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Irgendwie wie früher Als mein Vater mit 95 bei mir einzog von Cunningham, Tessa (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.05.2014
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Irgendwie wie früher

Es ist 5 Uhr früh: Wie jeden Tag, seitdem Dad bei ihr eingezogen ist, schallt der Seewetterbericht aus dem Radio durch das Haus. Schließlich pflegt man auch mit 95 seine lieben Gewohnheiten... Ob es eine gute Idee war, Jim zu sich zu nehmen, bezweifelt Tessa noch: Erst der Brustkrebs, dann die Scheidung von Richard und nun der Auszug der ältesten Tochter - hat Tessa überhaupt die Kraft, sich um ihren Vater zu kümmern? Doch seine schrullige Art und seine schonungslosen Lebensweisheiten tun ihr gut. Schon bald heilen alte Schmerzen und neue Lebensfreude kommt auf.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 286
    Erscheinungsdatum: 16.05.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783838753409
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Originaltitel: Take Me Home
    Größe: 1157 kBytes
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Irgendwie wie früher

VORWORT

A ls ich den drückend heißen Raum betrat, spürte ich, wie mir der Schweiß ausbrach. Ich setzte ein Lächeln auf und stellte mich auf die Menschen ein, die ich gleich treffen würde. Zum Beispiel Minnie, die auf mich zukommen, mir eine Malteser-Schokokugel in die Hand drücken und dann aufgeregt erzählen würde, dass ich sie morgen nicht mehr antreffen würde, denn sie dürfe nach Hause. Ich würde nicken trotz des Wissens, dass sie auch am nächsten Tag in dem grünen Sessel sitzen würde. Und ich würde wieder so tun, als ob ich mich für sie freue.

Dann war da noch Aggie, die mich fragen würde, ob ich heute Nacht Dienst hatte. Egal was ich antwortete, fünf Minuten später würde sie noch einmal fragen. Und Geoff, der mir immer mit düsterer Stimme zuflüsterte, dass Diebe unterwegs seien und ich auf meine Schuhe achten solle. In die Versuchung, meine Schuhe auszuziehen, bin ich noch nie gekommen. Das mag mit den klebrig wirkenden Bodenfliesen zu tun haben. Aber ich hatte bisher nicht die Energie, ihm das zu erklären.

Gladys eitrige Beine waren so geschwollen, dass ich ihren Anblick kaum ertrug. Sie konnte nicht sehr weit gehen oder sich schnell bewegen, aber sie lächelte immer fröhlich und rief: "Guten Morgen!", egal zu welcher Tageszeit.

Und dann Dad. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was er über dieses ganze Szenario dachte. Ehrlich gesagt, traute ich mich nicht ihn zu fragen, weil auch ich nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Noch vor ein paar Monaten hatte Dad ein völlig normales, unabhängiges Leben in seiner eigenen, blitzblanken Wohnung geführt. Er kochte für sich, wusch selbst seine Wäsche, und seine makellosen Kleider waren Beweis genug, dass er immer noch ein Fachmann am Bügeleisen war. Jede Woche löste er das Kreuzworträtsel in der Sunday Times und weigerte sich verbissen aufzuhören, bevor jedes Kästchen ausgefüllt war. Unter Einschlaflektüre verstand er Dickens und Shakespeare. Weil ich nur zwei Straßen weiter wohnte, schaute ich alle paar Tage bei ihm rein, und sonntags kam Dad immer zu uns zum Essen, aber darauf beschränkte sich der Kontakt zwischen uns auch schon.

Mit seinen 95 Jahren machte ihm lediglich seine Arthritis im Knie zu schaffen. Ihretwegen hatte er das Golfspielen aufgeben müssen und auch den Tanztee – ein Hobby, das er mit 86 begonnen hatte, nachdem Mutter gestorben war und sich ihm ein ganz neues Leben auftat. Trotzdem ging er immer noch jeden Tag zur Bushaltestelle – wenn auch am Stock – und fuhr in die Stadt, wo er sich einen Kaffee und ein Stück Sahnetorte im Café von Marks & Spencer genehmigte. Seine Zähigkeit und seine Lebensfreude hatten mich glauben lassen, dass es einfach immer so weitergehen würde. Deshalb war ich genauso schockiert wie er selbst, als Dad im Juni 2010 auf dem kurzen Weg von der Küche zu seinem Sessel mit der Kaffeetasse in der Hand stürzte.

Er landete auf dem Hintern und konnte nicht mehr aufstehen. Zum Glück trug er den Notfallpiepser, den er sich erst kürzlich angeschafft hatte, um den Hals. Er drückte ihn und die Telefonzentrale rief ihm einen Krankenwagen.

Ich spazierte gerade durch die Straßen von Paris und überlegte, in welchem Restaurant ich heute speisen sollte, als mein Handy klingelte und ich plötzlich Sandra an der Strippe hatte, eine Sanitäterin. Dad lag auf einer Rettungstrage und sollte ins Krankenhaus gebracht werden. Ich versuchte, ein paar Fragen zu stellen, aber die Verbindung war schlecht und ich ohnehin viel zu überrascht, um die Antworten zu verstehen. Aber selbst in meinem benebelten Zustand klangen ihre Worte "Vielleicht hat er sich die

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