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Die Novelle der Neorenaissance zwischen 'Gründerzeit' und 'Untergang' (1870-1945) Reflexionen im Rückspiegel von Füllmann, Rolf (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.04.2016
  • Verlag: Tectum Wissenschaftsverlag
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Die Novelle der Neorenaissance zwischen 'Gründerzeit' und 'Untergang' (1870-1945)

Die Novelle der Neorenaissance ist eine selbstständige Untergattung in der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts und steht hier modellhaft für ihr Genre. Altitalienische Vorbilder greift sie auf und variiert sie gattungsästhetisch im Sinne einer historistischen Moderne. Die jeweils aktuellen Probleme, etwa im Bereich der Gender-Identitäten oder der allgemeinen Politik von der bürgerlichen Emanzipation bis hin zum Faschismus, werden reflektiert und in die Vergangenheit der Renaissance projiziert. Dabei liefert die Neorenaissance stets die Instrumente zu einer spiegelnden Selbstästhetik bürgerlicher Identitätskonstruktion. Rolf Füllmann zeichnet diese Entwicklung von der Gründerzeit um 1871 bis zum verdeckten Schreiben in und unmittelbar nach dem Dritten Reich nach. Neben der Wiederentdeckung von einst viel beachteten AutorInnen wie Paul Heyse, Isolde Kurz und Gertrud von le Fort leistet Füllmann auch eine historische Re-Kontextualisierung der Werke von Conrad Ferdinand Meyer, Thomas und Heinrich Mann sowie Arnold Zweig in den Renaissance-Diskurs.

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Die Novelle der Neorenaissance zwischen 'Gründerzeit' und 'Untergang' (1870-1945)

2 Der Diskurs der Neorenaissance - die Neorenaissancenovelle als Ernstfall der Novellengattung

2.1 Die 'Renaissance der Renaissance' und Jacob Burckhardt als ihr Diskursivitätsbegründer

Die Novelle ist wie das Sonett eine genuine Gattung der Epoche, die man als Renaissance bezeichnet. Mit der 'Renaissance der Renaissance' im 19. Jahrhundert entwickelte sich indes die Neorenaissancenovelle als eine gleitende Mimikry der Renaissancenovelle, die Formen und Inhalte aus der Anfangszeit der Gattung zitierte und variierte. Meist war damit inhaltlich historistische Sinnstiftung durch Vorbilder aus der Renaissance beabsichtigt. Im Falle Conrad Ferdinand Meyers handelt es sich jedoch eher um eine grundlegende Renaissancekritik. Seine diegetische Methodik ist jedoch formal diskurs- und gattungsspezifisch. Conrad Ferdinand Meyer wollte beispielsweise ursprünglich seine Novelle 'Plautus im Nonnenkloster' (1882) zumindest im Untertitel als eine "Facetie des Poggio" 54 bezeichnen. Sie sollte mithin nach einer Nebengattung der altitalienischen Novelle benannt werden, obwohl der Autor "sich mit diesem Stoff weitgehend auf eigenem Grund" 55 bewegte und keineswegs konkretes Material Poggios adaptierte. Hier zeigt sich die Mimikry-Technik der Neorenaissance-Novellistik. Die Renaissanceliteratur wird in der Neorenaissance nicht nur simuliert, sie wird im vorliegenden Fall auch mit dem Namen eines Renaissanceautors belegt, der bei Meyer als Rahmenerzähler gestaltet wird, obwohl Meyer und nicht Poggio den Inhalt der Erzählung erfunden hat. Eine Fiktion wird als Dokument ausgegeben. Originalität war in der Neorenaissance nicht die höchste Tugend. Man suchte Modelle und Meister. Dabei bestand die Gefahr, dass Bildungsinhalte durch die novellistische Neorenaissance nur simuliert wurden, ähnlich wie die vorgefertigten ornamentalen Stuckformen an den allgegenwärtigen Hausfassaden der Neorenaissance die Originale der Renaissance massenhaft nachmodellierten (Abb. 3). Hier trifft sich die Architektursemiotik mit der Semiotik der novellistischen Bauformen des Erzählens.

Da man die Gattungsmuster für die zeitgenössische Novellenproduktion unter den Novellen der Renaissance vermutete (was sich etwa am Boccaccio-Falken bei Heyse zeigt), kann die Neorenaissancenovelle als die forciert genretypische Novelle verstanden werden: Sie ist stofflich bevölkert von leidenschaftlichen Renaissancemenschen, die vor italienisch-südlicher Kulisse agieren; sie ist historistisch drapiert und sie bedient sich auf formaler Ebene bevorzugt aus der Requisite tradierter Novellenelemente wie Rahmung, Zentralmotiv ('Falke'), Wendepunkt und Silhouette. Die Doppeldeutigkeit des Begriffs der Renaissancenovelle, der einerseits Novellen aus der Renaissance, andererseits Novellen über die Renaissance bezeichnen kann, ist dabei kein Zufall.

Eines darf jedoch nicht übersehen werden: Die Menschen der Renaissance wussten gar nicht, dass sie in der Renaissance lebten. Dieser Begriff wurde durch den Historismus, 56 der auch die Neorenaissancenovelle hervorbrachte, erst geprägt. Selbst der Epochenbegriff basiert mithin auf einer Fiktion. Mit seiner Entfaltung im 19. Jahrhundert, das als Säkulum stilgeschichtlich "nicht zur Selbstgestaltung und Selbstdarstellung durchgedrungen" 57 ist, bildet sich die Neorenaissance als Diskurs und in Folge als vielgestaltiges, aber aus vergangenen Jahrhunderten adaptiertes Symbolsystem in den unterschiedlichsten stilprägenden Medien aus. Diese reichen von der Malerei, im deutschsprachigen Raum z. B. von Hans Makart (1840-1884), Carl von Piloty (1826-1886) 58 und Anton von Werner (1843-1915), über die Architektur und das mitunter in "Schönheitsgeschäften" (Thomas Mann) feilgebotene Interieur bis zur Schönen Literatur. Die zeitgenössische Ausgestaltung der Lebens-, aber auch der Literaturwelt nach his

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