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Figuren der Liebe Diskurs und Dichtung bei Paul Valéry und Catherine Pozzi von Bung, Stephanie (eBook)

  • Verlag: Wallstein
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Figuren der Liebe

Im Sommer 1920 begegnen sich Catherine Pozzi und Paul Valery zum ersten Mal. Paul Valery hat gerade sein berühmtes Gedicht Le Cimetiere marin veröffentlicht und Catherine Pozzi schreibt an einer literarisch-philosophischen Abhandlung über die Wahrnehmung. Die Liebe der beiden hinterläßt ihre Spuren nicht nur in Tagebüchern und persönlichen Aufzeichnungen, sondern spiegelt sich auch in den formvollendeten Versen, die Valery und Pozzi zugleich für ein öffentliches Publikum geschrieben haben. Die Gedichte eröffnen einen intertextuellen Resonanzraum von Liebe und Lyrik, dessen Auslotung sich nicht in der Frage erschöpft, wie es wirklich gewesen ist. In einer konstruktiven Auseinandersetzung mit dem Diskursbegriff Roland Barthes' und unter Einbeziehung umfangreichem unveröffentlichten Materials zeichnet Stephanie Bung zunächst den discours amoureux in den Cahiers Valerys und im Journal Pozzis nach. Ausgehend davon, daß sich Literatur und Leben nicht nur mit dem Ziel der Vereindeutigung aufeinander beziehen lassen, gelangt sie so über die Figuren einer einzigartigen Liebe zu einer exemplarischen Lektüre der Stimmenvielfalt im Gedicht.

Produktinformationen

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Figuren der Liebe

"Ich verstehe dich": Die Identifikation mit dem anderen Denken (S. 93-94)

Verstehen zwischen Utopie und Illusion

Die Figur des Verstehens im Liebesdiskurs des Paares Pozzi/Valéry gründet nachhaltig auf der Figur der Vereinigung, die Valéry auf die griffige Formel Tu Sum gebracht hat: "[...] et il demeure de cet instant, une sorte de présence sensitive de l'un dans l'autre, et de souvenir d'une compréhension silencieuse [...]." (C,VIII,593) Angesichts der tautologischen Struktur des discours amoureux ist das Ineinandergreifen der Figuren, wie es sich hier in dem Denkbild an "B" manifestiert, nicht weiter verwunderlich. Der Figurenreigen beginnt bereits in den ersten Tagen der Beziehung.

Die an sie gerichtete Frage Valérys: "Puis-je être plusieurs? " bestärkt Catherine Pozzi in ihrer Hoffnung, daß nicht nur sie sich in den prophetischen Versen des Cimetière Marin wiedererkennt, sondern daß das Gefühl der Übereinstimmung auf Gegenseitigkeit beruht: "Je sais bien ce que je puis vous répondre, ô mon miracle, et vous le lirez. Peutêtre qu'alors je serai morte. Mais vous le lirez, et de cette encre violette même, sous vos yeux qui ne m'ont jamais regardée."

(J,135) Diese etwas hermetischen Sätze vertraut Pozzi ihrem Journal an, nachdem sie von Valéry den Brief mit den entscheidenden Fragen "Puisje être plusieurs? Suis-je le seul? Suis-je compatible avec le nombre?" erhalten hat.125 Die Rede von der Antwort wird verständlich, wenn man weiß, daß es sich hierbei um ein Manuskript von De Libertate handelt, das sie ihm zu zeigen gedenkt. Ermutigt durch seine Fragen händigt Pozzi ihrem Freund diese für sie eminent wertvollen Gedanken aus: " "Suis-je le seul? Puis-je être plusieurs?" C'est à présent que je suis votre prisonnière, puisque vous tenez deux feuilles du De Libertate entre vos mains."

( J,135) Zur Vollendung des Szenarios der Liebe, wie es Pozzi hier imaginiert, scheint es nur noch ein kleiner Schritt: nach der Offenbarung durch seine Verse, die spiegelbildliche Offenbarung durch ihren Text. Sie stilisiert diesen Augenblick zu einer Frage auf Leben und Tod – und pokert zu hoch. Denn die ersehnte Reaktion Valérys bleibt aus, der andere spielt nicht die Rolle, die sie ihm in diesem Drama zugedacht hat. Fast zehn Tage wartet Pozzi auf eine Antwort, dann muß sie sich eingestehen: Vous ne m'avez pas répondu. [...] Il n'est pas possible que vous n'ayez pas compris la pensée de votre pensée. Cependant, vous me refusez. [...] Je sens le dur obstacle, le mur haut dressé, comment, pourquoi? [...] J'accepterai que vous me refusiez parce que je crois en vous. (Si ce n'était cela, je vous détruirais si vite en mon âme que vous n'y laisseriez pas un reflet humain.) ( J,136)

Das Leben hält sich nicht an das Skript, und die konsequente Weiterentwicklung der Szene wäre das Ende einer Liebe. Denn die Konfrontation mit einem Text, der für Pozzi Ausdruck ihres Selbst ist, löst bei Valéry offensichtlich kein Wiedererkennen aus: "Je sens le dur obstacle, le mur haut dressé, comment, pourquoi?" Doch der zu erwartende Bruch wird nicht vollzogen: "J'accepterai que vous me refusiez [...]". Pozzi deutet ihn lediglich an, nicht zuletzt, um ein Minimum ihrer Ehre zu retten, die sie im Zuge ihrer Imagination aufs Spiel gesetzt hat: "(Si ce n'était cela, je vous détruirais si vite en mon â

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