text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Johann Wolfgang von Goethe Entwürfe eines Lebens von Hamacher, Bernd (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.02.2012
  • Verlag: WBG Academic
eBook (ePUB)
11,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Johann Wolfgang von Goethe

Weshalb ist Goethe für unsere Kultur noch immer wichtig? Die Gestaltung des Lebens war für Goethe der entscheidende Antrieb seines Schreibens. Diese Biographie begreift die Verbindung von Leben und Werk bei Goethe gänzlich neu. Sie zeigt zum ersten Mal, dass wir die Welt noch immer - und gerade heute - mit den Augen Goethes sehen können. Unser Leben folgt in vielen, auch problematischen Zügen den von ihm entworfenen Modellen. Bernd Hamacher deutet Goethes Lebensentwürfe als Krisen- und Katastrophenmanagement des modernen Lebens. Die zentralen Themen sind Elternhaus und Jugend, Mann und Frau, Mensch und Geschichte, Mensch und Natur. Dr. Bernd Hamacher, geb. 1964, ist Privatdozent für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität zu Köln und wissenschaftlicher Angestellter beim Goethe-Wörterbuch, Arbeitsstelle Hamburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 01.02.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783534706020
    Verlag: WBG Academic
    Größe: 3451 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Johann Wolfgang von Goethe

[ Menü ]

1
"Es gibt keine Individuen"

Ein Mann steht am Fenster und sieht hinaus. Der leere Raum liegt im Dämmerlicht, nur ein Fensterflügel ist geöffnet, draußen ist es hell, sonnig vermutlich, vielleicht heiß, so heiß, dass man sich gerne in die Kühle des Zimmers mit seinem gekachelten Fußboden zurückzieht. Der Blick fällt auf das Haus gegenüber; was der Betrachter unten auf der Straße sehen mag, bleibt uns verborgen. Der Mann am Fenster selbst ist lässig gewandet, Beinkleid und Frisur à la mode, die Füße in bequemen Pantoffeln.

Viele kennen dieses hier in der Titelei reproduzierte Aquarell und wissen, dass es Johann Wolfgang von Goethe zeigt, festgehalten von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein in der Wohnung, die Goethe am römischen Corso im Jahr 1787 mit ihm teilte. Ein intimes Bild, das uns Einblick in Privates gewährt und doch nichts preisgibt. Goethe kehrt uns den Rücken zu - er fühlt sich sicher, von unseren Blicken nicht bedroht, wendet sich aber auch von uns ab. Es fällt leicht, uns ihm zu nähern, ihm vielleicht die Hand auf die Schulter zu legen oder uns gar an seine Stelle zu denken. Und doch sehen und wissen wir nichts - wir kennen sein Gesicht nicht, nicht den Ausdruck, den es in diesem Moment zeigt, und wir wissen nicht, was er sieht. Wir sehen die Welt mit seinen Augen und sind doch blind, leben mit ihm und kennen ihn nicht. Das Bild lädt zur Identifizierung ein und schließt uns gleichzeitig unbarmherzig aus. Wir sind mit Goethe eng vertraut, und wir sind ihm völlig gleichgültig.

Wer also war Goethe? Weshalb ist er für unsere Kultur immer noch so bedeutsam, dass sein Name im Ausland die deutsche Kultur repräsentieren kann? Oder ist das nur mehr ein Relikt aus vergangenen Zeiten? Dass seine Werke in den Regalen von Buchhandlungen und bürgerlichen Haushalten ebenso stehen wie auf den Lehrplänen und Lektürelisten von Schule und Universität, verdeckt den Abgrund an Fremdheit, der heutige Leserinnen und Leser von ihm trennt. Gerade der Umstand, dass das Leben keines Schriftstellers, ja kaum eines Menschen so umfassend dokumentiert sein dürfte wie dasjenige Goethes, lässt den interessierten Blick häufig hilflos schielen: Das eine Auge fließt über vor Detailwissen über das von Tag zu Tag rekonstruierte Leben 1 oder Goethes Wort für Wort erschlossene Sprache. 2 Das klassische Bild, das im anderen Auge entsteht, bleibt blass und ohne Kontur, ein steinernes Monument, totes Bildungsgut. Normalerweise kann das menschliche Auge, zur Not mit Hilfsmitteln, das Schielen so weit korrigieren, dass ein einheitliches Bild im Gehirn entsteht. Den schielenden Blick auf Goethe indes halten - wenn überhaupt - nur Spezialisten aus; allen anderen kann man es nicht verdenken, wenn sie die Augen, die kein räumliches, lebendiges Bild erfassen können, früher oder später schließen und kein Blick mehr auf Goethe fällt. Vielleicht lohnt es sich ja auch gar nicht mehr hinzusehen, vielleicht kennt man ihn ja im Schlaf? Dieses Buch versteht sich als Einladung, die Augen zu öffnen, Goethe vor dem Bildungstod zu retten und neu sehen und lesen zu lernen, aber ohne gegen die drohende Fehlsichtigkeit einfach eine akademische Brille reichen zu wollen: "Wer durch Brillen sieht, hält sich für klüger als er ist" (FA I 10, S. 384). Durch solche Zitate (auch wenn sie, wie hier, aus dem Mund einer Romanfigur, nämlich Wilhelm Meister, stammen) scheint Goethe der heutigen Zeit denkbar fern gerückt, und doch erweisen sich gerade solche vermeintlichen Kuriositäten oft auf überraschende Weise aktuell, aber anders als im Sinne einer platten Fortschritts- oder Modernitätskritik, für die Goethe oft genug (auch) in Anspruch genommen wird.

Das Wissen um Goethe, die Goethe-Wissenschaft, blühte, nur scheinbar paradox, in dem Moment auf, als die leibliche Genealogie Johann Wolfgang von Goethes erloschen war: Mit dem Tod des l

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen