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Weltmeister im Schatten Hitlers Deutschland und die Fußball-Weltmeisterschaft 1954 von Brüggemeier, Franz-Josef (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.07.2014
  • Verlag: Klartext Verlag
eBook (ePUB)
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Weltmeister im Schatten Hitlers

Auf dem Weg zur Fußball-WM in der Schweiz schenkte kaum jemand der deutschen Nationalmannschaft Beachtung. Doch als die Spieler am 5. Juli als Weltmeister zurückkehrten, stand Deutschland Kopf. Der Titelgewinn löste ungeheure Begeisterung aus, warf aber auch die Frage auf, wie diese zu bewerten war. Dazu waren die Schreckenstaten des Nationalsozialismus und die Erlebnisse des Krieges noch zu frisch. Das Buch behandelt Vorgeschichte, Verlauf und Nachwirkungen der Ereignisse und zeigt, wie eng politische, sportliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte zusammenhingen. Es schildert die Spiele in der Schweiz, die eine immer größere Spannung aufbauten, und beschreibt die Bundesrepublik im Frühsommer vor 60 Jahren, geprägt durch Armut und Wirtschaftswunder, Unsicherheit und Triumph, die Suche nach Vermissten, Prozesse gegen Kriegsverbrecher und mühsame Schritte zurück in die internationale Gemeinschaft. Überall war zu spüren, wie sehr der Nationalsozialismus nachwirkte und wie schwer es fiel, zur 'Normalität' zurückzukehren. Die Erlebnisse im Frühsommer 1954 faszinieren bis heute. Doch sie bewirkten weniger Veränderungen, als ihnen zugeschrieben werden. Der Titelgewinn bedeutete nicht die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik und schuf auch keine neue Nation. Doch zumindest für einen Moment ermöglichte er intensive Erfahrungen von Gemeinschaft, die über den traditionellen Nationalismus hinauswiesen und das Sommermärchen von 2006 vorwegnahmen.

Franz-Josef Brüggemeier ist Hochschullehrer für Geschichte an der Universität Freiburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 316
    Erscheinungsdatum: 31.07.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783837513110
    Verlag: Klartext Verlag
    Größe: 1937 kBytes
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Weltmeister im Schatten Hitlers

Einleitung

Die Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer 1954 begann für die deutsche Mannschaft ganz unspektakulär. Am 11. Juni, sechs Tage vor dem ersten Spiel gegen die Türkei, reiste sie mit dem Zug von Karlsruhe in die Schweiz. Auf den Bahnhöfen, so in Freiburg, versammelten sich einige Fans, die alles Gute wünschten, und in Basel fand ein herzlicher Empfang statt. Doch von einem Weltmeisterschaftsfieber, einer allgemeinen Begeisterung oder einer ausufernden Berichterstattung in den Medien kann keine Rede sein. Das gilt auch für die Schweiz, wo das Interesse an dem bevorstehenden Turnier erst allmählich zunahm. Andere Ereignisse fanden größere Aufmerksamkeit, so der gerade stattfindende Giro d'Italia, den der Schweizer Carlo Clerici anführte und zwei Tage später gewinnen sollte, die Debatte um das Frauenstimmrecht oder der am 20. Juni bevorstehende Volksentscheid über den Befähigungsnachweis im Handwerk.

Entsprechend ruhig setzte die deutsche Delegation, zu der gerade einmal zweiundzwanzig Spieler, ihr Trainer Sepp Herberger und weitere sechs Begleiter gehörten, die Reise fort. Per Bus ging es nach Bern, um das Wankdorfstadion in Augenschein zu nehmen, da dort das Spiel gegen die Türkei angesetzt war. Anschließend fuhr die Mannschaft weiter und traf spät am Abend im Hotel Belvedere in Spiez ein, einem kleinen Ort am Thuner See im Berner Oberland. Das Hotel, das Reporter als 'behaglich eingerichtet' beschrieben, gehörte dem Verband der Schweizer Metzgermeister.

Im Souterrain befand sich eine Fachschule, gleich nebenan ein Schulgarten mit feinen Gemüsen und Salaten. Ansonsten gab es wenig Aufregendes zu vermerken. Das Hotel lag in einem großen Park, umgeben von weiten Wiesen und einige Schritte vom See entfernt. Dort befand sich ein Badestrand und - wichtiger für Herberger - ein stiller Uferweg für das Konditionstraining. Die Mannschaft war in einem Idyll angekommen. Genau deshalb hatte Albert Sing, ein ehemaliger Nationalspieler, das Hotel in Absprache mit dem Bundestrainer ausgesucht. Für die drei Wochen der Weltmeisterschaft sollte die Mannschaft von allem Trubel ferngehalten werden, sich in Ruhe auf die Spiele vorbereiten und vor der ersten Begegnung noch ein hartes Training absolvieren, um den Strapazen des bevorstehenden Turniers gewachsen zu sein.

Diese Erwartung ging weitgehend auf, wenngleich sich bereits am Samstag erste Reisebusse mit deutschen Touristen vor dem Hotel einfanden, um die Mannschaft zu sehen und Autogramme zu erhalten. Ihre Zahl hielt sich jedoch in Grenzen, ebenso wie die der begleitenden Journalisten. Auch Fan-Post ging kaum ein. Einer der wenigen Briefe, die Herberger in den ersten Tagen erhielt, kam aus Templin in der DDR, ein kleiner Ort im Landkreis Uckermark, nordöstlich von Berlin. Abgeschickt hatte ihn ein fünfzehnjähriger Jugendlicher, der ebenso wie sein Vater ein begeisterter Fußballanhänger war. Der Vater verbüßte eine langjährige Freiheitsstrafe in der berüchtigten Haftanstalt Bautzen und hatte beim letzten Besuch "sehnsüchtig nach den Aussichten unserer N.-Elf in der Schweiz gefragt". Auch in seinem Namen äußerte der Sohn eine große Bitte: "Können Sie mir, Herr Herberger, von der Weltmeisterschaft eine Karte von Ihnen und den Spielern unterschrieben senden." Er wisse bestimmt nicht, "welche Freude damit viele Kilometer entfernt, nicht weit von der Oder entfacht wird". 1 Als die Karte einige Wochen später eintraf, war die Freude kaum noch zu bremsen, denn in der Zwischenzeit war etwas ganz Unerwartetes passiert: Die deutsche Mannschaft war Weltmeister geworden.

Hotel Belvedere in Spiez

Die geringe Fanpost und die große Ruhe in Spiez dürfen keinen falschen Eindruck erwecken. Fußball war zur Zeit der Weltmeisterschaft die bei weitem populärste Sportart in Deutschland, und nicht nur der Verfasser des gerade gen

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