text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Lysippus und seine Freunde Liebesgaben und Gedächtnis im Rom der Renaissance oder: Das erste Jahrhundert der Medaille von Pfisterer, Ulrich (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.11.2012
  • Verlag: Walter de Gruyter GmbH & Co.KG
eBook (PDF)
94,95 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Lysippus und seine Freunde

Anfang des Jahres 1474 verstarb der sechzehnjährige Alessandro Cinuzzi, Page am Hof des Papstneffen Girolamo Riario. Sein Freundeskreis - führende Humanisten, Kurienbeamte und Künstler - bedachte daraufhin den Jüngling mit zwei exzeptionellen Gedächtnis- und Liebesgaben: einer gedruckten Sammlung von Memorial- und Trostgedichten, der ersten in diesem Medium überhaupt, und der größten bis dato in Umlauf gebrachten Medaille. Ausgehend von der mikrohistorischen Analyse dieses erstaunlichen Falles zielt das vorliegende Buch auf die umfassenden Zusammenhänge, Funktionen und Bedeutungen von Kunstwerken und Schriften im Kontext von homosozialer Freundschaft, Geschenk-Austausch, (Toten- bzw. Freundes-) Gedächtnis sowie forcierter humanistischer Gelehrsamkeit und Geistesarbeit - vier für die Kultur der Frühen Neuzeit zentrale Bereiche, deren vielschichtiges Zusammenspiel mit den Bildkünsten erst ansatzweise erschlossen ist. Liebe und Freundschaft, Gedächtnis und ingenium geben sich so als die fundamentalen Kategorien einer zirkulierenden, humanistisch geprägten Bilderwelt zu erkennen. In diesem performativen Gaben-Kontext übernehmen Objekte wie Medaillen, Zeichnungen, Maioliken, Impresen usw. eine zentrale Rolle. Die Untersuchung zeigt exemplarisch am neuen Medium Medaille deren ursprüngliche Hochschätzung und deren ‚Wahrnehmungs-Code' auf; zugleich kann mit der Schaumünze für Alessandro Cinuzzi das Leben und Werk des bedeutendsten römischen Medailleurs der 1470er Jahre, bislang nur unter seinem Pseudonym Lysippus d.J. bekannt, rekonstruiert werden.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 497
    Erscheinungsdatum: 12.11.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783050061337
    Verlag: Walter de Gruyter GmbH & Co.KG
    Größe: 41938 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Lysippus und seine Freunde

" Michelangelos Gaben Epilog (S. 377-380)

Alles bislang mit Blick auf Hermes Flavius, Alessandro Cinuzzi und die Situation im Rom des späteren 15. Jahrhunderts Gesagte läßt sich mit nur leichter Perspektiv-Verschiebung auch als Vorgeschichte zu den homoerotischen Liebesgaben des Michelangelo Buonarroti im Rom des 16. Jahrhunderts verstehen oder anders formuliert: Mußten Michelangelos Kunst-Geschenke an Jünglinge bislang als weitgehendes Novum erscheinen, so gewinnen sie jetzt erst ihren eigentlichen Kontext wieder. Mehr noch: Nicht nur Michelangelos Zeichnungsgeschenke, sondern überhaupt sein Kunstverständnis, seine Dichtung und seine Selbststilisierung können geradezu als resümierende Zusammenfassung aller hier bislang verfolgten, im Italien der Renaissance kursierenden Gedanken zu Liebe, Freundschaft, Gedächtnis, Geschenken, Kunst und selbst Medaillen gelten. Nur zu alten Münzen dies in Parenthese dürfte Michelangelo in seinen letzten Lebensjahren ein zwiespältiges Verhältnis entwickelt haben, nachdem er 1563 unter dem Verdacht festgenommen und verhört worden war, am Unterschlag eines Schatzfundes im Weinberg des Orazio Muti beteiligt gewesen zu sein eine Verwechslung, die Michelangelo im übrigen mit schlagfertigen Antworten gegenüber dem Richter quittierte und die durch seine einflußreichen Freunde und Gönner schnell aufgeklärt wurde.

In welcher Hinsicht nun bietet Michelangelos Denken und Kunst eine Zusammenfassung ? Michelangelo als neuer Phidias seiner Zeit gefeiert, auch darin ähnlich unserem Hermes, dem jüngeren Lysippus unterhielt zu seinen wichtigsten geliebten Jünglingen der 1520er bis 1540er Jahre, zu Gherardo Perini, Andrea Quaratesi, Febo di Poggio, Cecchino Bracci und Tommaso de Cavalieri, Verhältnisse, die in vielerlei Aspekten die Beziehung von Hermes Flavius zu Alessandro Cinuzzi variierend aufgreifen: Zunächst sind von Michelangelo, dem notorischen Feind jeder Form des Porträts und dessen durch die Naturnachahmung zwingend bedingten Deformation des Idealen, als Ausnahmen nur eine hochgradig ausgearbeitete Selbstbildnis-Zeichnung (?) und zwei weitere Porträts des Andrea Quaratesi und Tommaso de Cavalieri bezeugt, wobei von den beiden letzteren nur dasjenige des Quaratesi überliefert scheint (Abb. 163). Kein anderer noch so hochgestellter Auftraggeber erlangte je die Gunst eines solchen gezeichneten Konterfeis von der Hand des divino. Diese entstanden (mit den Worten Michelangelos) ausschließlich per amore e non per obrigio"". Und als am 6. Januar 1544 überraschend der fünfzehnjährige Cecchino Bracci verstarb, dem angeblich die doppelte Liebe Michelangelos und des einflußreichen Onkels und Michelangelo-Freundes Luigi del Riccio gegolten hatte, klagte Michelangelo gar in dichterischer Form, nicht rechtzeitig die Schönheit des Jünglings im Porträt festgehalten zu haben. Allerdings könne er im Nachhinein zur Not auch Luigi als Modell für ein solches nehmen, denn gut platonisch gedacht transformiere sich ja das Antlitz des einen Liebenden in das des anderen. Der Meister lieferte schließlich den Entwurf für ein Grabmal des Cecchino in S. Maria Aracoeli in Rom sowie eine Sammlung von 50 vierzeiligen Epitaphien , die offenbar ursprünglich in die Gedichtsammlung verschiedener Autoren zum Tode Cecchinos eingehen sollte eine Sammlung, die Luigi unter seinen Freunden ver- anlaßte und redigierte , wobei Michelangelos Gedichte dann aber offenbar als getrennter und eigenständiger Beitrag belassen wurden.

Zu ihren Lebzeiten freilich bedachte Michelangelo die geliebten Jünglinge und insbesondere Tommaso de Cavalieri mit Gedichten, teils mit Vorlage-Blätter für ihren Zeichenunterricht, vor allem aber auch mit einer neuen Form von vollkommen ausgearbeiteten, als eigenständige Kunstwerke gedachten Geschenk-Zeichnungen ."

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen