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Heimat ist das, wovon die anderen reden Kindheitserinnerungen einer Vertriebenen der zweiten Generation von Bovier, Rosemarie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.09.2014
  • Verlag: Wallstein Verlag
eBook (PDF)
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Heimat ist das, wovon die anderen reden

Eine Geschichte von Flucht und Vertreibung - und von den Schwierigkeiten der Integration. 1949 bezogen zwanzig donauschwäbische Familien aus dem Dorf Brestowatz in der Batschka im heutigen Serbien eine Barackensiedlung im hessischen Obersuhl. Die Familien waren 1944 vor der heranrückenden Sowjetarmee geflohen und fanden hier eine vorläufige Bleibe. Obwohl sie sich selbst als Deutsche verstanden, kamen sie nach Deutschland in die Fremde. Abgeschottet von ihrer Umgebung ließen sie ihre mitgebrachte Lebensweise wieder aufleben. In dieser Brestowatzer Welt in Obersuhl wuchs Rosemarie Bovier von ihrem 3. bis zu ihrem 12. Lebensjahr auf. Im Spannungsfeld zwischen der Heimat der Familie (derhom) und dem neuen Zuhause (dohaus), zwischen den Erzählungen der Bewohner und den Erfahrungen außerhalb der Siedlung erzählt die Autorin ihre Geschichte der Integration. Sie berichtet von einer Heimat, die sie selbst nur aus zweiter Hand kennenlernt, und von einer verdrängten Wahrheit: Nach und nach wird sichtbar, dass die enge Verstrickung vieler Brestowatzer mit dem NS-Regime und die Täterschaft des eigenen Vaters als SS-Mann in dieser erzählten Heimat unterschlagen wurden. Rosemarie Bovier wurde 1947 in Obersuhl (Hessen) geboren. Nach dem Studium der Germanistik und Geografie in Frankfurt am Main unterrichtete sie an Gymnasien in Bad Hersfeld, Wolfenbüttel und Wolfsburg. Daneben war sie als Fachberaterin bei der Bezirksregierung in Braunschweig tätig. Heute lebt sie in Wolfenbüttel.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 01.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783835326491
    Verlag: Wallstein Verlag
    Größe: 6412 kBytes
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Heimat ist das, wovon die anderen reden

Erste Bilder

Es ist ein kalter Novembertag 1949. Da setzen die Bilder ein, zuerst nur weit verstreute Inseln der Erinnerung, die später dichter und dichter werden sollen.

Ich stehe mit meiner Mutter in Obersuhl an der Hauptstraße, die das Dorf von West nach Ost durchzieht und von der ich noch so wenig gesehen habe. Wir warten auf einen Wagen mit Pferden davor. Hinter uns ist ein großer Schaukasten aufgebaut, in dem bunte Plakate Filme ankündigen, vor uns stehen Stühle, die die Breitbardin , der das Kino gehört, uns geborgt hat, damit wir etwas haben, was wir in die große Wohnung stellen können, die wir jetzt auf dem Lager kriegen. Später, viel später, ich kann einen Stuhl dann schon alleine tragen, werden wir sie zurückbringen. Dann können wir uns endlich selber Stühle kaufen.

Beim Warten wird mir kalt. Ich trippele von einem Fuß auf den anderen. Ob es der Versuch war, die Füße, die in Sommerschuhen stecken, ein bisschen zu wärmen, oder die Aufregung, kann ich heute nicht mehr entscheiden. Vielleicht war es beides.

Ich erahne mehr, als dass ich es verstehe, dass etwas Einschneidendes in unserem Leben geschieht. Wir werden nie mehr zu Lehmanns auf den Dachboden nach Hause gehen.

Lehmanns, das sind: der alte Lehmann, unser Hausherr, der eine Baufirma hat und die Wohnung im ersten Stock direkt unter uns alleine bewohnt, ein polternder, oft angetrunkener Mensch, der über die aufgezwungenen Bewohner des Dachbodens murrt, und wenn die Kinderfüße über ihm trippeln, brüllt er. Im Erdgeschoss wohnen seine geschiedene Frau, der Sohn mit seiner Frau und den beiden Töchtern, etwa im Alter meiner Brüder. Zwei streiten immer, entweder der alte und der junge Lehmann wegen der Firma oder der alte Lehmann und die alte Frau Lehmann, sobald sie aufeinander treffen. Zwischen dem alten Lehmann und den Bewohnern unter dem Dach gibt es keinen Streit, er braucht nur "Ruhe da oben!" zu brüllen, und die eingeschüchterten Mitbewohner verstummen und vermeiden jedes Geräusch. Das herumhüpfende Kind wird mit einem gereizten "Pscht, der Hausherr schimpft" zum Stillsitzen gebracht.

Das Warten wird langweilig. Mein ständig wiederkehrendes "Wann kommen sie denn?" wird genauso oft mit einem ungeduldigen "Gleich!" meiner Mutter erwidert. Auf der Straße ist nichts los, nur ein dreirädriger Pritschenwagen kommt vorbei und biegt nebenan in die Kohlenhandlung ein. Bei dem schaurigen Wetter sind auch kaum Fußgänger unterwegs. Meiner Mutter ist das recht, die Obersuhler brauchen nicht zu sehen, wie arm wir sind.

Sechsundvierzig, erzählt meine Mutter später, sind wir nach Deutschland gekommen, nach Nordhessen, erst waren wir drei Wochen lang in Iba im Durchgangslager, von da haben sie uns nach Obersuhl gebracht. Das war im September. Die Obersuhler wollten die Flüchtlinge nicht haben, aber sie konnten ja nichts machen. Uns haben sie bei Lehmanns einquartiert! Aber das war doch keine Wohnung! Zwei Zimmer direkt unterm Dach, eins davon war eine alte Wurstkammer, das andere ein langer Schlauch mit 'nem alten Eisenbett und 'nem Schrank von Lehmanns und unsren paar Kisten, die wir aus den Flüchtlingslagern in Österreich mitgebracht hatten. Der erste Abend, das war furchtbar! Wir saßen da auf unseren Kisten bei Kartoffeln, die wir noch in Iba von den Feldern gestohlen hatten. Sonst hätten wir eh nix zu essen gehabt. Wir schliefen auf dem Fußboden. Am zweiten Tag hat uns der junge Herr Lehmann einen Tisch und Stühle gebracht und am nächsten Tag noch ein Bett vom Boden. Man hat ja nichts gehabt außer 'nem alten Herd aus

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