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Inszenierte Versöhnung Reisediplomatie und die deutsch-israelischen Beziehungen von 1957 bis 1984 von Hestermann, Jenny (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.09.2016
  • Verlag: Campus Verlag
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Inszenierte Versöhnung

In den 1960er-Jahren präsentierten sich deutsche Politiker auf 'privaten Pilgerreisen' in Israel als Vertreter eines moralisch erneuerten Deutschlands. Nach Aufnahme der diplomatischen Beziehungen (1965) belegten die nun offiziellen Reisen den deutschen Anspruch auf 'Normalisierung'; die israelische Regierung dagegen bestand in den Gesprächen auf der besonderen moralischen Verantwortung der Deutschen. Hinter den Kulissen verstanden beide Seiten von Beginn an ihre Wiederannäherung als ein pragmatisches Projekt. Die Studie analysiert umfassend, wie die Wiederannäherung nach dem Zivilisationsbruch der NS-Diktatur in die Rhetorik von Moral und Versöhnung gekleidet wurde.

Jenny Hestermann, Dr. phil., ist wiss. Mitarbeiterin am Fritz Bauer Institut.

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Inszenierte Versöhnung

II. Vorsichtige Kontaktaufnahme und beginnende Kooperation in den 1950er Jahren

Nicht selten herrscht Erstaunen darüber, dass die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel erst im Jahr 1965 aufgenommen wurden. Zu sehr ist im kollektiven Gedächtnis Israels und Deutschlands verankert, dass die ersten Beziehungen persönlicher und wirtschaftlicher Natur bereits kurze Zeit nach der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 angeknüpft worden waren. Auch zwischen deutschen und israelischen Politikern gab es schon früh persönliche Kontakte, die in den 1950er Jahren jedoch größtenteils noch geheim gehalten wurden. In Israel sind aus dieser Zeit die Tumulte und gewalttätigen Proteste im Winter 1951/1952 gegen die Aufnahme von Wiedergutmachungsverhandlungen mit Deutschland in Erinnerung, in Deutschland die auf die Unterzeichnung des Luxemburger Abkommens folgende Empörung in weiten Teilen der Gesellschaft über die Höhe der vereinbarten Zahlungen. 53

Die Debatte um die "Wiedergutmachung" wurde in der Bundesrepublik mit der Frage nach einer Kollektivschuld der Deutschen verbunden. 54 Moralische und politische Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust zu übernehmen lehnte die überwiegende Mehrheit der Gesellschaft ab. Der Philosoph Karl Jaspers unterschied zwischen juristischer, moralischer, politischer und metaphysischer Schuld. 55 Letztere charakterisierte er als Mitverantwortung für das "Übel in der Welt", eine abstrakte Vorstellung, die aufgrund ihres nebulösen Charakters und weil sie ohne konkrete Täter auskommt, im Nachkriegsdeutschland sehr populär war. 56 Es überwog eine Sichtweise, der zufolge eine Gruppe verbrecherischer "Nazis" die deutsche Gesellschaft von außen eingenommen und kontrolliert habe. Konrad Adenauer vertrat in seiner Regierungserklärung im September 1951 zur Aufnahme der Wiedergutmachungsverhandlungen mit Israel hingegen die Auffassung, dass der millionenfache Mord von den Nazis "im Namen des deutschen Volkes" begangen worden sei. 57 In der politischen Realität stellte sich die Frage von politischer und moralischer Schuld einerseits und konkreten materiellen Schulden, die durch Raub, Enteignung, Plünderung von Individuen entstanden waren, andererseits. Die deutschen Politiker versuchten, in den Verhandlungen mit Israel politische und moralische Verantwortung in materiellen Ausgleich umzuwandeln - und damit abzugelten. Aus diesem Grund wurde der Begriff der "Wiedergutmachung" in Israel scharf kritisiert. Denn er transportiere eine - auch im christlichen Sinne - "aufdringliche Versöhnungserwartung", die einen Erwartungsdruck auf die Opfer des Nationalsozialismus ausübe. 58 Stattdessen prägte der israelische Außenminister Moshe Sharett Anfang der 1950er Jahre den Ausdruck "Shilumim", zu Deutsch "Zahlungen", der ohne die kritisierte Konnotation auskam. 59 Nicht alle israelischen Politiker, zu ihnen gehörte auch Regierungschef David Ben Gurion, hielten sich jedoch mit Debatten über die richtige Begriffsfindung auf. So äußerte sich Finanzminister Elieser Kaplan pragmatisch: "Nennen Sie es, wie Sie wollen, solange es Geld ist." 60

Um die im Luxemburger Abkommen vereinbarten Zahlungen und Güterlieferungen ab 1953 bürokratisch abzuwickeln, eröffnete die israelische Regierung in Köln eine konsularische Außenstelle. Die sogenannte Israel-Mission war ein Vorläufer der späteren israelischen Botschaft und mit nur einer Person, dem Juristen Felix Shinnar, besetzt. Ihre Existenz und ihren genauen Ort hielten deutsche Offizielle aus Angst vor Anschlägen, so gut es ging, geheim. 61
Die israelische G

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