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Aufrechnung, Entlastung, Umdeutung? Der Wandel der deutschen Erinnerungskultur hin zur 'neuen deutschen Opfergeschichte' von Alsen, Raimo (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.07.2013
  • Verlag: Bachelor + Master Publishing
eBook (PDF)
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Aufrechnung, Entlastung, Umdeutung? Der Wandel der deutschen Erinnerungskultur hin zur 'neuen deutschen Opfergeschichte'

Die bundesdeutsche Erinnerung an den zweiten Weltkrieg unterlag einem stetigen Wandel. Lange Zeit stand dabei auch das Bild der Deutschen als Täter im Vordergrund. Doch seit der Jahrtausendwende, so die Ausgangsthese des Verfassers, scheint die Erinnerung an die Deutschen als Opfer verstärkt an Bedeutung zu gewinnen. Vor allem Erfahrungen der deutschen Zivilbevölkerung während des Bombenkrieges oder Flucht und Vertreibung werden häufiger denn je in der öffentlichen Erinnerungskultur thematisiert. Diese Tendenz wurde längst von Wissenschaft und Journalismus erkannt, beschrieben und diskutiert. Meist blieb es dabei aber bei bloßen Meinungsäußerungen verschiedener Parteien. In dieser Studie werden verschiedene Darstellungsformen der 'neuen deutschen Opfergeschichte' untersucht und mögliche Motive derjenigen, die diese Geschichte erzählen, betrachtet. Zudem wird diskutiert, inwiefern der Wandel zum deutschen Opfergedenken problematisch oder gerechtfertigt ist. Nachdem zunächst ein Überblick über die deutsche Erinnerungskultur seit Ende des Zweiten Weltkrieges gegeben wird, erfolgt die Untersuchung des benannten Phänomens in den drei Teilbereichen Literatur, Film und Fernsehen und an dem Beispiel der Ausstellung 'Erzwungene Wege'. Wer über Deutsche als Opfer spricht, gerät allzu leicht ins Kreuzfeuer von Kritikern, die einem 'Geschichtsrevisionismus' oder 'Aufrechnungsgedanken' unterstellen. Das vorliegende Buch soll dazu beitragen eine kontroverse Erinnerungskultur zu ermöglichen, in der das Für und Wider des deutschen Opferdiskurses fair diskutiert werden kann. Es ist somit der Versuch eines objektiven, wenn auch kritischen Blickes auf die Zukunft der Erinnerung.

Raimo Alsen, M. Ed., wurde 1985 im Schleswig-Holsteinischen Henstedt-Ulzburg geboren. 2011 schloss er sein Studium des Master of Education für das Lehramt an Realschulen mit den Fächern Englisch und Geschichte an der Universität Flensburg ab. Während des Studiums befasste sich der Autor verstärkt mit der Frage, wie bestimmte zeitgeschichtliche Ereignisse in der heutigen Erinnerungskultur kommuniziert werden. Die steigende Häufigkeit, mit der das Thema des Buches vor allem in populären Massenmedien vertreten ist, veranlasste ihn dazu, nach den Hintergründen zu suchen und diesen relativ jungen Wandel der Erinnerungskultur genauer zu betrachten. Die Tatsache, dass der Autor der zweiten Nachkriegsgeneration angehört, führt zu einer emotionalen Distanz zur Thematik und lässt einen möglichst objektiven Blick zu.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 58
    Erscheinungsdatum: 01.07.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863416836
    Verlag: Bachelor + Master Publishing
    Größe: 327 kBytes
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Aufrechnung, Entlastung, Umdeutung? Der Wandel der deutschen Erinnerungskultur hin zur 'neuen deutschen Opfergeschichte'

Textprobe: Kapitel 4, Zur Problematik einer Opfergeschichte: Bestandteile der Opfergeschichte sind, wie bereits erwähnt, vor allem Erzählungen vom alliierten Bombenkrieg sowie von der massenhaften Vertreibung Deutscher aus den Ostgebieten und damit verbunden die sexuellen Vergehen von Soldaten an deutschen Frauen. Es stellt sich die Frage, worin die Problematik besteht, eben diese Geschichten, diese Erfahrungen zu teilen und im kollektiven Gedächtnis zu thematisieren. Dies ist eine wichtige Fragestellung für die vorliegende Arbeit. Haben Deutsche, die unter den Alliierten vor allem in der Endphase des Krieges gelitten haben, kein Recht darauf, diese Leiden auch darzustellen? Haben sie nicht das Recht, auch als Opfer verstanden und anerkannt zu werden? Diese Fragen lassen sich nicht ohne weiteres beantworten. Letztlich soll auch der Hauptteil dieser Arbeit helfen, Antworten zu finden. An dieser Stelle möchte ich jedoch einige Bedenken, Meinungen und Wünsche zusammenfassen, wie sie vor allem in der Fachpresse und -literatur zu finden sind. Ein wichtiger Punkt bei der Erinnerung an die deutschen Opfer ist zunächst die Frage, wie viel Platz ihr eingeräumt werden kann und darf. Jan Lohl behauptet beispielsweise, dass durch die zentrale Thematisierung der deutschen Opfer die 'genaue Erinnerung an die NS-Verbrechen [...] zum Verschwinden gebracht [werden].' Weiter sagt er: 'Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit wird zur reinen - einer von den Opfern der NS-Verbrechen bereinigten - nationalen Selbstthematisierung [...].' Hier ist also klar die Befürchtung zu finden, dass der deutsche Opferdiskurs die deutschen Verbrechen an anderen Opfergruppen verdrängt. Ute Frevert bezeichnet die Opfernarrative sogar als 'Entlastungsargumente', die bereits nach dem Krieg auftauchten und jetzt wiederkehren. Der Argumentation, dass der deutschen Opfer nicht gedacht wurde und es eine Erinnerungslücke gebe, widerspricht sie. Frevert stellt allerdings auch klar, dass die Erinnerung an deutsches Leid 'legitim und wichtig' sei, wobei dafür einige Punkte beachtet werden müssen. Dazu gehört beispielsweise, dass die Erinnerung stets kritisch erfolgen müsse. Auch dürfe die Erinnerung nicht politisiert werden und zur Schuldaufrechnung oder -entlastung dienen. Ferner seien Analogien und Vergleiche mit anderen Diktaturen oder Volksverbrechen kritisch zu betrachten, da sie oft nicht angemessen seien und Sachverhalte ausblenden würden. Gleichzeitig könnten sie aber auch helfen, die Phänomene (z.B. den Aufstieg des Nationalsozialismus) besser zu verstehen. Helga Hirsch beschreibt ohne große Wertung, dass die Erinnerung an die zivilen deutschen Opfer (hier insbesondere Flüchtlinge und Vertriebene) bislang in zwei Extremen verlief. Entweder gehörte man zu denen, die die Vertreibung der Deutschen als gerechte Strafe für deren Verbrechen sah, oder man nutzt die Erinnerung daran, um die Schuld zu vertuschen. Hirsch impliziert damit, dass der Wandel der Erinnerung dahin geht, dass sie zwischen diesen beiden Polen liegt. Es scheint also vielmehr so zu sein, 'dass sich das Bekenntnis zu deutscher Schuld und die Trauer über deutsches Leid nicht widersprechen müssen, sondern zwei Seiten einer Medaille sind.' Martin Sabrow erwähnt zunächst, dass sich der Wandel zum deutschen Opfergedenken 'nur zu leicht als geschichtspolitische Schuldentsorgung deuten [lässt].' Er geht jedoch davon aus, dass es bei dem Opferdiskurs nicht um die Aufrechnung von Schuld geht. Die Anerkennung der traumatisierten deutschen Opfer sei lange Zeit tabuisiert worden. Sie wäre allerdings möglich, ohne die NS-Verbrechen zu relativieren oder Schuld zu verdrängen. Vielmehr richte sie sich sogar gegen den Entlastungsdiskurs. Aleida Assmann stellt fest, dass die Verschiebung der Erinnerung hin zum deutschen Opfergedenken ein Tabubruch sei. Es sei bislang tabuisiert worden, weil man die Verdrängung der Opfererfahrungen der Holocaustopfer befürchtete. Diese wären jetz

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