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Ausgerechnet Kabul 13 Geschichten vom Leben im Krieg von Wurmb-Seibel, Ronja von (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.03.2015
  • Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
eBook (ePUB)
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Ausgerechnet Kabul

Afghanistan - Was bleibt nach dem Abzug der Truppen? Ronja von Wurmb-Seibel ist 27 Jahre alt, als sie nach Kabul zieht. Die junge Reporterin hat sich vorgenommen, Afghanistan nach Geschichten zu durchstöbern, die anderes erzählen als Burka, Taliban und Bundeswehr. Sie findet Geschichten zum Staunen und erlebt Momente zum Verzweifeln. "Ich kann den Krieg beobachten, ich kann versuchen, ihn zu beschreiben; aber ich habe keine Ahnung davon, wie es ist, im Krieg zu leben", heißt es in Ausgerechnet Kabul. "Und ich glaube immer weniger daran, dass wir Deutschen beurteilen können, was unser Krieg am Hindukusch gebracht hat. Ich denke, es gibt bessere Experten für diese Frage: die neunjährige Madina etwa, die jeden Tag vor dem NATO-Hauptquartier in Kabul bunte Armbänder verkauft; oder Kommandeur Hakimi, dem die Leute unter der Hand wegsterben, seit die Bundeswehr aus Faizabad abgezogen ist und die Aufständischen an Macht gewinnen." Ronja von Wurmb-Seibels Buch ist eine Hommage an den Lebensmut der Afghanen, ein Plädoyer gegen den Krieg - und eine ungewöhnliche Bilanz des deutschen Afghanistan-Einsatzes. Ronja von Wurmb-Seibel, 1986 geboren, studierte Politikwissenschaften in München. Sie arbeitete als Redakteurin im Politik-Ressort der Zeit, ehe sie 2013 - als damals einzige deutsche Journalistin - nach Kabul zog. Von dort aus schrieb sie die wöchentliche Kolumne "Ortszeit Kabul" für die Zeit, den Blog "Kabul, 2014" für Zeit Online sowie Reportagen für diverse Magazine. Zusammen mit ihrem Partner Niklas Schenck produzierte sie für den NDR Dokumentarfilme über Afghanistan. Ihre Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet. Ronja von Wurmb-Seibel kehrte im Dezember 2014 nach Deutschland zurück.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 02.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641136697
    Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
    Größe: 7508 kBytes
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Ausgerechnet Kabul

Vorwort

Als ich klein war, erklärte mir mein Bruder einmal, dass ich nur dann Angst haben müsse, wenn er es mir sage. Er ist sieben Jahre älter als ich, und als er mir das erste Mal Bescheid gab, waren wir in Italien. Am Hafen von Neapel schlitzten zwei Motorradfahrer die Reifen unseres Toyotas auf, als wir gerade an einer roten Ampel hielten. Dann kreisten sie um das liegen gebliebene Auto. Mein Bruder bewaffnete sich mit einem Schraubenschlüssel und stieg aus, um meinem Vater beim Reifenwechseln zu helfen. Zuvor beugte er sich zu mir herüber und sagte: "Weißt du noch, was ich dir über Angst gesagt habe? Jetzt ist es soweit!"

In Neapel war ich neun. Als mich mein Bruder das nächste Mal warnte, war ich fünfzehn. Ich saß im Büro meines Vaters und las E-Mails (zu Hause hatten wir damals noch kein Internet). Mein Bruder streckte seinen Kopf ins Zimmer. "Hast du gehört?", sagte er. "Das World Trade Center ist eingestürzt." An seinem Tonfall merkte ich, dass es nun wieder an der Zeit war, Angst zu haben. Nur wusste ich nicht, was das World Trade Center war. Ich wusste nicht, wo es stand, beziehungsweise gestanden hatte. Erst recht wusste ich nicht, warum es schlimm war, dass es nun nicht mehr dort stand. Und da mein Bruder gleich wieder verschwunden war, beschloss ich, dass es so schlimm schon nicht sein konnte.

Ich änderte meine Meinung, als ich abends nach Hause kam, mein Vater saß vor dem Fernseher.

Die Bilder machten mir Angst. Es war das erste Mal, dass ich mitbekam, wie von heute auf morgen ein Krieg losgehen kann. Wie wenig man ihn vorhersieht und wie schwer er sich aufhalten lässt. Dass er einfach kommt.

Als ich ins Bett ging, versprach mein Vater, mich zu wecken, falls irgendwo ein Krieg ausbrechen sollte. Er weckte mich nicht. Es begann kein Krieg. Nicht in dieser Nacht.

Dreizehn Jahre später stehe ich in einem kleinen grauen Innenhof in Kabul. Es dämmert. Ich spiele Volleyball mit einem Kumpel, Abdulhai. Er ist achtzehn Jahre alt und hat einen beschissenen Tag gehabt. Volleyball ist Ablenkung. Irgendwann fragt er mich: "Ronja, wann hast du zum ersten Mal von Afghanistan gehört?" Ich erzähle ihm von 9/11 , von dem Abend vor dem Fernseher, davon, dass ich nicht wusste, was das World Trade Center ist - und dass ich auch von Afghanistan davor noch nie gehört hatte. Es ärgerte mich, Abdulhai sagen zu müssen, dass ich das erste Mal wegen eines Krieges von seinem Land gehört hatte. Aber ich wollte auch nicht lügen.

Ich versuchte mir vorzustellen, wie er 9/11 erlebt haben muss. Abdulhai war damals fünf. Auch er wusste nicht, was das World Trade Center ist. Ein paar Monate zuvor war seine Familie vor den Taliban aus ihrem Dorf in der Provinz Bamiyan ins Gebirge geflohen. Schnee, Eis, Wind. Unterwegs teilte sich die Familie auf. Abdulhai und sein Bruder blieben bei ihrer Mutter, der Vater zog mit ein paar anderen Männern weiter.

Tage später hörte Abdulhai zufällig das Gespräch zweier Männer. Einer von ihnen sagte, dass Abdulhais Vater getötet worden sei. Die beiden Männer bemerkten nicht, dass der Sohn alles mitbekam. Und Abdulhai erzählte niemandem davon.

"Bist du wegen des Krieges hierhergekommen, Ronja?"

"Ich weiß es nicht, Abdulhai."

Anfangs, im Frühjahr 2013 , wusste ich nicht so genau, was mich auf die Idee gebracht hatte, nach Afghanistan zu ziehen. Ich wusste nur, dass ich erst mal herausfinden wollte, ob ich mir das vorstellen konnte: in Kabul leben. Vier Wochen erschienen mir ein vernünftiger Zeitraum dafür. Außerdem konnte ich nicht länger Urlaub nehmen.

Es waren vier intensive Wochen: Ich spazierte durch die grünen Parks von Kabul; ich flog für ein paar Tage nach Kundus und wurde von der Polizei überredet, in ihrem Hauptquartier zu schlafen - dort sei es sicherer als in meinem Hotel. Ich half meinem Übersetzer um sechs Uhr morgens bei einer Hausarbeit über Leni Riefensta

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