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Geteilte Geschichte 25 deutsch-deutsche Orte und was aus ihnen wurde von Kern, Ingolf (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.12.2015
  • Verlag: Ch. Links Verlag
eBook (ePUB)
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Geteilte Geschichte

Die Mauer dominierte das Verhältnis der beiden deutschen Staaten und verstellte oft den Blick dafür, dass es in der Realität viele Berührungspunkte gab. Ingolf Kern und Stefan Locke haben nach Orten gesucht, an denen die Gemeinsamkeit, aber auch der Irrsinn der Teilung sichtbar wurden, Orte, die heute vielfach vergessen sind, an die nichts mehr erinnert. Da ist das Postzollamt Falkenberg, in dem täglich Tausende Westpakete kontrolliert wurden, das Ausflugslokal Zenner in Ost-Berlin, das im oberen Stockwerk in einem separaten Teil Westtouristen bewirtete, oder das Dorf Mödlareuth, das durch einen kleinen Fluss in zwei Welten geteilt war - die eine gehörte zu Thüringen, die andere zu Bayern. Der entfernteste Ort liegt in Kanada/Neufundland, wo der kleine Flughafen Gander zum Schlupfloch im Eisernen Vorhang wurde - für privilegierte Transitreisende aus der DDR auf dem Weg nach Kuba. Die Autoren stellen 25 Orte vor, die in besonderer Weise mit der deutsch-deutschen Geschichte verbunden sind, und berichten, was inzwischen aus ihnen geworden ist. Jahrgang 1966, lebt in Berlin, war u.a. Feuilletonredakteur bei der Welt und der FAZ; seit Herbst 2014 Direktor der Abteilung Medien und Kommunikation der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Jahrgang 1974, Reporter mit Büro in Dresden, schreibt Reportagen, Interviews und Porträts für die FAZ, die FAS, Cicero und die ZEIT.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 272
    Erscheinungsdatum: 04.12.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783862843190
    Verlag: Ch. Links Verlag
    Größe: 923 kBytes
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Geteilte Geschichte

SCHICKSALSORTE

Aufnahmelager für DDR-Flüchtlinge, Gießen:
Erste Adresse im Westen

Wer die DDR für immer in Richtung Bundesrepublik verließ, musste zuerst nach Gießen. Das zentrale Flüchtlingslager ist vor allem Ost-deutschen bis heute ein Begriff.

Für Familie Lässig beginnt das neue Leben am Abend des 25. Mai 1989, als ihr Zug in den Bahnhof Gießen einfährt. Vater Gundhardt, Mutter Margitta und die Kinder Daniel und Victoria, 17 und sieben Jahre alt, springen auf den Bahnsteig, sehen sich kurz um und folgen dann den Wegweisern, auf denen groß "Zentrale Aufnahmestelle des Landes Hessen" steht. Die Lässigs sind euphorisch, aber auch erschöpft und froh darüber, jetzt nicht viel Gepäck schleppen zu müssen. Vier große Koffer voll mit Kleidung und Erinnerungen hatten sie am Vormittag im thüringischen Rudolstadt in den Zug gewuchtet, dann nahm ihnen die Stasi am Grenzübergang Probstzella alle Koffer weg - ohne Begründung, aber mit der Zusicherung, sie nachzuschicken. Immerhin.

"Guck mal, Mutti, Kirschen!", ruft Victoria, als sie vor dem Bahnhof an einem Obst- und Gemüsestand vorbeikommen. "Die Vicky liebt Kirschen", wird Margitta Lässig sich gut zweieinhalb Jahrzehnte später erinnern. "Und hier gab es schon welche im Mai." Hier, das ist im Kapitalismus, der vielen DDR-Bürgern im Laufe der Jahre auch deshalb so verheißungsvoll erschien, weil der Sozialismus in ihrem Land nicht nur zu wenige Bananen und Apfelsinen im Angebot hatte, sondern auch nicht ausreichend heimisches Obst und Gemüse. Mangels Anschauung kennt Vicky viele der hier in Hülle und Fülle präsentierten Früchte nicht, auch die Eltern können nicht immer helfen. "Eine Kiwi hatte ich doch auch noch nie gesehen", sagt Gundhardt Lässig heute.

Sie gehen vom Bahnhof den schmalen Weg hinauf zu einer Brücke, die über die Gleise führt, dann eine kleine Allee hinab und ein paar Stufen an einer Böschung hinunter. Sie sehen ein grünes Metalltor, links eine Drehtür und ein Pförtnerhaus, davor eine lange Menschenschlange. Alles DDR-Bürger, das erkennen sie sofort. Kaltwelle und Jeansjacke mit Lammfellkragen vom Polenmarkt sind untrügliche Erkennungsmerkmale in diesen Tagen, und natürlich auch, wie geduldig alle warten. Hier und jetzt aber macht Lässigs das nichts aus: Es ist Frühling, ein herrlich warmer Abend, und sie sind im Westen.

Der Pförtner winkt sie durch, als sie ihre Ausreisepapiere zeigen. Sie bekommen einen Wegweiser für das Lager mit Orientierungsplan und Essenszeiten, einen Laufzettel zur Registrierung sowie Bettwäsche und ein Zimmer im Haus "Thüringen", zweiter Stock links. Die anderen Unterkünfte des Lagers heißen "Mecklenburg-Vorpommern" und "Sachsen-Anhalt", ostdeutsche Länder wohlgemerkt, die damals längst aufgelöst sind. Das Küchen- und Verwaltungsgebäude trägt den Namen "Sachsen", das Bürohaus mit den Geheimdiensten den von "Berlin-Brandenburg", nur der Speisesaal "Hessen" verweist auf den Westteil Deutschlands. Ihr Zimmer teilen sich Lässigs mit vier weiteren Flüchtlingen, jedes Doppelstockbett ist belegt, selbst auf dem Gang stehen Feldbetten. Anfang 1989 hat die SED noch einmal die Schleusen weit geöffnet und eine Vielzahl "ständiger Ausreisen" genehmigt, wohl in der Hoffnung, bis zum 40. Jahrestag der Republik im Herbst "Unruhestifter" loszuwerden.

Einen Mann stellte diese Entscheidung abermals vor eine große Herausforderung. Heinz Dörr war seit 1971 Leiter des Aufnahmelagers Gießen, und er stand 1989 kurz vor der Pensionierung. "Daran war gar nicht zu denken", sagt er. Allein im ersten Quartal kamen 12 200 Flüchtlinge, ein Vielfaches der ersten drei Monate des Vorjahres. Dörr wusste, was zu tun war, er hatte schon mehrere "Fluchtwellen" miterlebt: 1984, als die DDR vor der Kommunalwahl Druck aus dem Kessel ließ; im Frühjahr 1988, als ausgebürgerte und abgeschobene Oppositionelle hier ankamen. Doch 1989 stellte alles in den Schatten. Er und seine 150 Mitarbeiter arbeitete

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