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Heinrich Heine Die Erfindung des europäischen Intellektuellen - Biographie von Hosfeld, Rolf (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.09.2014
  • Verlag: Siedler
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Heinrich Heine

Der entlaufene Romantiker. Die große neue Biographie Heinrich Heines Er nannte sich selbst einen "entlaufenen Romantiker", entwickelte ein fast absolutes Gehör für die Dissonanzen seiner Zeit und lockerte, wie Karl Kraus bemerkte, "der deutschen Sprache das Mieder" - Heinrich Heine hat als Erster die Kluft zwischen Poesie und Leben überwunden. Doch er war zugleich auch der erste wahrhaft europäische Intellektuelle. Und ist dadurch, wie Rolf Hosfeld zeigt, auf überraschende Weise wieder unser Zeitgenosse geworden. In der Epoche aufkeimender Nationalbewegungen besaß Heine ein feines Sensorium für den gar nicht so feinen Unterschied zwischen republikanischem und altdeutschem Nationalismus. Er richtete als Erster ein waches Auge auf die dunklen Energien eines drohenden Populismus und pflegte eine ganz eigene Unterscheidung von "Kultur" und "Zivilisation" jenseits der üblichen Völkerklischees. Er kultivierte einen elegant-ironischen Umgang mit deutschem Ressentiment und Tiefsinn - und beleidigte in all dem die deutsche Leitkultur. Rolf Hosfeld, erfolgreicher Biograph und einer der besten deutschen Heine-Kenner, zeigt uns, wie Heines außergewöhnliches Leben und Werk gleichsam den Typus des europäischen Intellektuellen begründet hat. Rolf Hosfeld, geboren 1948, promovierte über Heinrich Heine, arbeitete als Dozent, Verlagslektor, Redakteur, Feuilletonchef der Wochenzeitung "Die Woche", Film- und Fernsehproduzent und Regisseur sowie Chefredakteur der Buchreihe "Kulturverführer". Er verfasste zahlreiche Bücher zu kultur- und zeitgeschichtlichen Themen. Für seine in mehrere Sprachen übersetzte Karl-Marx-Biographie "Die Geister, die er rief" wurde er mit dem Preis "Das politische Buch 2010" der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgezeichnet. Bei Siedler erschien von ihm zuletzt die Biographie "Tucholsky. Ein deutsches Leben" (2012). Rolf Hosfeld lebt in der Nähe von Potsdam.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 512
    Erscheinungsdatum: 01.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641117917
    Verlag: Siedler
    Größe: 14180 kBytes
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Heinrich Heine

Die Welt der Konventionen

Zu dieser Zeit stand der Wohlstand der Familie Heine bereits auf tönernen Füßen. Die Wirtschaftsblockade gegen England, die Napoleon seit 1806 verhängt hatte, führte 1810 zur Erhebung eines Wertzolls von vierzig bis fünfzig Prozent auf importierte englische Waren. Das traf Samson Heine empfindlich, denn seine Kollektion bestand zu einem hohen Prozentsatz aus Velveteen, das er in den besten Fabriken der englischen Midlands einkaufte. Er hatte einen Korrespondenten in Liverpool, Mr. Harry, nach dem er seinen erstgeborenen Sohn benannte. Er reiste selbst oft auf die Insel, aber er war doch mehr ein Liebhaber sorgfältig ausgewählter Qualitätsware als ein berechnender Kaufmann. So ging die Chance, die in diesem Schutzzollsystem lag und die zu einem sensationellen Aufschwung der maschinellen Baumwollspinnerei am Niederrhein führte, völlig an ihm vorbei, während sich um ihn herum die bergische Wirtschaft spürbar zu diversifizieren begann. Samson zeigte sich in dieser Umbruchszeit unfähig, die Mentalität eines auf Luxuswaren spezialisierten Handelsjuden abzulegen, und darüber hinaus verliefen seine Geschäfte ohnehin wenig zielgerichtet. Lange Zeit war das kein Problem, weil er als Edelboutiquier immer seine Kundschaft fand, doch nach und nach wurde die napoleonische Zollpolitik wegen der dadurch steigenden Preise zu einer Beschwernis. Seinem umfangreichen Warenvorrat standen dramatisch sinkende Absatzchancen gegenüber, Schuldner blieben säumig, und die eingelagerte Ware wurde täglich unmoderner. Seit 1811 ist er wiederholt illiquide. 42 Im Juli 1813 übernimmt er als zusätzliche Einnahmequelle die Hauptkollekte der Bergischen Klassenlotterie für das Arrondissement Düsseldorf. Als die britische Wirtschaftskrise, ausgelöst durch eine Überschätzung des Konsumverhaltens auf dem Kontinent nach dem Sturz Napoleons, ihre Kreise zieht, trifft es ihn besonders. Die "merkantilische Seifenblase", erinnert sich Heine später, platzte damals "noch schneller als die imperiale", und dieses Ereignis führte letztlich zum vorzeitigen Ende seiner Düsseldorfer Gymnasialzeit.

Die größte Zäsur in seinem bisherigen Leben war das Ergebnis einer Beratung mit Onkel Salomon aus Hamburg, der 1814 – Napoleon hatte gerade abgedankt und war nach Elba verbannt worden – eigens nach Düsseldorf gereist kam. Ein Familienbesuch, verbunden mit der Absicht, ordnend in Samsons schwieriger werdende Geschäfte einzugreifen. Auch seine Tochter Amalie ist mitgekommen, für die Heine in jugendlicher Liebe entbrennt und die eine zentrale Rolle in seiner erotischen Passionsgeschichte spielen wird. Salomon war schon zu dieser Zeit ein reicher Mann. 1797 hatte er in Hamburg zusammen mit Marcus Abraham Heckscher das Bankhaus Heckscher & Co. gegründet und 1808 einen luxuriösen Landsitz an den der Elbe zugeneigten Rainvilleterrassen im dänischen Ottensen erworben. Betty Heine muss sichtlich von ihm beeindruckt gewesen sein. Wenn man ihrem Sohn Glauben schenken will, kam sie damals auf den Gedanken, "es habe jetzt die Stunde geschlagen, wo ein bedeutender Kopf im merkantilischen Fache das Ungeheuerlichste erreichen und sich zum höchsten Gipfel der weltlichen Macht emporschwingen könne". Salomon machte sich seinerseits in der Tradition jüdischer Familienverantwortlichkeit Gedanken über die Zukunft seines Neffen, und man kam überein, ihn auf die Düsseldorfer Handelsschule von Vahrenkampf zu schicken, um ihn für den Kaufmannsberuf vorzubereiten. Doch statt sich seiner geschäftlichen Zukunft zu widmen, übersetzt er lieber heimlich Homer und Ovid in judendeutschen Dialekt und amüsiert damit seine Klassenkameraden. 4

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