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Verbrecher, Opfer, Heilige Eine Geschichte des Tötens 1200-1700 von Schuster, Peter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.08.2015
  • Verlag: Klett-Cotta
eBook (ePUB)
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Verbrecher, Opfer, Heilige

Hängen, Rädern, Vierteilen: Auch Tötungsrituale haben eine wandelbare Geschichte. Peter Schuster geht den Ursachen nach, diskutiert die fatale Rolle der Kirchen und beleuchtet das Schicksal der Opfer dieser Blutjustiz. Peter Schuster erschließt in seiner Kulturgeschichte des Tötens ein schwarzes Kapitel der europäischen Geschichte und überrascht mit neuen Einsichten: Er widerlegt die Mär, die Todesstrafe sei eine Reaktion auf die alltägliche Gewalt gewesen. Zudem wurden nicht im Mittelalter, sondern zu Beginn der Neuzeit die meisten Hinrichtungen vollzogen. Einleuchtend weist er nach, dass diese Hochblüte der Todesstrafe ein Resultat der Reformation und Konfessionskonflikte war. Schuster beschreibt die Pein der zum Tode Verurteilten, die brutale Seelsorge der Pfarrer und das Schicksal der Leichen am Blutgericht. Peter Schuster erzählt von historischen Fakten und liefert gleichzeitig ein überzeugendes Plädoyer gegen die Todesstrafe und religiösen Fundamentalismus. Peter Schuster, geboren 1957, lehrte von 2006 bis 2010 als Professor an der Universität des Saarlandes. 2009 war er "Professeur inivité" an der "École des Hautes Études en Sciences Sociales" in Paris. Seit 2011 ist er Professor für die Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit an der Universität Bielefeld.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 416
    Erscheinungsdatum: 22.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783608108194
    Verlag: Klett-Cotta
    Größe: 5197 kBytes
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Verbrecher, Opfer, Heilige

1604: EINEM VERRÄTER WIRD DAS EIGENE HERZ MEHRMALS UM DIE OHREN GEHAUEN

Die Geschichte ist in der Tat nichts anderes als ein Spiegel der Verbrechen und des Unglücks. 1 Voltaire, 1767

Eine der wohl grausamsten Hinrichtungen in der europäischen Geschichte musste am 17. September 1604 der Braunschweiger Scharfrichter an Henning Brabant vollziehen. Noch Jahrhunderte später sträubte sich lokalen Historikern die Feder, wenn sie gehalten waren, über dieses dunkle Kapitel der Stadtgeschichte zu schreiben. In einem biographischen Artikel zu dem Hingerichteten notierte der Braunschweiger Historiker Ferdinand Spehr 1876, er wurde "mit einer so raffinierten Grausamkeit hingerichtet, daß die Hand zurückbebt, solche Gräuel der Vorfahren niederzuschreiben". 2

Eine derartige Zurückhaltung hatten sich Brabants Gegner nicht auferlegt. Einer seiner Widersacher, der Pfarrer und spätere Superintendent Johannes Wagner, hielt anlässlich der Hinrichtung in der Braunschweiger Katharinenkirche eine Predigt, die in mehreren Drucken überliefert ist. Wagner feiert die gefällten Todesurteile und stellt ausdrücklich die extreme Grausamkeit der Hinrichtungen heraus. Insbesondere habe man einem, und damit war Brabant gemeint, "das Herz aus dem Leibe geschnitten und ettliche mahl auffs Maul damit geschlagen". 3

Diese Stelle brennt sich beim Lesen ein, denn in diesen Worten und in der Art der Hinrichtung tut sich blanker Hass auf. Das ist ein eigentlich zur Geschichte der Todesstrafe nicht passender Ton, denn der staatlich verhängte Tod sollte auch in unserem Untersuchungszeitraum immer ein Ausdruck strafender Gerechtigkeit sein, die sich von Gefühlen nicht leiten ließ. Es gibt also Gründe, genauer auf die gegen Henning Brabant gerichteten Vorwürfe und sein elendiges Ende einzugehen.

Braunschweig war um 1600 eine Stadt, die ihren Status im Reich suchte. 1599 erklärte ihr Rat, Braunschweig sei zwar keine Reichsstadt, besitze aber so viele Regalien und Privilegien, dass zwischen einer echten Reichsstadt wie Hamburg und der Stadt Braunschweig faktisch kein Unterschied auszumachen sei. 4 Braunschweig suchte die Reichsunmittelbarkeit und wollte sich der Herrschaft des Landesherren entziehen. Die Stadt verweigerte die Huldigung, ignorierte Einladungen zum Landtag und überging ihren Herren bei der Entrichtung von Reichssteuern. Zu einem ersten Eklat kam es 1600, als Braunschweig eine an den Fürstenhof adressierte Lieferung von 6000 Zentnern Blei festsetzte. Herzog Heinrich Julius verhängte die Acht über die Stadt und untersagte seinen Untertanen jeglichen Kontakt mit ihren Bürgern. Soldaten zogen auf und sperrten die nach Braunschweig führenden Landstraßen, so dass städtischer Handel und Gewerbe erhebliche Einbußen hinnehmen mussten. Die Bürger Braunschweigs reagierten unterschiedlich auf die Zuspitzung der Lage. Während einige, darunter Henning Brabant, für einen Ausgleich mit dem Herzog plädierten, forderten andere, dem Konflikt nicht auszuweichen und ihn notfalls militärisch zu einem Ende zu bringen.

Bis hierher war Brabant nur ein Akteur unter vielen in einer innenpolitischen Krise. Als Mitglied der Bürgerhauptleute repräsentierte er die institutionalisierte Opposition gegen den Rat und hatte damit durchaus das Recht, seine Meinung vorzutragen. Allerdings verschärfte sich, auch durch sein Zutun, die Situation ab 1603. Nach einigen kritischen Predigten der lutherischen Pfarrer der Stadt gegen die Bürgerhauptleute hatte Brabant an der Universität Marburg ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, das seine Rechtsposition bestätigte: Den Bürgerhauptleuten stehe laut Verf

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