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Rilke und Rodin Die Geschichte einer Freundschaft von Corbett, Rachel (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.10.2017
  • Verlag: Aufbau-Verlag
eBook (ePUB)
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Rilke und Rodin

Eine inspirierende Freundschaft in Zeiten des Umbruchs. Rachel Corbett erzählt mitreißend und berührend erstmals die Geschichte einer großen Künstlerfreundschaft, die 1902 in Paris beginnt. Der Bildhauer Rodin wird zur Vaterfigur für den jungen Rilke, es folgen ein dramatisches Zerwürfnis und eine bewegende Versöhnung. In dieser wechselhaften Beziehung zweier herausragender Künstlerpersönlichkeiten spiegelt sich die aufstrebende künstlerische Moderne Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Jahr 1902 bekommt der mittellose und unter einer Schreibblockade leidende Rainer Maria Rilke das Angebot, nach Paris zu gehen, um dort ein Buch über Auguste Rodin zu schreiben. Rilke nutzt die Gelegenheit, ist er doch auf der Suche nach einem künstlerischen Vorbild. So beginnt die ungleiche Freundschaft zwischen dem sechzigjährigen Bildhauer und dem jungen Dichter, die zugleich der Entwurf eines extraordinären Künstlerlebens ist, denn Rodin hat großen Einfluss auf Rilke und dessen Schaffensprozess, der sich ganz neu entfaltet. Rachel Corbett gelingt es, vor dem Hintergrund der aufstrebenden künstlerischen Moderne ein vielschichtiges und faszinierendes Panorama der damaligen Zeit zu entwerfen, für die die Freundschaft zwischen Rodin und Rilke exemplarisch steht. 'Eine einfühlsame, originelle und gründlich recherchierte Biographie über die Freundschaft zwischen zwei der größten Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts.' The New Yorker. Rachel Corbett ist Redakteurin des Modern Painters Magazine. Sie schreibt für The New Yorker, New York Times, the BBC, New York Magazine. Sie lebt in Brooklyn.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 400
    Erscheinungsdatum: 09.10.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841213952
    Verlag: Aufbau-Verlag
    Originaltitel: You must change your life. The Story of Rainer Maria Rilke and Auguste Rodin
    Größe: 13648 kBytes
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Rilke und Rodin

Eins

Jeder Künstler muss sehen lernen. Doch für Auguste Rodin war dieses Erfordernis buchstäblich zu verstehen. Mit zusammengekniffenen Augen blinzelte er sich fünf Jahre lang durch die Internatsschule, bevor er erkannte, dass die verschwommenen Bilder an der Tafel auf seine Kurzsichtigkeit zurückzuführen waren. Statt vor sich hin zu starren, ohne etwas zu sehen, schaute er oft aus dem Fenster, wo sich ihm ein überwältigender Anblick bot: die große Kathedrale Saint-Pierre von Beauvais, einem uralten Städtchen in Nordfrankreich.

Einem Kind musste sie als Monster erscheinen. Das Meisterwerk der Gotik, mit dessen Bau man im Jahre 1225 begonnen hatte, war als die höchste Kathedrale Europas geplant, deren pyramidenförmige Turmspitze einmal die Höhe von 150 Metern erreichen sollte. Aber nach zwei Einstürzen in drei Jahrhunderten gaben die Architekten 1573 schließlich auf. Was sie zurückließen, war immer noch Respekt einflößend genug: ein Kartenhaus aus Stein, Glas und Eisen.

Viele Dorfbewohner gingen achtlos vorüber, ohne die Kathedrale eines Blickes zu würdigen. Wenn überhaupt, dann nahmen sie wohl unbewusst deren enorme Ausmaße wahr. Dem jungen Rodin war sie jedoch ein Fluchtort vor dem unergründlichen Schulstoff und zugleich eine Vision, die immer wieder seine Neugier weckte. Ihre religiöse Funktion interessierte ihn nicht, vielmehr waren es die Geschichten, von denen ihre Mauern kündeten, die rätselhafte Dunkelheit in ihrem Inneren, die Linien, Bogen, Licht- und Schattenspiele, so harmonisch ausgewogen wie der Körperbau des Menschen. Ihr Rückgrat bildete das langgezogene Mittelschiff, das eine gerippte Decke abschloss, Strebebogen öffneten sich wie Flügel oder Arme, und in der Mitte hatte sie eine Kammer als Herz. Wenn die vom Ärmelkanal heranbrausenden Stürme an ihren Stabilisierungspfeilern rüttelten, dann erinnerte das Rodin daran, wie auch der menschliche Körper permanent das Gleichgewicht zu halten sucht.

Zwar lag es weit jenseits der Fähigkeiten des Jungen, die architektonische Logik des Gebäudes zu durchschauen, aber als er 1853 von der Internatsschule abging, begriff er, dass er seine eigentliche Bildung von der Kathedrale erhalten hatte. Wieder und wieder besuchte er sie in späteren Jahren, studierte "mit erhobenem, nach hinten geneigten Kopf" 2 ihr Äußeres und stellte sich die Geheimnisse vor, die sie in ihrem Inneren barg. Er gesellte sich den Gläubigen im Gebet zu, aber nicht, weil dies ein Gotteshaus war. Die Form selbst, so meinte er, ließ die Menschen auf die Knie sinken und beten.

François Auguste René Rodin wurde am 12. November 1840 in Paris geboren. Es war eine bedeutsame Zeit für die Zukunft der französischen Kunst, denn auch Émile Zola, Odilon Redon und Claude Monet erblickten in diesem Jahr das Licht der Welt. Doch diese Keime der Belle Époque sprossen aus einem sehr trockenen, konservativen Boden. Von der Großen Französischen Revolution und der industriellen Revolution erschüttert, war Paris in der Herrschaftszeit von König Louis-Philippe die Stadt der Sittenlosigkeit und Armut, wie sie in Werken wie Die Blumen des Bösen und Die Elenden beschrieben worden ist. Neue Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie lockten Tausende Migranten an, aber der Stadt fehlte es an der notwendigen Infrastruktur. Die Neuankömmlinge drängten sich in den Unterkünften, wo sie Betten, Essen und Keime miteinander teilten. Die überlaufende Kanalisation bot Mikroben einen üppigen Nährboden, und in den engen mittelalterlichen Gassen wüteten Krankheiten. Als Cholera und Syphilis sich ausbreiteten, ließ eine Weizenknappheit die Brotpreise in die Höhe schießen, wodurch die Kluft zwischen den Armen und der Großbourgeoisie historische Ausmaße annahm.

Da die Stadt sich mühte, all die Bettler, Prostituierten und ungewollten Kinder zu registrieren, gab es für Rodins Vater als Polizeibeamter Arbeit im Überfluss. Wie der umstrittene In

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