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Das letzte Jahrhundert der Pferde Geschichte einer Trennung von Raulff, Ulrich (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.10.2015
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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Das letzte Jahrhundert der Pferde

Seit Urzeiten war das Pferd der engste Partner des Menschen. Es war unverzichtbar in der Landwirtschaft, verband Städte und Länder, entschied die Kriege. Doch dann zerbrach der kentaurische Pakt, und in nur einem Jahrhundert fiel das Pferd aus der Geschichte heraus, aus der es jahrtausendelang nicht wegzudenken war. Furios erzählt Ulrich Raulff die Geschichte eines Abschieds - die Trennung von Mensch und Pferd. Der Exodus des Pferdes aus der Menschengeschichte ist ein erstaunlich unbeachteter Vorgang. Ganze Bibliotheken zur Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts schweigen sich aus über das Pferd, das gleichwohl in Europa und Amerika allgegenwärtig war - bis das letzte Jahrhundert der Pferde in der Zeit Napoleons anbricht und mit dem Ersten Weltkrieg ausklingt. Ulrich Raulff zieht in seinem neuen Buch alle Register der Kultur- und Literaturgeschichte und beschreibt mit beeindruckender Erzählkunst eine untergehende Welt - ein Kapitel vom Auszug des Menschen aus der analogen Welt. Ulrich Raulff ist Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar. Zuvor war er u. a. Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie Leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Er hat Bücher über Marc Bloch und Aby Warburg geschrieben und für seine Arbeiten den Anna-Krüger-Preis für wissenschaftliche Prosa und den Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik erhalten. Sein bei C.H.Beck erschienenes Buch Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben wurde 2010 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse für das beste Sachbuch ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 494
    Erscheinungsdatum: 08.10.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406682452
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 18178 kBytes
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Das letzte Jahrhundert der Pferde

DER LANGE ABSCHIED

Wer um die Mitte des 20. Jahrhunderts auf dem Land geboren wurde, wuchs in einer alten Welt auf. Sie unterschied sich wenig von derjenigen, die hundert Jahre früher da gewesen war. Agrarische Strukturen sind von Natur aus träge. Das Land dreht sich in langsameren Rhythmen. Für Stadtkinder sah die Umwelt anders aus. Sie war geprägt von Maschinen - und von Ruinen, die ihrerseits das Resultat mechanischer Zerstörung waren. Das Land in seiner Zurückgebliebenheit hatte sich dem Sprung in die technische Moderne noch fast ein Jahrhundert lang entzogen. Gewiss, auch hier hatten die Maschinen, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts seltene, experimentelle Ausnahmen gewesen waren, der Zahl nach zugenommen. Überdies waren sie kleiner, praktischer, alltäglicher geworden und sahen nicht mehr aus wie mittelalterliche Belagerungsmaschinen oder Saurier aus Jurassic Park. Immer häufiger kam es vor, dass sie von kleinen Traktoren gezogen wurden, Geräten, die das 19. Jahrhundert noch nicht oder allenfalls in Gestalt enormer Dampfmaschinen gekannt hatte. Die Traktoren um die Mitte des 20. Jahrhunderts leisteten 15 oder 20 PS, hatten kurze, einprägsame Namen wie Fendt, Deutz, Lanz oder Faun und waren mit wenigen Ausnahmen wie etwa dem grauen Lanz grün lackiert. Im Rückblick wirken sie wie fragile Grashüpfer, verglichen mit den Mammuts von heute mit 200 PS und schalldichter Kabine.

Abgesehen von diesen Vorreitern der Mechanisierung auf dem Land, deren ruckhafte Bewegungen und deren Lärm nicht ins romantische Bild des 19. Jahrhunderts passten, hatte sich nicht viel geändert. Immer noch waren Pferde, schwere belgische Kaltblüter, starke Trakehner und stämmige Haflinger, das am weitesten verbreitete und am meisten gebrauchte Transport- und Zuggerät auf den schmalen, gewundenen Straßen wie an den Abhängen der Felder und in den Schluchten der Wälder. Über den Winterbildern meiner Erinnerung steht der Dampf ihres Atems und ihrer erhitzten Flanken, über den Sommerbildern liegt der Duft ihrer braunen Felle und hellen Mähnen. Immer noch spüre ich das Entsetzen, mit dem ich zusah, wie ihnen beim Beschlagen vierkantige Eisennägel in das, was ich für ihre Fußsohlen hielt, getrieben wurden. Szenen von solcher Drastik hatte ich bis dahin nur in Kirchen, auf Bildern der Passion Christi erblickt. Immer wenn ich später von jemandem sagen hörte, er sei "beschlagen", was soviel bedeutete wie: er sei gebildet oder belesen, tauchten vor meinen Augen die Vierkantnägel auf.

In den Ställen der Bauern, die noch von den Erträgen des Landes lebten und ihre bescheidene Wirtschaft nicht gegen einen Arbeitsplatz in der Fabrik eingetauscht hatten, nahmen die Boxen der Pferde den kleineren, aber nobleren Teil ein. Die Kühe, Rinder, Kälber, Schweine und Hühner machten sich breiter, sie stanken heftiger und führten das große Wort, sie waren, mit einem Wort, die Plebs im Stall; die Pferde waren selten, kostbar und wohlriechend, sie aßen manierlicher und litten spektakulärer, besonders ihre Koliken waren gefürchtet. Wie lebendige Skulpturen standen sie in ihren Verschlägen, nickten mit den schönen Köpfen und signalisierten mit ihren Ohren Misstrauen oder Verdacht. Die Pferde hatten ihren eigenen Campus, auf den sich nie eine Kuh verirrte, von Schweinen oder Gänsen ganz zu schweigen. Kein Bauer wäre auf die Idee gekommen, die Weide der Pferde mit Stacheldraht zu umgeben, hinter dem sich Kühe und vor allem Schafe nicht selten fanden. Bei den Pferden genügte ein bisschen Holz oder ein leichter Elektrozaun. Aristokraten sperrt man nicht ein, man erinnert sie an ihr Ehrenwort, auf Flucht zu verzichten.

Ich sehe uns, meinen Großvater und mich, an einem Tag Mitte der Fünfziger auf einer Anhöhe stehen, von der sich unser Hof, das umliegende Land und sogar ein Stück des fernen Laubwaldes, durch den sich eine schmale Straße den Berg hinaufwand, überblicken ließen. Seit einer Weile war die Stille übe

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