südlich von Unter den Linden. Nach dem Essen machten sie sich auf zu Audens bevorzugtem Treffpunkt - dem Cosy Corner, einer vor allem für männliche Prostitution bekannten Bar. Um es nicht so weit zu seiner Lieblingsbar zu haben, hatte Auden sich einige Monate zuvor eigens eine Wohnung ganz in der Nähe genommen. Die südöstlich vom Cosy Corner gelegene Gegend um das Hallesche Tor war proletarisch geprägt und galt als hartes Pflaster. "Ich bin", wie Auden in einem Brief ganz offen schrieb, "in einen Slum gezogen ... fünfzig Meter von meinem Bordell." In einem weiteren, kurz danach verfassten Brief berichtete er: "Ich verbringe den Großteil meiner Zeit mit jugendlichen Straftätern ... Berlin ist der Tagtraum des Arschfickers." 2

Auch wenn nur wenige Zeitgenossen derart offenherzige schriftliche Zeugnisse wie Auden hinterlassen haben, kann kaum Zweifel daran bestehen, dass das Weimarer Berlin für viele erstmalige Besucher eine atemberaubende Offenbarung war. Nachdem sie die Stadt für sich selbst entdeckt hatten, wurden Auden und Isherwood zu Aposteln der ungehemmten Sexualität Berlins und lockten einen breit gefächerten Zirkel britischer Autoren, Poeten und Abenteurer in die deutsche Hauptstadt. In seinem eigenen autobiographischen Bericht über die Zeit schreibt Isherwood darüber, wie ihn die Offenheit Berlins nicht nur dazu ermutigte, seine eigene Homosexualität zu erkunden, sondern schlussendlich auch das zu akzeptieren und begrüßen, was er als seine sexuelle Orientierung und Identität zu sehen lernte. Über sich selbst in der dritten Person sprechend, beschrieb er die Offenbarung, die Berlin für ihn war: "Er war beschämt, weil, zu guter Letzt, er sich Aug in Aug seinem Stamme gegenübersah. Bisher hatte er sich so verha

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