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Der Überläufer. Letztes Kapitel von Allertz, Robert (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.08.2012
  • Verlag: Spotless
eBook (ePUB)
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Der Überläufer. Letztes Kapitel

Im April 2011 verstarb 'der Überläufer'. Obgleich das Leben Hansjoachim Tiedges in Russland endete, wo er seit 1990 Asyl genoss, und trotz der Tatsache, dass seine Erinnerungen bereits 1998 herauskamen, meldeten nicht nur deutsche Agenturen sein Hinscheiden. Selbst die Washington Post berichtete am 13. April: 'Hansjoachim Tiedge, West German intelligence official who defected to east, dies at 73.' Der einstige Abwehrchef des Bundesamtes für Verfassungsschutz war 1985 in die DDR übergetreten und hatte sein Wissen offenbart. Kurz vor dem Ende der DDR flog der sowjetische Nachrichtendienst den wegen Landesverrat Gesuchten aus. Seitdem erfuhr man wenig bis nichts über ihn. Robert Allertz sprach mit Tiedges ehemaligen Kollegen, die bis zu seinem Tod Verbindung zu ihm hatten. Obgleich das BfV bestritt, ihn nach seiner Ausreise observiert zu haben, kam nun auch heraus: Tiedges Telefon wurde bis 2005 abgehört.

Robert Allertz, geboren 1951, Spezialglasfacharbeiter, Diplomjournalist, Oberleutnant zur See d. R., Autor verschiedener Publikationen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 100
    Erscheinungsdatum: 10.08.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783360510075
    Verlag: Spotless
    Serie: Spotless
    Größe: 588kBytes
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Der Überläufer. Letztes Kapitel

Wo ging er hin?

Tiedge sollte in den knapp zwei Jahrzehnten, die er beim BfV arbeitete, fünf Präsidenten er- und überleben. Er arbeitete in zehn verschiedenen Funktionen. In jener Zeit wechselte auch dreimal die Regierung in Bonn - 1966, 1969 und 1982. Als er in den Dienst eintrat, zählte das Bundesamt etwa 800 Mitarbeiter, als er ihn 1985 verließ waren es rund 2.500. Das Personal hatte sich also mehr als verdreifacht. Hinzu kamen zehn Landesämter für Verfassungsschutz, wo es eine vergleichbar expansive Entwicklung gab. Und nebenher existierten noch der Bundesnachrichtendienst, der Militärische Abschirmdienst (MAD), das Bundeskriminalamt, diverse private Sicherungs- und Wachdienste von Großunternehmen ... "Die Bundesrepublik (ist) der einzige Staat der Welt, der über siebzehn zivile Sicherheitsdienste verfügt", schrieb Tiedge in seinen Memoiren. "Dieses Sicherheitssystem in seiner verfassungsrechtlichen Gegebenheit darzulegen, fällt dem Juristen ebenso schwer wie dem Theologen die Erklärung der göttlichen Dreifaltigkeit. Beide wissen oder glauben zumindest zu wissen, dass und warum es so ist, sind sich aber zugleich bewusst, hiermit in der Praxis der Berufsausübung wenig anfangen zu können."

Daran sollte man sich gelegentlich erinnern, wenn etwa auf die personelle Ausstattung des MfS verwiesen wird, welches - obgleich diese Institution doch all diese Dienste unter ihrem Dach vereinte - angeblich überbesetzt gewesen sein soll.

Auch auf dem Feld, welches Tiedge bestellte - die Spionageabwehr -, klafften wie meist Anspruch und Wirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland weit auseinander. Erst am 7. August 1972 beschloss der Bundestag ein Gesetz, das die Abwehr von Spionageangriffen als Aufgabe des Verfassungsschutzes benannte - obgleich der BfV dies bereits seit über zwei Jahrzehnten besorgte. Ähnlich verhielt es sich mit dem Bundesnachrichtendienst. Seit Beginn seiner Existenz (und der seines Vorgängers, der Oranisation Gehlen) spionierte er im Ausland, doch dafür gab es erst mit dem am 20. Dezember 1990 verabschiedeten "Gesetz über den Bundesnachrichtendienst" auch die politisch-gesetzliche Grundlage. Interessanterweise erst nach dem Ende der DDR, die - im Unterschied zur BRD - ihren Nachrichtendienst keineswegs im rechtsfreien Raum hatte agieren lassen. Das hätte sich für einen sozialistischen Rechtsstaat nicht gehört.

Und auch die These von der vermeintlich verdeckten Arbeitslosigkeit in der DDR - angeblich galten viele Menschen nur aus propagandistischen Gründen als berufstätig, obgleich sie nichts zu tun hatten - widerlegte der einstige Bundesbeamte Tiedge auf sehr überzeugende Weise, indem er über diesen Vorgang in der Bundesrepublik berichtete:

"Der Arbeitstag begann mit dem Öffnen des Panzerschrankes, dessen Zahlenschloss halbjährlich neu eingestellt werden musste. Ihm entnahm ich die unterschiedlichen Aktenstapel, die ich am Vorabend hineingelegt hatte, die nach Dienstschluss erledigte Post vom Vortag, getrennt nach Ein- und Ausgängen, die mit Rücksprachen, die ich beim Abteilungsleiter oder bei der Amtsleitung, also beim Präsidenten oder beim Vizepräsienten, wahrzunehmen hatte, und die Akten, die am Vortag nicht erledigt werden konnten. Ein Stapel blieb im Schrank, wie ihn wohl jeder Büromensch vor sich herschiebt, der Stapel mit den Akten, die zu bearbeiten kein Vergnügen bereitete, sei es, weil sie so kompliziert waren, sei es, weil sich irgend etwas in mir gegen die Bearbeitung sträubte. Aber oft genug habe ich erlebt, dass sich Vorgänge auf diese Weise erledigten.

Ich verteilte die Akten auf dem Aktenbock, richtete meinen Schreibtisch ein und begann, mich zunächst in die mitgebrachte Zeitung zu vertiefen. Viele Tage waren es nicht, an denen es mir gelang, ungestört den Sportteil oder den Leitartikel zu lesen. Das Telefon klingelte, man fragte mich dies, teilte mir jenes mit, M

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