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I've been looking for Frieden Eine deutsche Geschichte in zehn Songs von Brüggemeyer, Maik (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.11.2018
  • Verlag: Penguin Verlag
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I've been looking for Frieden

Wo waren Sie, als David Hasselhoff die Mauer niedergesungen hat?
Popsongs erzählen Geschichten: von der ersten Liebe, dem ersten Rausch und der ersten eigenen Wohnung. Und manchmal auch die Geschichte eines ganzen Landes und seiner Bewohner, ihrer Ängste und Sehnsüchte. Maik Brüggemeyer hat zehn Songs ausgewählt, in denen sich die wichtigsten Momente der deutschen Geschichte spiegeln. Sie erzählen von der Italiensehnsucht der Fünfzigerjahre über die 99 Luftballons des Kalten Krieges bis hin zu der sommermärchenhaften Erkenntnis, dass dieser Weg wohl kein leichter sein wird. Und damit zugleich von Schuld und Rebellion, Tanz und harter Arbeit, Terror und einer friedlichen Revolution.
Und um diese Lieder wird es gehen: Rudi Schuricke, "Capri-Fischer"; Franz Josef Degenhardt, "Deutscher Sonntag"; Can, "Father Cannot Yell"; Nena, "99 Luftballons"; David Hasselhoff, "I've Been Looking For Freedom"; Marusha, "Over The Rainbow"; Rammstein, "Links, 2, 3, 4"; Xavier Naidoo, "Dieser Weg"; und Balbina, "Nichtstun".

Maik Brüggemeyer, geboren 1976, hat in Münster Geistes- und Sozialwissenschaftlichen studiert. Seit 2001 arbeitet er beim "Rolling Stone". Er schreibt über Musik, Literatur und Film und veröffentlichte zwei Romane, unter anderem über Bob Dylan. "I've been looking for Frieden" ist sein erstes Sachbuch.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 12.11.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641223687
    Verlag: Penguin Verlag
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I've been looking for Frieden

Einleitung
Es riecht nach gewaschenen Autos, nach Bratkartoffeln und enttäuschter Hoffnung
Wie ein Land sich in seinen Liedern spiegelt

Als Kind ist es einem völlig egal, wo man lebt. Man weiß nichts von Vierteln, Städten, Ländern oder Kontinenten. Mir wurde erst im Alter von sechs Jahren bewusst, dass ich in einem Land zu Hause war, das "Deutschland" hieß, und dass dieses Land eine Vergangenheit hatte, von der man immer noch sprach und die somit wohl noch gar nicht so ganz vergangen war. Denn auf einmal redeten mein Vater und mein Großvater bei jeder Gelegenheit über "die Deutschen" oder "Deutschland", die "deutsche Nationalmannschaft" oder "unsere deutsche Mannschaft", oft in Verbindung mit mysteriösen Ereignissen wie der "Schmach von Córdoba" und dem "Wunder von Bern", dazu fielen Namen wie Fischer, Förster und Müller - einige Kinder in der sogenannten roten Gruppe im Kindergarten, der ich die vergangenen zwei Jahre angehört hatte, hießen ebenfalls so. Es war der Sommer 1982, in Spanien fand die Fußball-Weltmeisterschaft statt.

Ich durfte die erste Halbzeit des Finales im Fernsehen anschauen, weil mein Vater meinte, das sei wichtig. Deutschland spielte gegen Italien. Die Partie begann mit zwei Liedern. Eines klang so leicht und beschwingt wie die Musik, die die Feuerwehrkapelle unseres Dorfes während des Schützenfestumzugs spielte (nur ein bisschen komplizierter), und wurde von den Spielern in den blauen Trikots und weißen Hosen lauthals mitgesungen. Das andere erinnerte mich an die Marschmusik, die mein Großvater manchmal hörte, war schwer und getragen, und niemand sang mit. Das sei die deutsche Nationalhymne, erklärte mein Vater, und Opa meinte, er komme da jedes Mal mit den Strophen durcheinander und singe deshalb auch nie mit.

Ich fand das alles nicht sonderlich interessant; ich mochte das Lied "Skandal im Sperrbezirk" der Spider Murphy Gang, das ich auswendig kannte, aber nicht laut singen durfte, weil meine Mutter meinte, das gehöre sich nicht (warum, erklärte sie mir allerdings nie; ebenso blieb sie die Auskunft schuldig, wer oder was denn diese "Nutten" waren, von denen dort gesungen wurde und die sich vor der großen Stadt "die Füße platt" standen).

Als das Spiel losging, faszinierte mich vor allem der Torwart der Italiener, weil er mich an Mister Spock aus der Fernsehserie Raumschiff Enterprise erinnerte. Außerdem mochte ich einen von "unseren" Stürmern, weil der so lustige O-Beine hatte und wohl deshalb wie der betagte Dackel unserer Nachbarn lief (und seltsamerweise auch so schaute). Mein Vater meinte schon nach einer Viertelstunde, der müsse dringend ausgewechselt werden. Ich fragte ihn, bei welchem Verein mein neuer Lieblingsspieler denn spiele. "Der spielt bei Köln", sagte er und fügte für mich vollkommen unergründlich hinzu: "Ein Geißbock." "Dann bin ich ab jetzt Köln-Fan und auch ein Geißbock", erklärte ich daraufhin, und mein Vater meinte, dass man in unserer Gegend eigentlich Dortmund- oder - "Gott behüte!" - Schalke-Fan sei, dass Köln aber auch in Ordnung wäre.

Von da an schaute ich mir im Fernsehen alles an, was mit Köln zu tun hatte - die Karnevalsumzüge, das volkstümliche Millowitsch-Theater und natürlich die Sportschau , bei der ich jeden Samstag mit "Litti" mitfieberte, so nannte man den kleinen säbelbeinigen Stürmer, dessen vollständiger Name nicht wie der eines meiner Kindergartenfreunde klang, sondern wie eine eigentümliche Mischung aus jenem trottelig-liebenswerten französischen Komiker, den ich so mochte, und dem polnischen Schuster im Nachbardorf. Pierre Littbarski. Er stammte auch gar nicht aus Köln, sondern - wie ich schließlich dem Fußballstickeralbum von Christian aus der 1b entnahm - aus Berlin, West-Berlin, um genau zu sein. West-Berlin (damals im Gegensatz zu Westdeutschland meist mit Bindestrich geschrieben; es war alles sehr kompliziert) war weit weg, und da kam man

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